Ein ganzes halbes Jahr #2

Er kam und umarmte mich, als ich an der Bar saß und mein Knie stieß dabei an seine Eier, während er mir den Rücken tätschelte.

Was bisher geschah.

20. Oktober. Liebes Tagebuch,

mein aufgeregtes Herz musste erst 180 Stufen erklimmen, eh ich bei Konrad in der WG stand. Ich dachte schon, ich breche keuchend in dem hässlichen Flur zusammen. Auf diesen roten Stufen würde man mich dann finden und nur noch meinen Tod feststellen können. Aber nee, ich betrat gesund und mit leicht geröteten Wangen Konrads Zimmer, der mit nassen Haaren zwischen Bad und seinem Zimmer hin und her sprang. Er hat bald ein wichtiges Vorstellungsgespräch und fragte, ob ich Haare schneiden könne. Ich stellte mir kurz vor, wie ich ihm seine Locken schneide und wir uns dabei im Spiegel ansehen. Ich lief nur rot an, dann gab‘s Kaffee in der Küche. Konrad cremte sich die Hände ein. Aha! Kamille ist wohl sein Duft. Ich sollte dann den Kaffee in die Tassen gießen, weil er ja noch so rutschige Hände von der Creme hatte. Er fragte mich, ob alles okay wäre, wahrscheinlich guckte ich etwas erschrocken. Ich lief wieder rot an, hielt mir noch verschämter die Hände vors Gesicht und flüchtete auf die Toilette. Krass, was da mit mir abging. Ich weiß es nicht. Ich hatte einfach nur Angst, dass R. jeden Moment auftauchen könnte. Aber weißt du was? Er kam nicht. Er konnte gar nicht kommen. Er war tausende Kilometer entfernt, bei ihr. Und ich dachte, ich würde total ausflippen, aber nee. War kristallcool, habe nichts gespürt. Ich frag mich, ob ich und Konrad nur Freunde sind, die gute Musik tauschen. Der Kaffee war jedenfalls lecker!
Am Dienstag ist Svenjas und Merles Einweihungsparty. Auf den stundenlangen Autofahrten in der Toskana habe ich immer wieder davon geträumt und mich schon wild knutschend und fummelnd mit R. im Flur gesehen. Bis jetzt geht alles schief. R. kommt aus bekannten Gründen gar nicht. Und der Mond, den Merle und ich als Deko gebastelt haben, trocknet einfach nicht. Zu viel Kleber. Morgen werde ich ihn föhnen. Ich will, dass alle Gäste ihn anbeten, wenn sie in die WG kommen. Er hängt dann oben an der Decke und schaut auf uns tanzende Menschen herunter. Und alles ist einfach und fühlt sich gut an. Der Mond und R. sind sehr weit weg.

2. November. Liebes Tagebuch,

In der Nacht machen wir tragische Fotos von uns und hoffen, dass sie am nächsten Tag jemand liked. Das pusht einen irgendwie. Aber in der Nacht sieht eben einfach alles anders aus, als am Tag. Auch die Selfies. Ich mach sowas ja nicht. Komme mir immer doof vor, mich vor einen Spiegel zu stellen und dann das Handy so zu platzieren, dass man es nicht im Spiegel sieht, sich gleichzeitig so zu verrenken, dass man auf den Auslöser drückt, ohne das Bild zu verwackeln. Aber eitel sind wir ja alle. Svenja isst jetzt nur noch Thunfisch abends und geht jeden Tag zwei Stunden aufs Laufband. Wegen ihres Freundes. Der macht das auch so und sie will ihm gefallen. Warum spiegelt man das Verhalten von den Menschen, die man mag? Ich sehe mich schon mit 40 mit meinem Ehemann, wie wir gemeinsam einen hohen Berg erklimmen und am Gipfelkreuz beide völlig verschwitzt unsere Jack Wolfskin-Windbreaker ausziehen. Und jeder würde sehen: Die beiden gehören zusammen. Vielleicht wünscht sich insgeheim jeder einen Partner, mit dem er dieselben Jacken tragen kann. Tja. Die Party war übrigens der hammer, außer, dass die einarmige Nachbarin sich ziemlich gestört gefühlt hat und drohte, die Polizei zu rufen. Wir schmissen ein paar psychedelische Videos an die Küchenwand, tanzten, schoben uns durch die Zimmer und schwitzen in der Menge von Leuten. Der Boden klebte, alle hatten Konfetti in den Haaren hängen und die Toilette war dauerbesetzt. Merle hat im Flur geknutscht, ich bin allein ins Bett. Aber ziemlich zufrieden.

14. November. Liebes Tagebuch,

Wir waren feiern, in irgendeinem Druffi-Elektro-Schuppen. Ich glaubte nicht daran, R. zu begegnen, obwohl er ja in der Stadt wohnt. Ich wünschte es mir nur sehr. Es war so bitterkalt, es fiel kein Schnee vom Himmel. Sondern Eiskristalle, wie in der Ouzoflasche an Weihnachten. Wir tanzten mit Augen zu, Zigarette in der Hand und beteten die DJs an. Als ich kurz raus bin, um frische Luft zu schnappen, lief ich R. in die Arme. Er grüßte überrascht, lachte und ging hinein. Ich raffte nichts mehr, rannte hinterher. Hielt ihm von hinten die Augen zu und wir umarmten uns kurz. Herr je, dass ich immer diese Filmszenen im Kopf habe und sie im echten Leben nachahme. Es war das erste Mal seit dem langen Sommer, dass wir miteinander sprachen. Ach, ich wollte so viel sagen, aber es war zu laut. Ich war betrunken, er war es nicht und dann ging jeder von uns seiner Wege. Gleich darauf rastete ich richtig aus, hockte mich vor den Club in den Dreck, meine Zähne klapperten aufeinander, meine Beine hörten nicht auf mit zittern, ich hatte praktisch keinen Puls mehr. Es gab nie eine Aussprache und ich wollte auch an diesem Abend nichts vom Ende hören. Ich wollte weiter tagträumen, weiter Illusionen kreieren, nur nicht die Wahrheit. Was für ein dunkler Eintrag. Cry Me A River und schwarzer Filzer. Gut, er hat gewählt, ich jetzt auch.

18. November. Liebes Tagebuch,

Nach der Einweihungsparty bin ich erst mal ne Runde heimgefahren. Hab bisschen mit Konrad gewhatsappt und war reiten. Am Montag saß ich mit Merle in der Mensa, als Konrad, seine Jungs und R. in den Raum kamen. Ich sah sie aus dem Augenwinkel am Nebentisch platznehmen. Ich kroch halb unter den Tisch, um meinen Tomatenkopf zu verstecken. Wie unangenehm. Warum werde ich nur so verdammt schnell rot? Merle sagt immer, mich kann man lesen wie ein offenes Buch. Wir trafen die Jungs später am Abend im Club wieder. Da stand dieser durch und durch süße Konrad mit seinen linken Füßen und fragte, wie es uns geht und ich dachte ein halbes Jahr nur an R., der neben Konrad keineswegs besser abschneidet. Er war beim Frisör gewesen. Wie ich das hasse. Hatte so eine große Winterjacke an und sah irgendwie dicklich aus. Was für eine Verschwendung. Naja, hab‘s mir ja auch nicht ausgesucht. Mein Leben ist ein Trümmerhaufen. Ganz ehrlich. Wenigstens haben wir relativ normal gesprochen.

23. November. Liebes Tagebuch,

Ich frag mich, warum Erwachsene nicht mehr auf dem Boden sitzen. Ich sitze ständig auf dem Boden. R. und ich waren übrigens gemeinsam Kaffee trinken in der Mensa und wir haben drei Stunden nur geredet. Später gab‘s Kaiserschmarrn und für ihn Rouladen. In seinem Bart hing während unseres Gesprächs die ganze Zeit ein Fussel von seinem blauen Schal. Ich starrte ständig darauf und fragte mich, ob ich ihn darauf hinweisen sollte. Irgendwann fiel der Fussel von selbst ab und segelte in Zeitlupe auf den Fliesenboden. Ich fühlte mich ein bisschen wie dieser Fussel. Hänge an seinen Lippen, an seinem Bart, ohne dass er es bemerkt. Falle irgendwann kraftlos von alleine ab, ohne dass er es bemerkt.

Miffi hofft, dass ein Coldplay-Song in euren Herzen läuft, wenn ihr das hier lest. Und auch wenn nicht: Sie hat eh eine Schwäche für Verlierer, Invalide, Ausländer, den Dicken in der Klasse und alle, mit denen keiner tanzt. Man ist nicht ernsthaft, wenn man 21 ist, trotzdem versucht sie beim Studium der Medien ab und zu seriös zu wirken. Sie schreibt seit 8 Jahren Tagebuch, ist Frühaufsteher und geht am liebsten schon um 11:30 Uhr mensen. Außerdem findet sie, dass Dönermänner und DJs eine einzigartige Macht ausstrahlen. 

Headerfoto: Rebecca via Creative Commons Lizenz!

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