Error: Update fehlgeschlagen

Arm in Arm laufen wir über die Brücke. Unter uns fahren die Schiffe wie in Zeitlupe, neben uns funkeln die bunten Liebesschlösser am Brückengitter. Wir sagen nichts, laufen schweigend nebeneinander her und verlieren uns in Gedanken.

Das ganze Wochenende haben wir zusammen verbracht, ohne auch nur einer anderen Menschenseele Beachtung zu schenken. Waren auf einem Konzert, im Kino, haben zusammen gekocht, stundenlang am Rhein gesessen und über das Leben philosophiert und die restliche Zeit im Bett verbracht. Wenn ich mit dir zusammen bin, dann habe ich das Gefühl, niemand anderen zu brauchen. Und das macht mir Angst. Ich war immer stolz auf mein unbeflecktes Herz, habe es gehütet und bewacht wie die Büchse der Pandora. Dann kamst du und hast dich einfach hineingesetzt.

Nach jedem dieser tagelangen Höhenflüge kommt jedoch der freie Fall. Wir telefonieren und schreiben anfangs jeden Tag, dann wird es weniger. Du bist ständig unterwegs, immer auf der Suche nach neuen Leuten. Dann herrscht einige Tage Funkstille.

Wir haben nie Regeln festgelegt oder der Sache einen Namen gegeben. Jedes Mal, wenn du bei mir bist, denk ich, du würdest es endlich aussprechen. Sagen, dass du mich liebst. Aber du tust es nicht. Seit sieben Monaten tanzen wir dieses Tänzchen.

Eigentlich wollte ich das nie, eine Beziehung. Ein Konzept, das ich bisher immer unweigerlich mit den Wörtern Abhängigkeit, Verpflichtung und Beklemmung assoziiert habe. Dieses Schwächezeigen, dass man alleine im Leben nicht klarkommt, war mir unvorstellbar. Eigentlich bin ich mir auch immer noch nicht sicher, ob ich das wirklich kann. Aber irgendwie will ich, dass du es willst. Also rein theoretisch.

Gestern Morgen, als wir noch vollkommen öffentlichkeitsuntauglich im Bett lagen und du einen Freund anrufen wolltest, der dich am nächsten Tag mit zurück nach Hamburg nehmen sollte, stach das Aufblicken der 73 ungelesen Nachrichten auf deinem Handydisplay in meine Augen. Dreiundsiebzig. Dann hast du durch dein Telefonbuch gescrollt und die Liste wollte schlicht kein Ende nehmen. Hunderte von Namen flackerten über den Bildschirm. Dahinter eingeklammerte Orte, Club- oder Cafénamen. Dann stand da mein Name, mehrfach. In dem Moment wurde mir wohl bewusst, warum du mir nie gesagt hast, dass du mich liebst. Obwohl ich weiß, dass du es tust. Nie mit mir zusammen sein wolltest. Obwohl ich weiß, dass du oft daran denkst.

Du, du bist auf der ständigen Suche nach dem ultimativen Update, einer verbesserten, perfekteren Version von mir. Die immer wiederkehrende Funkstille ist für dich nur eine neue Testphase. Spielerin A gegen Spielerin B. Eins gegen eins. Wenn du dich dann irgendwann wieder bei mir meldest, kann ich es wohl als Sieg nach Punkten auf meiner Seite verbuchen. Vorerst zumindest. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Runde beginnt und alles wieder auf null steht.

In dem Moment hätte ich es einfach ansprechen und dich vor das Ultimatum stellen können: alles oder nichts. Aber ich habe es nicht getan. Weil ich insgeheim wusste, dass wir dann nie wieder so glücklich und ungezwungen sein würden, wie wir es bisher waren. Irgendwie scheint dieses konstante, festgelegte Glücklichsein nicht für uns gemacht. Vielleicht vertragen wir es nur häppchenweise.

Wir sind fast am Ende der Brücke angelangt und auf einmal hängt es da, wie für uns gemacht: Ein Zahlenschloss – flexibel, pragmatisch, abgeklärt. Wir schlendern weiter und du kramst nach deinem Handy, um nach der Uhrzeit zu sehen. Zweiundachtzig. Du hast keine dieser Nachrichten geöffnet und gelesen.

Irgendwann kommen wir am Treffpunkt an. Und da stehen wir nun – Fräulein Bindungsangst und der Zufriedenheitsallergiker. Das unnahbare Duo. Die Inkarnationen zweier Klischees unserer Generation. Du legst deine Hände an meinen Hals und küsst mich zum Abschied. Dann gehst du mit einem Lächeln. Vielleicht werden wir mit der Zeit noch erwachsen und eventuell ein bisschen weise. Aber bis dahin: Ich seh’ dich in zwei bis drei Wochen.

Leona ist ein wahrer Wildfang und eine passionierte Tagträumerin. 1998 hat sie mit viel Mühe und Fleiß ihren Füllerführerschein bestanden. Seither versucht sie, an die Erfolge mit dem Schönschreib-ABC anzuknüpfen. Durch ihre Adern fließen einige Tropfen belgisches und niederländisches Blut, exotischer wird es nicht. Am liebsten fährt sie mit dem Fahrrad durch lauwarme Sommernächte, schwimmt durch die Tiefen der Weingläser oder werkelt an allem herum, was nicht niet- und nagelfest ist. Etwaige Kombinationen haben sich jedoch als wenig ratsam erwiesen.

Headerfoto: Chiara Cremaschi via Creative Commons Lizenz!

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