Ein zweites Mal

Die Worte „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ haben für mich ehrlich gesagt einen so geringen Wahrheitsgehalt wie die Antwort auf die Frage „Sag mal, findest du ich habe zugenommen?“. Nämlich gar keinen. Wenn es dagegen jemand ist, den ich ungern wiedersehen möchte, dann treffen die Worte natürlich penibel zu.

Wie zum Beispiel der Typ aus dem Spanisch-Kurs, der sich eifrig immer den Platz neben mir schnappte und mich mit seinem herausstechend klaren deutschen Akzent „guapa“ nannte, was so viel bedeutet wie „Hübsche“. Bei jedem anderen wäre ich wahrscheinlich rot geworden und hätte nervös gekichert. Ja, nun, bei Enrico, so hieß er, ignorierte ich die lieblichen Worte allerdings konzentriert und schaute jedes Mal verbissen in mein Spanischbuch. Enrico traf ich per Zufall 3 Monate später wieder in einer Bar. 

Oder der schmierige Freund auf der WG-Party von Susie, der mir erzählte, wie dekadent sein Urlaub in Cannes gewesen sei. Und von seiner neuen Wohnung im 15 Stock erzählte er mir, natürlich verglast. Als er seine Arme wie eine Oktopus um mich schlang, empfand ich statt Glück einfach nur Übelkeit (was definitiv nicht an meinem Alkoholpegel lag!). Jonathan traf ich ein halbes Jahr später wieder auf einer Galerie-Eröffnung.

Im anderen Fall der nette, aber nervige junge Mann hinter der Bar in meinem damaligen Lieblingsrestaurant. Nachdem er mir seine Handynummer auf einer Serviette zusteckte und mir schelmisch zuzwinkerte, nahm ich sie entgegen mit dem Wissen, sie gleich in den nächsten Mülleimer zu schmeißen und musste so gezwungenermaßen mein Lieblingsrestaurant wechseln, um der unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Juan war ja süß mit seiner kleinen Locke, aber mein Instinkt sagte mir eben spontan: Suche das weite! Juan traf ich ein Jahr später in meinem neuen Lieblingsrestaurant. Aber dieses Mal als Gast. Auf die Frage, wieso ich mich nie gemeldet habe, antwortete ich, ich hätte die Serviette als Taschentuch gebraucht und vergessen, dass seine Nummer dort drauf stand und tada – so konnte ich seine Nummer natürlich nicht mehr lesen.

Ja, was gibt es für wunderbare Zufälle, aber eben in diesem Fall nicht wunderbar. 

Die prozentuale „Man sieht sich immer zweimal im Leben“-Quote liegt bei den Männern, die ich eigentlich unbedingt nie wieder treffen wollte, bei 60 Prozent. Bei den Männern, die ich entschieden, auf jeden Fall, absolut, zweifellos gerne zweimal im Leben sehen wollen würde, liegt sie bei 0 Prozent. Ja, 0. Ab und zu gibt es ein paar Ausreißer, welche die Quote auf 1 Prozent in die Höhe schnellen lassen.

Der Moment, indem du jemanden entdeckst, der dir jegliche Konzentration auf alles andere nimmt. Der präsente gleichzeitige Wunsch, ihr würdet euch nie wieder aus den Augen verlieren und die Zeit würde einfach anhalten. Anhalten, bis sich eure Wege wieder trennen. Ja und dann, sieht man sich irgendwann, irgendwo noch einmal wieder. Ein zweites Mal.

Dieses zweite Mal ist wie eine Sternschnuppe. Selten. Sehr selten.

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich ihn an den Tresen lehnen sah. Er unterhielt sich mit einem Freund. Anscheinend ziemlich angeregt, denn er nahm seine Umgebung sonst nicht wahr. Bis zu diesem einen Augenblick. Mein Blick schweifte durch die Menge tanzwütiger Menschen, wurde aber ein wenig eingeschränkt durch den Rauch von Zigaretten. Unsere Blicke trafen sich. Sekunden fühlten sich an wie Minuten. Ich spürte wie ich anfing, aufgeregt zu werden, wie ein kleines Kind bei der Einschulung. Meine Hand versuchte, meine Haare wuscheliger aussehen zu lassen. Ich spürte wie sein Blick mich förmlich durchbohrte. Nicht unangenehm. Angenehm. Er ruhte auf mir. Nicht auf meinem Körper. Auf meinen Lippen, dann auf meinen Augen. Ich wünschte mir, dass etwas passierte. Ich wünschte mir, dass er mich anspricht. Stattdessen ging es den ganzen Abend so weiter, bis ich irgendwann ging.

Wir verhielten uns unbeteiligt cool, niemand zeigte Initiative. Und trotzdem ging er mir nicht aus dem Kopf. Ich ging noch gefühlte 100 Mal in diesen Club, um ihn vielleicht wiederzusehen, jedoch erfolglos.

Schlürfend trank ich meinen Kaffee, wobei mir der weiße Milchschaum einen Bart zauberte. Meine Freundin redete wie ein Wasserfall. Das meiste war über ihr bevorstehendes Date und die damit verbundene katastrophale Frage nach dem vorteilhaftesten Outfit. Ich schlug ihr vor, zur Beruhigung vor dem Date vielleicht noch einmal ein paar Yoga-Übungen zu machen und nein, nicht das tiefe Dekolleté zu wählen, als ich ihn an dem kleinen Tisch in der Ecke sitzen sah. Er arbeitete gerade, so schien es. Seine Augen auf seinen Laptop gerichtet und seinen Espresso kippend, blickte er auf einmal hoch, registrierte mich und zauberte ein verschmitztes Lächeln herbei. Es war zugegebenermaßen ansteckend, also lächelte ich zurück.

Während ich meiner Freundin mit einem Nicken zu verstehen gab, dass ich ihr zuhörte, wünschte ich mir, dieser Typ würde mir vielleicht mal eine Serviette zustecken. Nein. Keine Serviette. Auch keine Telefonnummer. Da war er wieder. Dieser Moment, in dem man hofft, es würde etwas passieren. Es passierte jedoch auch diesmal wieder … nichts.

Diese Momente kennt ihr bestimmt, oder? Viele solcher Spezies sogar, da bin ich mir sicher. Manche kürzer weilend, manche länger.

Und ein Gedanke, der sich aufdrängt. Was wäre, wenn? Warum ist nichts passiert?

Das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Jemanden verpasst zu haben. Das Gefühl der Sehnsucht, nach jemandem, den man nicht kennt, weil man nie die Chance hatte, ihn kennenzulernen.

Der Moment spielt sich immer wieder vor den eigenen Augen ab. Irgendwann verblasst er. Und dann kommt ein neuer hinzu. Im Anschluss ärgert man sich, nichts gemacht zu haben und man ärgert sich noch mehr darüber, dass der andere nichts getan hat.

Man könnte weiterhin darauf vertrauen, dass man sich irgendwann, irgendwo wieder sieht. Ein zweites Mal.

Wir müssen nicht immer darauf warten, dass andere unser Glück in die Hand nehmen. Aus Minuten werden Monate und aus Monaten werden Jahre. Und immer mehr vergeudete Chancen.

Klar, es könnte peinlich werden. Klar, er könnte lachen und sich wegdrehen. Klar, er könnte dir sagen, er hätte kein Interesse.

Aber er könnte sich auch riesig freuen.

Josefine Elle ist runde 20 Jahre alt , ambitionierte Studentin und ein Master, wenn es darum geht, um den heißen Brei zu reden. Berlin ist ihre Heimatstadt, besonder haben es ihr die kleinen Cafés angetan. Sie geht gerne zu Zumba und liebt es, wenn der Wind ihr beim Fahrradfahren ins Gesicht bläst. Außerdem mag sie britische und französische Akzente und  bei Liebesfilmen kullert bei ihr gelegentlich die ein oder andere Träne.

Headerfoto: natalia peres via Creative Commons Lizenz!

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