Ein ganzes halbes Jahr #1

Er kam und umarmte mich, als ich an der Bar saß und mein Knie stieß dabei an seine Eier, während er mir den Rücken tätschelte.

14. Juni. Liebes Tagebuch,

diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen nützt uns nichts. Deswegen schreibe ich ab jetzt Tagebuch à la Bridget Jones. Gebe mich von nun an als reservierte unerreichbare Eiskönigin. Denke damit erfolgreich in Sachen R. abzuschließen. Kluge Bridget, kluge Frau. Habe mir vorgenommen, keine gut laufende Beziehung zu manipulieren, indem ich mein fabelhaftes Wesen allzu oft vor R. entfalte. Habe gestern seinen besten Freund im Club getroffen. Er kam und umarmte mich, als ich an der Bar saß, und mein Knie stieß dabei an seine Eier, während er mir den Rücken tätschelte. Ich wette, er merkte meine Gänsehaut. Die einer wahrhaftigen Eiskönigin. Seine Bewegungen erinnern mich an die meines trotteligen dreizehnjährigen Cousins Markus. Wenn der von seiner Mutter entkoffeinierten Cappuccino bekommt, hängt ihm nach dem Ansetzen der Tasse immer ein bisschen Milchschaum in seinem traurigen Oberlippenflaum. Aber er wischt den Schaum auch nicht weg. Irgendwie will ich ihn dann immer schlagen. Konrad will ich natürlich nicht schlagen. Selten ist meinem Knie so warm geworden. R. war auch da, hat aber nur blöd geglotzt. So, ich werde schlafen.

23. Juni. Liebes Tagebuch,

habe gerade mit Merle Tatort geschaut. Dass sie hier war, erkennt man an den Nagellacksplittern auf meiner Bettwäsche. Sie knibbelt den Lack, meistens Dunkelrot („Dangerous Affair“) oder Schwarz („Melodramtic“), immer ab, wenn sie nervös ist. Merle starrte die meiste Zeit vom Film den Mond an. „Weißt du, wie oft ich schon dachte, mein Handy leuchtet auf und dann war es nur ein vorbeifahrendes Auto?“, sagte sie und wendete sich wieder dem Mond zu. Ich streichelte ihr den Kopf. Das ist es eben, wir warten unser halbes Leben auf jemanden, der sich dann eh nicht meldet. Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles hier unten wahrscheinlich gar keine so große Rolle.

26. Juni. Liebes Tagebuch,

ich kann nicht schlafen. Ich liege zuhause in meinem alten Kinderzimmer, schaue angestrengt in die Dunkelheit. Dorothea und Marlen haben ihre Freunde da. Die eine schläft in der oberen Etage mit ihm, die andere in der unteren. Auf einmal kam ich mir so verloren vor in meinem 90cm Bett. Also schreibe ich ein bisschen. Wenn ich dusche, überkommt mich oft ein komisches Gefühl. Dorothea sagt dazu, das „Nicht-mehr-lange-hier-sein-Gefühl“. Ich weiß genau, was sie meint. Ich denke an R. und wie er letztens barfuß durch die Bibliothek gelaufen ist. Ich sah nie schönere Füße auf dieser hässlichen Teppichauslage. Den Tag darauf habe ich ihn gegoogelt und mir all seine Radio-Beiträge angehört. Dann war dieses Open-Air, auf dem ich zum ersten Mal Gras geraucht habe. Gegen fünf Uhr morgens habe ich mich nach Hause geschleppt, hab auf dem Handy immer wieder Play gedrückt und seine Stimme hat mich begleitet. Zum Glück geht’s bald in den Urlaub. Auf einmal kommt mir alles verstaubt vor. Ich habe Bridget zu Ende gelesen und mich nicht weiter inspirieren lassen. Dafür schreibe ich jetzt die Namen meiner aktuellen Verehrer auf meine Baumwollunterhosen wie Lux Lisbon aus The Virgin Suicides. Ich komme mir sehr revolutionär vor, bei dem Gedanken. Stand der Verehrer: 0.

14. Juli. Liebes Tagebuch,

hier in der Toskana legt man kein Parfüm auf. Man riecht nach Sonne und Wind und Wasser, nach Piniennadeln. Die Haare werden immer heller, die Haut immer goldbrauner. Lecker! Ich gehe satt ins Bett, habe vor dem Einschlafen etwas Angst vor Skorpionen und Schlangen unter der Bettdecke, aber wache mit der Sonne auf. Jeder Tag ist ein heißer Tag. Vergiss, was ich über den Herbst gesagt habe. Die Karten werden nicht neu gemischt. Wir werden wie Fremde voreinander stehen. Er fest gebunden und ich verletzt und ausgehungert, trotz Pizza Margherita unter dem Herzen.

17. Juli. Liebes Tagebuch,

ich verfluche diese letzten Tagebucheinträge. Rührseliges Gefasel über nichts. Mein Kopf platzt, die romantische Toskana lässt mich schwach werden. Fuck you!

24. September. Liebes Tagebuch,

ob er tot ist, oder krank, oder im Ausland? Hier ist er jedenfalls nicht. Jemand Fremdes hing vorhin rote Gardinen in seiner Wohnung auf. Er ist weggezogen, getürmt. Schade. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie ich durch seinen Raum tigere, ihn dabei anschreie und er sich nachdenklich an der Wand lehnend fragt, ob ich ihm gefalle. Er würde sich natürlich für Ja entscheiden und mich zum Schweigen bringen, indem er mein Gesicht in seine Hände nimmt und mich auf den Mund küsst. So die Romanfassung. Tja, wieder deprimiert beim Studium. Nächste Woche geht’s nach Warschau, ein bisschen kiffen, ein bisschen trinken. Und immer wieder höre ich denselben Song …

29. September. Liebes Tagebuch,

niemand unterstützt meinen Vorschlag, ihm eine romantische Szene zu machen. Komisch, ich hab normalerweise ein schauspielerisches Talent, das alle überzeugt. Merle und Svenja schüttelten nur traurig ihre langbehaarten Köpfe. Jaja, das Thema ist durch. Ich weiß schon. Ich will’s auch begreifen und so. Es geht nur nicht. Es geht nur einfach nicht.
Opi wurde operiert. Aber ihm geht’s schon wieder ganz gut. Ich rief ihn an, um ihm ein bisschen die Zeit zu vertreiben. „Langweilst du dich denn gar nicht, Opi?“, fragte ich. Und er erzählte von seinem schönen Zimmer mit den sechs großen Fenstern. Na Mensch, wenn er Zeit hatte, die zu zählen, war ihm wirklich langweilig. Er erzählte, dass er seine Scheune vermisst und die Tiere. Was ich ihm nicht erzählte: dass ich R. vermisse. Dass ich heute einkaufen war, Kopfhörer in den Ohren. Manchmal frage ich mich, ob die Leute sich hinter mir wundern, wenn ich schnellen Schrittes den Gehweg überquere und urplötzlich meine Beine in Zeitlupe bewege. Naja, niemand weiß, dass ich und die Zufallswiedergabe ziemlich gute Freunde sind und mein Gang automatisch eine Symbiose mit dem nächsten Song eingeht.

2. Oktober. Liebes Tagebuch,

gerade deinen Vorgänger aus dem letzten Jahr hervorgekramt. Rührselig habe ich durch die Seiten geblättert und bin hier und da hängen geblieben. Pff, immer, wenn wir auf Facebook geschrieben hatten, hab ich seine Antworten ohne Rechtschreibfehler ins Tagebuch übernommen. Irgendwie lächerlich, oder? Damit ich’s dann in 20 Jahren sehe und mir denke: ‚Aaah, was für ein schlauer Junge ohne Rechtschreibfehler.‘ Pah, sogar die Kommas habe ich gesetzt. Jetzt schreiben wir seit Monaten gar nichts mehr und ich fühle mich farblos wie Negative. Dabei bin ich doch so braun geworden in Italien.

10. Oktober. Liebes Tagebuch,

Merle sagt, dass man sich selbst gefunden hat, wenn man den eigenen Duft gefunden hat. Hab ich irgendwie noch nicht. Im Moment dufte ich auch nicht, sondern liege krank mit Wärmflasche im Bett. Bin ja eigentlich kein Wärmflaschenmädchen, denen immer kalt ist. Bin auch keins von diesen Volvicmädchen. Das sind diese Mädchen, die in der Vorlesung mit ihren XXL Wasserflaschen vor einem sitzen und konzentriert zuhören. Ich meine, ich hab auch Wasserflaschen mit und so. Aber ich trinke ganz anders daraus. Eher durstig aufs Leben, als aus Gründen der Lebenserhaltung. Sonst gibt’s nichts Neues. Warschau war genial, Merle und ich haben Svenjas Freund kennengelernt. Er hat sehr weibliche Züge. So elegant und vorsichtig drücke ich nicht auf die Hometaste meines Telefons. Aber trinken kann er. Als wir in unserem Hostelzimmer ankamen, saß eine Asiatin auf ihrem Bett. Eigentlich saß sie immer da, wenn wir ins Zimmer kamen. Das war so ein Mehrbettraum. Sie stank extrem nach Tigerbalsam und schaute Tag und Nacht nur auf ihr iPad. Dem Geruch nach zu urteilen, hat sie sich schon gefunden. Finde ich ja auch gut. Nur, dass sie so lange das Licht anließ hinter ihren tausend Handtüchern, die sie vor ihren Tigerkäfig gehangen hatte, störte mich etwas. Aber wir waren ja eh die Hälfte der Nacht unterwegs. Karaoke kann die Tigermutti bestimmt besser als ich. Morgens im Speiseraum gesellten sich dann zwei Mittvierzigerinnen an unseren Tisch und erzählten sich über ihre Frühstücksgewohnheiten. Die eine war eher der Leberwurst vs. Marmeladentyp, die andere konnte nur 15 minütig gekochter Porridge erden. „Aha!“, würde Konrad jetzt schreiben. Als ich mich mal über sein einsilbiges „Aha!“ beschwerte, sagte er, ich würde Wortakrobaten in der Studentenzeitung finden. Vielleicht besuche ich ihn mal auf einen Kaffee in seiner neuen Wohnung. Dass er mit R. zusammengezogen ist, kann mich nicht schocken. Ich bin jetzt auf der Suche nach meinem Duft.

Hier geht es zu Teil 2.

Miffi hofft, dass ein Coldplay-Song in euren Herzen läuft, wenn ihr das hier lest. Und auch wenn nicht: Sie hat eh eine Schwäche für Verlierer, Invalide, Ausländer, den Dicken in der Klasse und alle, mit denen keiner tanzt. Man ist nicht ernsthaft, wenn man 21 ist, trotzdem versucht sie beim Studium der Medien ab und zu seriös zu wirken. Sie schreibt seit 8 Jahren Tagebuch, ist Frühaufsteher und geht am liebsten schon um 11:30 Uhr mensen. Außerdem findet sie, dass Dönermänner und DJs eine einzigartige Macht ausstrahlen. 

Headerfoto: Rebecca via Creative Commons Lizenz!

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