Endstation Sehnsucht

In meinem Kopf eine große Diskussion über immer und immer wieder dasselbe Thema: Du! Es ist, als säßen da Engel und Teufel auf meiner Schulter, jeder mit einer anderen Lösung für mein Glück. Der Tee wird kalt, während ich mir den Kopf über die großen Fragen zermürbe. Und doch sind die Antworten eigentlich schon so lange gegeben, aber ich will sie nicht annehmen, will sie verdrehen, möchte meine eigene Wahrheit.

Mein Handy vibriert. Dein Name auf dem Display – mein Körper im Ausnahmezustand.

„Wollen wir uns heute sehen?“, fragst du. Ich scrolle durch unseren Verlauf, ich habe keine Angst mehr vor Ernüchterung, ich weiß, was mich erwartet, ich kenne das ewige Spiel. Ich schreibe, weil ich wissen will, wie es dir geht, du schreibst, weil du hungrig bist. Ich musste nie betrunken sein, um dir nachts sehnsuchtsvolle Nachrichten zu hinterlassen.

Ich habe so lange gewartet auf eine Antwort, in der sich unsere Gefühle ergänzen. Aber so war es nie mehr und so wird es niemals mehr sein. Deine Worte waren immer nüchtern. Ich vervollständige deinen Satz automatisch. Ich wünschte, du ließest mir eine Illusion, aber ich weiß viel zu gut, was du wirklich sagen willst.

„Wollen wir uns heute sehen? Ich habe Lust mit dir zu schlafen und dann ein bisschen Kuscheln, Liebe auftanken. Du tust mir so gut. Für eine Nacht.“ Ich spüre förmlich, wie du auf meine Antwort wartest. Du weißt, dass ich zusagen werde.

Dein Körper ist nass geschwitzt, du keuchst zufrieden. Ich liege in deinem Arm, du streichelst mich. Alles an uns sieht aus, als seien wir ein glückliches Paar. Aber der Konjunktiv bleibt.

Die Abläufe sind routiniert, ich weiß, was jetzt folgt. Du bist niemand, der mich sofort rausschmeißt. Manchmal liegen wir noch Stunden so nebeneinander. Wenn ich bei dir bin, ist mein Kopf leer und mein Bauch warm, ich denke nicht daran, wie sehr du mich schon verletzt hast. In diesen Stunden tue ich einfach so, als wären die Worte noch nicht gesagt. Seit du da bist, kenne ich das Schauspielen besser als mich selbst.

Immer das gleiche Abschiedsritual: eine Umarmung, ein Kuss, ein Versprechen. Ein Versprechen, dass wir uns wiedersehen. Dann fällt die Tür hinter mir ins Schloss.

„Ich kann deine Gefühle nicht erwidern und vielleicht sollten wir es deswegen einfach lassen. Aber wir können gerne befreundet bleiben. Du siehst in der Sache einfach viel mehr als ich.“ Anstatt an diesem Stoppschild anzuhalten, habe ich aufs Gas gedrückt. Immer und immer wieder.

Wer will diese vermeintlichen Liebesfilme eigentlich sehen, in denen die Protagonisten niemals zusammenfinden? Ich hätte aussteigen können. Du hast mir die Chance gegeben. Aber ich habe mich noch mehr verliebt, verliebt in deine gnadenlose Ehrlichkeit.

Du hast mal gesagt, man soll niemals aufgeben.

Ich könnte 100 Dinge an dir aufzählen, die ich an dir mag und doch wäre nichts gesagt.

Anna hat vor einem Jahr angefangen zu studieren und erlebt seitdem eine Achterbahn der Gefühle. Kaum Zeit, aber so tun als ob, um sich dann die Nächte mit seitenlangen To do-Listen um die Ohren zu schlagen. Wenn dann doch mal Zeit ist, genießt sie die schönen Seiten des Lebens: Gutes Essen, Reisen und die Welt entdecken und sich mit den Personen umgeben, die einen glücklich machen. Problem: Sie hängt an allem, aber eben nicht nur an Materiellem. Sie hat „leichte“ Schwierigkeiten, Menschen, die ihr nicht gut tun, auszusortieren.

Headerfoto: Lua Corujeira. via Creative Commons Lizenz! („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

imgegenteil_Anna

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25 Comments

  • Was ist los mit uns Frauen? Wie masochistisch sind wir? Ich finde man kann sich einmal enttäuschen lassen, vielleicht zweimal, aber dann sollte man Konsequenzen ziehen und strikt nein sagen. Nur dann gibt es die Chance dass er merkt dass er was wichtiges verloren hat. Wenn er es dann nicht merkt muss man sich klarmachen: Er findet mich nicht gut genug. Bitter. Aber besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
    Respekt beginnt bei einem selbst.

    • Ich (m, 43) sehe das anders. Frauen sagen zu oft zu früh ’nein‘! Euch Frauen ist dieser Luxus der ‚Entscheidung‘ gar nicht bewusst!
      Nur ihr trefft ‚eine Entscheidung‘! Männer haben diesen Luxus nicht. Was sind das für Umstände, die euch dazu bringen, euch absolut und bedingungslos für diesen einen Mann zu entscheiden und dann nicht wieder loszulassen?
      Ihr entscheidet euch für diesen einen Mann, der es weder wert ist, noch der richtige und schickt 20 andere Männer in die Wüste, die es mehr wert sind.
      Verstehe ich nicht.

      Der letzte Satz (facepalm!)… Immer diese Sprüche. Wie soll das gehen, sich selbst zu respektieren oder das eben nicht? Bullshit.
      Man muss sich ehrlich sein. Und was hat das damit zu tun, einem Bild nachzulaufen, dass keinen Frieden oder Erfüllung bringt? Ich erkenne da keine Bereitschaft für Kompromisse. FG

  • Ich bin schon lange immer wieder in ähnlichen Situation.. bis ich vor zwei Wochen einen total Ausfall hatte und mir bewusst geworden ist, was da immer wieder passiert. Ich projiziere etwas in den anderen Menschen hinein und egal wie oft dieser Mensch mir sagt oder zeigt, dass er nicht kann, nicht will, ich finde immer eine Erklärung, etwas an dem ich meine Hoffnung aufrecht erhalten kann. Bis zu dem Punkt, dass ich meine Werte und Vorstellungen sogar dafür über den Haufen werde. Mir ist vor zwei Wochen klar geworden, dass es an mangelnder Selbstliebe liegt.. Selbstliebe – das Thema wird fast schon gehandelt, wie eine Modeerscheinung, aber nicht ohne Grund geht es immer wieder darum. Wir alle haben ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Liebe, wir alle kommen unschuldig auf die Welt und werden von unserem Umfeld zu dem gemacht, was wir heute sind (stark vereinfacht) … wenn wir uns in solchen schmerzhaften „Beziehungen“ wiederfinden, liegt es dann vielleicht einfach daran, dass wir aus mangelnder Selbstliebe mangelnden Respekt uns selbst gegenüber haben… und leider sind wir, die wir uns immer wieder in diesen Situation finden, häufig die sensibelsten Wesen, wirken jedoch am stärksten.

  • Jeder Quadratmillimeter eines Körpers ist kostbar. Schön ist es auf jeden Fall, wenn das schlagende Herz darin erkannt wird.

    Wenn Du das Leben magst, Sex magst, dass Zusammenleben magst.

    Und hast dann noch einen passenden Partner gefunden, der den Alltag mit Dir verbringen will.

    Dann hast Du supie Glück.

    Manchmal kann das Leben hart sein.

    Das Leben ist halt so, wie es ist.

    Alles stirbt, alles wird neu geboren.

    Nach der Endstastion Sehnsucht kommt auch etwas-,
    und wenn es der Partner Deiner Träume ist.

    • Und wieder lassen wir uns mitreißen von all den ungesagten Worten, unausgesprochenen Hoffnungen, bittersüßen Stunden und verheißungsvollen Versprechungen… Wie du schon sagst: Es gäbe so viel zu sagen und doch würde kein Wort gesagt werden. Warum eigentlich?
      Sind es unsere Illusionen oder Sehnsüchte, die uns in dieser kleinen Unendlichkeit gefangen halten und nicht loslassen? In dieser Sekunde bedeutet dir der warme Hauch des anderen die Welt – ein Universum, dass sich nur durch ihn/sie dreht. Was aber, wenn wir plötzlich merken, dass es endlich ist? Sein Zentrum auf andere Dinge ausgerichtet ist? Gibt es dann nicht auf andere Unendlichkeit, auf die das Licht fällt und die unsere Sehnsüchte neu erwecken können?
      Wundersames Leben …

  • Danke für diese Zeilen. Zeilen, die eine hoffnungslose Liebe nicht besser beschreiben könnten.
    Ich weiß ganz genau, in welchem Delirium du dich befindest.
    Man fühlt sich nur bei Ihm lebendig, aber es bringt einen auch innerlich um.
    Ich wünsche dir alles Gute.

  • Uns Männern fällt es schwer über Gefühle zu sprechen, aber eins muss ich dir sagen:
    Du musst ein wunderbarer Mensch sein. Und ich bezweifle, dass der Mann an den das hier gerichtet ist, jemals begriffen hat, wen er neben sich liegen hat. Du hast in ihm trotz allem nur das Schöne gesehen und ihn nie aufgegeben.
    Dieser Artikel ist die schönste Liebeserklärung, die ich je gelesen habe.

  • Gefühle sind stark. Worte können auch stark sein. Wenn Worte Gefühle in Sprache wandeln können.
    Danke für den Stich im Bauch beim Lesen dieser Zeilen. Manchmal muss man Gefühle gelesen haben, um zu verstehen, um sich zu verstehen oder das Gegenüber. Ehrlichkeit schmerzt. Sehnsucht schmerzt. Und siegt meistens.

  • Jetzt mal ehrlich:
    Das Leben ist viel zu kurz um jemandem hinterherzurennen der die eigenen Gefühle nicht erwidert. Es gibt SO viele wundervolle Menschen und sicher jemanden mit dem man glücklicher ist. Den wird man aber nicht finden wenn man die Zeit mit jemandem verschwendet, der einen nicht geben kann was man sucht. Jeder hat es verdient jemanden zu finden der ihn wirklich glücklich macht. Aber dazu muss man erstmal loslassen.

  • Ich find den Text auch seehr gut geschrieben. Ich kann mich damit identifizieren weil ich momentan in der selben Situation stecke, nur was tun?

  • Einer der tiefsten Texte, die ich je gelesen habe zu diesem Zustand aus Hoffen, warten, lieben, fühlen, Sehnsucht, Erfüllung und jedesmal einem kleinen Sterben. Danke für diesen Moment.

  • Danke für deinen Text .gott sei dank liegt es bei mir in der Vergangenheit .es war schmerzend verzehrend sich nicht mehr zu melden nach immer wiederkehrenden Hoffnungsglimmen die endlich durch Worte erstickt wurden. Warum hab ich es so lange nicht gekonnt? Du hast die Worte gefunden dafür. ……

  • Und ich warte schon 2 Jahren auf ihren Anruf. Es gibt eine unehrliche Art von Ehrlichkeit. Aber es gibt auch unehliches Warten. Was gefällt mir bloß so daran?

  • Und irgendwann liest jemand diesen Text, erkennt sich wieder und in einer beflügelnden Gehässigkeit und zeitgleichen Dankbarkeit für diese ehrlichen Worte, reckt man das Kinn und macht weiter „nur nicht aufgeben, es gibt einen neuen Morgen“!

  • Ich bin exakt in der gleichen Lage und fühle mich genauso verloren, wie Anna. Ich kann den Schritt nicht gehen, ihn einfach hinter mir zu lassen, auch wenn ich weiß, dass es mir auf die Dauer ohne ihn besser ginge

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