Einander runterholen

„Willst du mit mir nach Hause kommen?“ hat mich ein schöner Junge mal gefragt, der mir zum ersten Mal in meinem Leben in einem Club MDMA ins Zahnfleisch schmierte. Ich fühlte mich geschmeichelt.

„Ich will nicht alleine wieder runterkommen“, schob er hinterher. Ich wusste nicht wovon er sprach, wusste da noch nicht, wovor er Angst hatte.

Wenn Berührungen auf Drogen sich intensivieren, synästhetisch die Synapsen zum bersten bringen, dann puffern sie auch den Come-Down, den man sich nach dem Rausch einfängt. Der Kredit, den wir auf unserem Serotoninspiegel abheben, um für ein paar Stunden noch glücklicher als glücklich zu sein, werden wir zurückzahlen müssen. Warum soll ich mir Cashews reinknallen, um mit dem enthaltenen L-Tryptophan meine Serotoninproduktion anzuregen, wenn ich mich an jemandes Brust schmiegen kann?

„Du hast eine schöne Brust”, sagte ich einem Typen, dem ich gerade Feuer gegeben hatte. Er bedankt sich und lächelt so süß, dass er auch nüchtern ein Sonnenschein sein muss. Als er meine Hand nimmt und mich auf eine Couch zieht, um rumzuknutschen, hoffe ich, dass es auch noch kribbelt, wenn wir nicht mehr high sind.

Die Balance zwischen miteinander rumhängen und sich wieder lösen, damit man sich den Freunden widmen kann, ist fragil. Unverbindlich aber verbunden, erwartungsfrei und kokettierend, hält man Händchen, ohne sich zu berühren, hat man zusammen Spaß, lotet aus und irgendwann ist klar: wir gehen hier zusammen raus.

„Du küsst aber gut“, sagt er und lächelt mich wieder so süß an, dass ich nicht anders kann, als mir auf die lächelnd auf die Unterlippe zu beißen. „Die Chemie stimmt“, sage ich und hoffe, dass ich damit nur metaphorisch richtig liege.

Ob die chemisch induzierte Sympathie auch für nach dem Rausch noch reicht, kann man oft nicht beurteilen, wenn man noch mitten im Freudentaumel steckt und die einzige sinnvolle Bewegung das Tanzen scheint. Aber irgendwann hat man keine Lust mehr auf Tanzen, keine Lust mehr auf Musik, ist jeder Beat nur noch ein weiterer Schlag in die Fresse des Trommelfells. Irgendwann macht das Gehirn einfach dicht, tritt Überforderung ein und man will nur noch ins Bett.

„Bin ich wirklich bereit diesen Ort zu verlassen?“ fragte mich ein schöner Junge, als unsere Freunde sich gerade auf den Heimweg machen – die wir doch gesucht hatten, um uns zu verabschieden und mit denen wir uns zum letzten Mal festgetanzt hatten. Ich greife seine Hüften, ziehe ihn an mich heran und küsse ihn, als wolle ich ihn fragen: „Was wollen wir hier noch?“

Die Drastik der Frage „Bin ich wirklich bereit diesen Ort zu verlassen?“ speist sich aus den Konsequenzen: bleibe ich länger, nutze ich die vollgebasste Gastfreundschaft des Clubs aus, treibe ich noch was auf, finde ich noch Reste in meinen Hosentaschen – oder bin ich jetzt mal kurz erwachsen und schaffe den Absprung, setze mich in Bahn (aua) oder Taxi (uff) und harre der Dinge, die da kommen.

Wenn man dann zu Hause ist und es schafft zu pinkeln, dann kann man (als Mann) auch schwer darauf hoffen zu kommen. Wenn man dann rumkuschelt, weiter küsst, weiter fummelt, die im Tanz gemachten Versprechungen von gutem Sex zaghaft einlöst, einschläft, aufwacht, weiter Sex hat, wieder einschläft, wieder Sex hat und irgendwann kommt, um nur wieder einzuschlafen, leckt man einander nicht nur die Schwänze, sondern auch die Wunden, die man sich im Feierfreudentanztaumel geschlagen hat.

Wenn mich jetzt jemand fragt „Willst du mit mir nach Hause kommen?“, dann weiß ich was er will. Ich weiß aber nicht, was es bedeutet. Wir hielten Händchen im Rausch, genossen zusammen, doch wenn wir zusammen landen, dann geben wir mehr von uns Preis, als wir es im geschützten Club jemals könnten. Wir wollen unverbindlich sein, aber gehen doch eine Bindung ein. Entblößt und abgerockt halten wir einander fest und hoffen, dass es bald vorbei ist, dass es niemals aufhört, dass es immer so sein wird. Wachen wir auf, ziehen wir weiter, verabschieden uns, kann uns aber niemand diese Intimität mehr nehmen. Der Sex, den wir hatten, kann nicht bedeutungslos sein, weil er uns davor beschützt, tief zu fallen. Erwarten wir nichts voneinander, erwarten wir nicht mehr, als wir uns gerade in diesem Moment geben können, werden wir nicht enttäuscht. Wenn wir uns in Clubs flüchten, um nur im Moment zu existieren, warum sollten wir plötzlich danach mehr wissen wollen?

Jemanden im Rausch mit Heim nehmen, einander runterholen, hat seine ganz eigene Ästhetik.

KEVIN zerbricht sich gerne den Kopf über alles, was mit Liebe zu tun hat. Überhaupt schreibt er gerne über alle möglichen zeitgenössischen Phänomene zwischen Pop- und Subkultur. Keine Kneifzange, alles kommt in den literarisch-essayistischen Fleischwolf. Neben dem freien Schreiben bloggt er auf "wolf auf tausend plateaus" über genau das: Alles und Mögliches.

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