Ein Appell zur Rettung der romantischen Liebeserklärung

Nur so ein Gedanke: Wenn es bei einschlägigen Dating-Apps durchschnittlich zwei Sekunden dauert, um zu entscheiden, ob man einer Person schreiben möchte oder nicht, wie viel Zeit wird durchschnittlich für die erste richtig romantische Liebeserklärung aufgewandt? Sind auch das nur noch zwei Sekunden? Oder ein Snapchat-Bild? „Love ya, xx.“ Ist das alles, was von der Romantik übrig gelassen wurde? In einer ach so schnelllebigen Welt in der Tat nicht auszuschließen und irgendwie wenig überraschend.

Entweder haben es die Leute verlernt, dafür die richtigen Worte zu finden, die passende Situation zu erspüren oder einfach den Wunsch in sich selbst zu erkennen, dem Gegenüber etwas so Persönliches preiszugeben. Oder sie haben heute vielleicht mehr Angst davor, sich zu öffnen, sich auf diese Weise verletzbar zu machen, sich dadurch festzulegen. Umso romantischer, umso persönlicher, scheint es.

Und das will heute keiner mehr – oder doch? Dem liegt ein Paradoxon zugrunde, schließlich beklagt die Generation Y angeblich so regelmäßig die Bindungsscheue der Mitmenschen, die Anonymität des virtuellen Lebens, die Sehnsucht nach geregelten Verhältnissen. Da wäre so eine klassische Liebeserklärung doch wunderbar aufgehoben – und sie würde sich dort, in der Neuköllner Altbauwohnung mit Stuck an der Decke und Ofen im Flur bestimmt auch enorm wohlfühlen.

Kitsch ist nur ein Begriff von Menschen, die Angst vor zu viel Intimität und Furcht vor der Überlegenheit des Einfallsreichtums anderer haben.

Wenn sie mit sanften Händen vom obersten Regal heruntergenommen, mit einem leicht feuchten Schwamm die Staubschicht auf ihr entfernt und sie wieder an prominenter Stelle ins Regal zurückgestellt würde. Eine Erinnerung, jeden Tag, für die beiden Nutzer des Regals. Geht mal wieder am Fluss spazieren und schaut euch in die Augen. Oooohh.

Geht mal wieder auf einen Berg und schaut gemeinsam in die Ferne. Oder duscht einfach zusammen und lasst euch von eurem Partner etwas vorsingen. Fragt den anderen wörtlich, ob er mal mit euch ausgehen würde! Bringt euch gegenseitig Frühstück ans Bett, aber gleichzeitig! Geht zusammen mal wieder in den Zirkus!

Kitsch ist nur ein Begriff von Menschen, die Angst vor zu viel Intimität und Furcht vor der Überlegenheit des Einfallsreichtums anderer haben. Wenn man unsere Tinder-statt-Kinder-Welt so anschaut, dann kann ich nur sagen: Freundeskreis hat den Nagel damals auf den Kopf getroffen: „Anna, ich fänd‘ es schön, mit dir auszugehen, könnt‘ mich dran gewöhnen, dich öfters zu sehen.“

Und wer die Zeit von Freundeskreis verpasst hat, kann immer noch ein Element-of-Crime-Konzert besuchen.

Gottfried ist eigentlich examinierter Lehramtsstudent. Aber er fürchtet, in der modernen Pädagogik nicht genug zum Reden zu kommen. Deswegen glaubt er, im Radio besser aufgehoben zu sein. Na denn. Mehr gibt es bei Soundcloud.

Headerfoto: Leo Hidalgo via Creative Commons License 2.0! Gedankenspiel-Button hinzugefügt. Danke dafür!

imgegenteil_Gottfried

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2 Comments

  • „An nichts außer an Wunder glauben.“

    Ein wirklich schöner Text, Gottfried!
    Ich frage mich, ob man denjenigen der hinter diesem Text steckt, kennenlernen kann.
    Es wäre eine virale Bekanntschaft und nicht das was ich überhaupt befürworten würde, aber einen Versuch ist ja vielleicht wert?

    Die besten Grüße,
    Karen

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