Erst Februar, dann Leben

Es regnete in Strömen. Sie saß auf der Fensterbank und schaute dem Wind dabei zu, wie er die dunkelgrauen Wolken über den Himmel blies und die dicken, schweren Regentropfen gegen die Fensterscheibe klatschte. Sie kuschelte sich noch ein bisschen mehr in den viel zu großen Wollpullover und schloss die Hände noch ein wenig fester um ihre Lieblingstasse voll dampfend heißem Tee. Sie lehnte den Kopf zurück, gegen den Fensterrahmen, schloss die Augen und sog den Moment der Behaglichkeit in sich auf. Trotz dieses Hundewetters ging es ihr ausgesprochen gut. Vielleicht, gestand sie sich ein, gerade deswegen. Absurderweise mochte sie den regenreichen, kalten und ungemütlichen Februar. Nicht, dass sie schlechtes Wetter so gern hatte, nein, sie zog Sonne definitiv vor. Mehr die Tatsache, dass dieser graue Monat nichts von einem erwartete, gefiel ihr. Im Februar lagen keine Festtage, das neue Jahr war schon seit über einem Monat am Laufen und damit die Neujahrsvorsätze auch wieder halb vergessen. Man war den Winter leid und wartete sehnsüchtig auf den Frühling. Ja, der Monat war regelrecht eine Entschuldigung dafür, sich vor der Welt zurückzuziehen. Seine Zeit mit Tagträumereien zu füllen. Seiner Traurigkeit Raum zu lassen. Der perfekte Grund, Pläne zu schmieden ohne sie sofort in die Tat umsetzen zu müssen. Man konnte sich all die tollen Dinge für den kommenden Frühling und Sommer vornehmen ohne tatsächlich rausgehen und sie direkt tun zu müssen. Sonnenschein verlangte gute Laune, Tatendrang und Spontanität. Dreckswetter erlaubte das Alleinsein.

Sie öffnete ihre Augen wieder, nahm einen Schluck des nun nicht mehr ganz so heißen Tees und wandte ihren Blick erneut aus dem Fenster. Sie betrachtete, wie die ekelhaften Windböen die Bäume zum Biegen brachten und wie diese in dem kurzen Moment der Windstille zurückschnellten, um stolz aufgerichtet den nächsten Schwall stürmischer Luft zu erwarten. Die machen es genau richtig, dachte sie. Passen sich an und bewahren trotzdem ihre Haltung. Und sie nahm sich vor, es ein bisschen mehr wie die Bäume zu machen. Sobald der Sturm vorüber war.

Bella hat beschlossen, für 2016 keine Vorsätze zu fassen, weil zu zwanghaft und kontrollorientiert. Stattdessen versucht sie mal, das Geplapper ihres Kopfes zu überhören und ihr Herz zum Reden zu überreden. Gefühle findet sie aber noch immer ein bisschen beunruhigend, also fängt sie erst mal hier mit dem Teilen ihrer Gedanken an.

Headerfoto: Han Cheng Yeh via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Bella

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