Ein Hauch von Hoffnung bleibt – auch nach sechs Jahren ohne Partner

Langzeitsingle. So nennt man heutzutage jemanden wie mich. Seit sechs Jahren bin ich ohne festen Partner an meiner Seite.

Generation Beziehungsunfähig. Generation Tinder. Benching. Ghosting. Neuerdings gäbe es da auch noch die „non-relationship“. Alles Modewörter, die meiner durchlebten Männer-Misere der vergangenen Jahre einen Namen geben. Scheinbare Phänomene, die ganz schön viel Schmerz in der Brust hinterlassen, werden damit greifbar und verständlich, doch nicht unbedingt besser nachvollziehbar.

Schon lange habe ich die Frage nach dem Warum aufgegeben. Warum will es einfach nicht funktionieren? Ich weiß es nicht. Denn jeder hat seine Geschichte. Jeder hat sein ganz eigenes Päckchen zu tragen. So sind die meisten von uns in ihrem Leben bereits von einem nahestehenden Menschen verletzt worden. Keine einzigartige Erfahrung, mittlerweile wohl eher die Norm. Die einen gehen als weniger beziehungsgeschädigt heraus, die anderen (sagen wir die meisten) als etwas ramponierter. Auch die Abwehrmechanismen auf Zurückweisung, Ablehnung oder das Verlassenwerden sind völlig unterschiedlich.

Die einen ertränken ihren Schmerz in Rotwein, vernebeln sich die Sinne mit zu vielen Fluppen, vögeln sich durch die Gegend, um wieder irgendetwas zu spüren; die anderen ziehen sich zurück, heulen Tage und Nächte durch, bis sie scheinbar von innen völlig ausgetrocknet und leer sind. Und manche, ja manche durchleben von allem ein bisschen, und das im ständigen Wechsel. Oder von allem recht viel und intensiv, so wie ich. Wie lange eine jede Phase anhält? Eine weitere Frage ohne Antwort.

Andere haben schon aufgegeben, resignieren, entziehen sich diesem Trauerspiel und wollen nie mehr etwas von enger Verbundenheit mit einem anderen Menschen wissen.

Manche tragen noch Hoffnung in sich und lassen sich immer wieder von vorne auf die Suche nach einer endlich funktionierenden Beziehung ein. Andere haben schon aufgegeben, resignieren, entziehen sich diesem Trauerspiel und wollen nie mehr etwas von enger Verbundenheit mit einem anderen Menschen wissen.

Zu letzterem zähle ich. Auch mir ging es so. Die erste große Liebe. Eine Beziehung voller Leidenschaft – ja eine Beziehung, die viel Leiden schaffte. Acht Jahre hin und her. Bis es zu einem endgültigen Cut kam. Was folgte, waren Jahre über Jahre der Verlorenheit. Phasen der Trauer, tiefsten Enttäuschung, Verletztheit wechselten sich kunterbunt mit Phasen der Verlorenheit und der Verzweiflung ab, bis sie schließlich in der Unfähigkeit endeten, jemals wieder eine neue Bindung einzugehen.

Zu groß war die Angst vor erneuten Verletzungen. Zu tief saß noch der vergangene Schmerz. Die hinterlassenen Wunden wurden zu spürbaren Narben. Umherwuselnde Gedanken reisten immer wieder in die Vergangenheit, durchlebten immer wieder die Dramen, die Trennung von vorne, ließen den Schmerz noch größer werden, lähmten schließlich die Gefühle völlig und ließen mich zu einer leeren Körperhülle verkommen.

Was folgte, war eine lange, lange Zeit des Alleinseins, in der ich höchstens aufgrund körperlicher Bedürfnisse kurzzeitig oberflächlich Nähe zuließ. Angesichts der Länge dieser Phase verfestigte sich nach und nach eine tiefsitzende Einsamkeit, die mich in aller Verzweiflung nach einer rettenden neuen Beziehung greifen ließ, die doch immer wieder in altvertrauter Verletztheit und Enttäuschung endete.

Und all das ausgerechnet in der Blüte meines Lebens. Während andere sesshaft werden, Kinder kriegen, ihre gemeinsame Zukunft planen, kämpfe ich unentwegt mit mir selbst, um endlich wieder klar zu kommen, irgendwie mit Ach und Krach den Weg zurück ins Leben zu finden. Gar nicht so einfach. Ein Kraftakt, der schnell in Verbitterung umschlagen kann.

Während ich mich völlig in mir selbst verloren habe, habe ich mich letztlich wieder gefunden.

Noch nie zuvor habe ich mich so intensiv mit mir selbst und den verborgenen Tiefen meiner Gedanken- und Gefühlswelt auseinandergesetzt. Während ich mich völlig in mir selbst verloren habe, habe ich mich letztlich wieder gefunden. Nach unzähligen Abbiegungen, Sackgassen-Stopps und diversen Umwegen war sie plötzlich, ganz unverhofft wieder da – die Hoffnung. Und mit ihr kam das Grundvertrauen zurück. Es gibt sie. Ja, die Liebe gibt es. Sie kann wehtun, ja, aber sie muss es nicht. Sie kann unglaublich schön, bereichernd sein. Man muss sich ihr nur öffnen, ihr eine Chance geben, mutig sein.

Und das war ich. Nein, bin ich. Kurz davor völlig verbittert zu werden, mich in der Aussichtslosigkeit zu suhlen, habe ich den Absprung gewagt und begann, mich Männern wieder zu öffnen, endlich wieder Nähe und Vertrautheit zuzulassen.

Sich in dieser Form zu öffnen ist aber noch kein Garant für ein happy beginning. Im Gegenteil.

Sich in dieser Form zu öffnen ist aber noch kein Garant für ein happy beginning. Im Gegenteil. Das ist nur meine Geschichte. Mein Gegenüber schleppt seine ganz eigene mit sich herum. Und so passiert es noch immer, dass ich auf jemanden treffe, mich gänzlich öffne, mich verletzlich mache und auf das beste in ihm hoffe, – dass dieser mich eben nicht wieder verletzt und ich ihm tatsächlich vertrauen kann – und es dann doch wieder nicht hinhaut.

Wie gerade jetzt erst. Ein Mann spricht mich an, bringt mein Herz sofort zum höherschlagen, lässt meine Beine wackeln, raubt mir meinen Atem. Nach so vielen Jahren des Verlorenseins taucht er aus dem Nichts auf und verändert alles. Ein Funkeln in den Augen, ein Lächeln, das mich mehr strahlen lässt als jemals zuvor, Blicke, die sich ineinander verlieren.

Tiefe Verbundenheit, die uns über alles hinwegsehen lässt, für einen kurzen Moment gar alles vergessen lässt, was zuvor war. Zwei verlorene Seelen, die aufeinanderstoßen, um sich dabei zu helfen, ihre gebrochenen Herzen wieder zusammenzuflicken.

Waghalsig stürze ich mich in das Abenteuer, sehe mich in Gedanken bereits mit ihm alt werden. Von innen ruft es: „Das ist er! Das ist er!“ Doch in meiner Euphorie übersehe ich seine Geschichte, die ihn Zweisamkeit nur noch misstrauisch gegenüber stehen lässt, und sein Päckchen, dessen Schwere ihn in totale Bindungsunfähigkeit manövriert.

Völlig verblendet von seinem vergangenen Trennungsschmerz, überfordert von den aufkeimdenen Emotionen für mich, ist er nicht mehr in der Lage, seinen Gefühlen zu folgen und sie zuzulassen, sondern zieht eiskalt die Notbremse. Und das, was gerade so schön am Entstehen war, geht zugrunde. Noch bevor sich ein „uns“, ein „wir“ entwickeln kann, kehrt er zurück in seine Realität und verliert sich in seinem blinden Streben nach ewiger emotionaler Unabhängigkeit. Nie wieder verletzlich sein, nie wieder verletzt werden können – mit diesem aufgezwungenen Selbstschutzmechanismus jedoch andere zutiefst verletzen.

Und was bleibt, ist das klirrende Geräusch eines weiteren Stücks meines Herzens, das gerade zerbricht.

Aber was dieses Mal auch zurückbleibt, ist die Hoffnung, dass die Liebe irgendwann nicht mehr weh tut, sondern einfach nur ist, was sie in Wirklichkeit ist – nämlich eine unglaubliche Bereicherung, die das Leben nicht schwerer, sondern einfacher und schöner macht. Noch habe ich nicht aufgegeben. Denn alles, was bleibt, ist ein Hauch von Hoffnung.

Wenn Savinar nicht gerade am Weltumrunden ist, begibt sie sich auf emotionale Gefühlsreise und Erkundung ihrer selbst. Nach ein paar aufregenden Jahren im Überall und Nirgendwo, hat sie sich vorerst wieder in Deutschland niedergelassen. Seit neuestem geht sie den spirituellen Weg und hofft, in ihren Meditationen Erkenntnisse zu gewinnen, um mehr Ruhe in das Gefühlschaos ihrer Gedankenwelt zu bringen.

Headerfoto: Samuel Dixon via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Foto gespiegelt.) Danke dafür!

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5 Comments

  • Wahnsinn. Du sprichst mir aus der Seele.
    Schade und doch schön zu sehen, dass ich gefühlt nicht die einzige bin der es so geht.
    Ich denke es kommt alles wie es kommen sollte.
    Somit versuche ich persönlich erst mich selbst zu finden, bevor ich jemanden in mein Leben involviere -außer vielleicht meine Psychologin :))
    Der Text ist wirklich schön geschrieben 🙂
    Danke für diesen schönen Beitrag!

  • Ich bin seit zig Jahren single (bis auf ein paar kurze enttäuschende Unterbrechungen). Ich glaub daran wird sich auch nichts mehr ändern. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es vielleicht besser das eigene Glück in etwas anderem zu suchen. Tele-Shopping oder sowas.

  • Der Text könnte zu großen Teilen von mir sein.
    Bin seit März 2009 solo. Mal zufrieden damit, mal gar nicht.
    Aber immer ist da die Angst, wieder so verletzt zu werden, wie das letzte Mal. Ich KANN gerade niemandem vertrauen und weiß nicht, ob ich es nochmal versuchen sollte.

  • Bei mir sind es schon fast 8 Jahre und du hast das genau so beschrieben wie sich das auch für mich anfühlt… Danke für diesen Text!

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