Du – zaghafte Annäherungen im Regen (Teil 2)

SOMMER

Dein Name. Er blinkt vor mir auf dem Bildschirm. Das Leben ist wirklich ein Abenteuer. Am liebsten würde ich dir sofort schreiben. Am liebsten würde ich sofort sagen „Ich mag dich treffen“. Aber ich schreibe dir erst eine Woche später, als ich von dem Festival zurückkehre. Weil ich diesen tollen Moment einfach noch eine Weile konservieren will. Weil diese Woche Boomland mir gehören soll.

Während ich tippe, bin ich eigenartig nervös. Worum es hier wohl gehen mag? Um mich als Lehrer? Um mich als Frau? Also versuche ich, eine Nachricht zu schreiben, die zwischen absolut professionell und total interessiert liegt. Einfach ist das nicht. Mein Herz pocht etwas, als ich auf den Senden-Button drücke.

Bei deiner Antwort lächele ich noch mehr, als bei der ersten Begegnung mit dir. Ich spüre die Freude zwischen den Zeilen. Du bist gerade nicht so oft in Berlin, aber du meldest dich bald, weil du dich wirklich sehr über meine Nachricht gefreut hast. „Gut“, denke ich, „Lassen wir dem Leben seinen Lauf“.

Geduld und Ruhe zählen in emotionalen Dingen definitiv überhaupt nicht zu meinen Stärken.

Abwarten, Tee trinken und sich einfach vollkommen dieser schönen Situation hingeben, ohne sofort in die gewöhnlichen Ängste zu verfallen und Erwartungen zu entwickeln. In diesem Augenblick ist das für mich die größte Herausforderung, denn Geduld und Ruhe zählen in emotionalen Dingen definitiv überhaupt nicht zu meinen Stärken. Zumal in meinem Kopf ständig der Gedanke anspringt: „Vielleicht hab ich das Ganze doch falsch verstanden. Und überhaupt. Ich ziehe bald aus meiner Wohnung aus. Ich gebe alles in Berlin auf und ziehe nach Leipzig. Ich werde im Herbst diese Stadt verlassen …“

„Theoretisch ist das ein ungünstiger Moment“, sagt mein Verstand. „Aber es fühlt sich so verdammt gut und richtig an. Geh dem nach. Es ist halt, wie es ist. Öffne doch einfach dein Herz und schau, was passiert“, sagt meine Seele. Ich entscheide mich für den zweiten Rat und folge meinem Bauchgefühl. Das tue ich ohnehin viel zu selten. Viel zu verlieren habe ich nicht. Zumindest denke ich das.

Ob ich mit dir einen Kaffee oder Wein trinken mag, fragst du. Und ich beginne nicht nur zu lächeln. Nein, ich grinse.

Drei Wochen später, als ich inmitten einer verdammt großen emotionalen Achterbahn in meinem Umzugschaos erwache, sehe ich auf dem Handy eine Nachricht von dir. Ich lese. Ich lese die Worte mehrfach. Ob ich mit dir einen Kaffee oder Wein trinken mag, fragst du. Und ich beginne nicht nur zu lächeln. Nein, ich grinse. Wie ein Honigkuchenpferd. Wie diese Menschen in der U-Bahn, wo die Augen glitzern, das Lächeln von einem Ohr zum anderen reicht und man beinahe neidisch auf diese verdammte Seligkeit sein möchte.

„Es geht also definitiv um mich. Um mich als Mensch“, triumphiert meine Seele und mein Verstand bleibt ruhig, denn er weiß, dass meine Seele recht hat. Es ist ein tolles Gefühl. Das Gefühl von ehrlichem Interesse. Und in dieser Wonne bade ich den ganzen Vormittag bis in den Nachmittag hinein. Ich möchte dir sagen: „Ja, gerne. Sofort.“

Aber ich weiß auch, dass meine emotionale Kapazität in all dem Umzugschaos gerade gleich null ist. Dass ich noch zehntausend Kisten verpacken muss und später eine Freundin kommt, um mir zu helfen. Ich fühle mich nicht wohl damit, dir all diese Anspannung in mir für ein erstes Treffen zuzumuten. Aber weise ich dich damit zurück? Durchbreche ich damit nicht jegliche „Dating-Regeln“?

In den Begegnungen mit dir läuft nichts nach Regeln. Nichts nach Plan. Du bist mir ein wunderbares Rätsel.

Trotzdem entscheide ich mich, dir zu schreiben, was ich ehrlich in dem Moment fühle. Denn das bin ich. Und in den Begegnungen mit dir läuft sowieso nichts nach Regeln. Nichts nach Plan. Du bist mir ein wunderbares Rätsel. Ob auch nächste Woche okay wäre, frage ich dich. Du antwortest umgehend und hast vollstes Verständnis. Und schwupps, bist du mir gleich noch ein riesengroßes Stück sympathischer.

Wir treffen uns ein paar Tage danach. Hinter mir liegt ein Großteil meines Auszuges. Ich bin erschöpft. Von dem ewigen Kampf mit der Hausverwaltung, von dem Kampf mit der Unsicherheit, in die ich mich gerade begebe. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Was, wenn der Boden unter mir sich nicht erneuert?

Mein Gemütszustand führt dazu, dass ich krank werde. Ich bekomme genau einen Tag vor unserem Treffen extrem hohes Fieber und Schüttelfrost. Ich bin gefühlt überhaupt nicht mehr ich selbst. Diese Version von mir ist eher ein Wrack. Ein kläglicher Rest meiner sonstigen Ausstrahlung. Aber ich will das Treffen nicht aufschieben. Denn ich will dich sehen. Und da ist mir alles ziemlich egal. Also schreibe ich dir kurz, dass ich krank bin.

Nur damit du Bescheid weißt. Du seist auch krank, schreibst du. Und dass du überlegt hast, ob du absagen sollst. Aber dann würden wir uns erst im September wiedersehen und du willst mich jetzt treffen. Wow! Wir müssen beide ziemlich interessiert aneinander sein. Als du schreibst: „Ich freue mich, dich zu sehen. Viel Spaß bei deiner Klasse. Bis später“, hab ich auf einmal ein bisschen mehr Energie. Und gleichzeitig Angst.

Mein letztes Date ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann. Was, wenn ich nicht deinen Erwartungen entspreche?

Mein letztes Date ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann. Was, wenn ich nicht deinen Erwartungen entspreche? Als Lehrerin bin ich in einer ganz anderen Rolle als privat. Zumal mir zu dem Zeitpunkt schon klar ist, dass du älter bist als ich. Was, wenn ich dich richtig mag? Was, wenn ich Angst vor all dieser im Raum wabernden Nähe und den Erwartungen habe? Was, wenn du mich nicht magst? Was wäre, wenn … ist wohl wahrhaftig die dümmste Frage in diesem Moment.

Es regnet in Strömen. Wieder mal. In diesem Berliner Sommer nichts Neues. Ich bin schon komplett nass, als ich in die Tram steige. Mein Kopf arbeitet nur halb. Wir treffen uns lustigerweise auf dem Weg zu unserem Treffpunkt direkt in der Tram. Und als ich dich sehe, weiß ich, dass du über die Wochen absolut nichts an deiner Ausstrahlung eingebüßt hast. Nichts.

Ich fühle dieselbe Anziehung in mir aufsteigen wie schon bei der ersten Begegnung. Es regnet immer noch, als wir aus der Bahn steigen. Meine Füße fühlen sich nass und kalt an. Und da bist du neben mir. Und wir laufen durch den Regen, als wäre das gar nicht unser ersten richtiges Treffen.

Ich kann dir nicht zeigen, was ich eigentlich fühle. Dieses Bedürfnis, dich kennen zu lernen.

Was dann passiert, ist vielleicht schon vorprogrammiert (Why the hell, geht man auch krank zu einer so wichtigen Verabredung?) und ist trotzdem überhaupt nicht das, was ich mir wünsche. Ich bin nicht ich selbst an dem Abend, sondern eine furchtbar abgefuckte Version von mir, kühl, beinahe abweisend, unkonzentriert und nervös. Ich kann dir nicht zeigen, was ich eigentlich fühle. Dieses Bedürfnis, dich kennen zu lernen. Dich zu entdecken mit Stärken und Schwächen.

Der Knoten in meinem Bauch wird immer größer. Eigentlich läuft alles schief, was in meiner Horrorversion schief laufen würde. Dass du dich bemühst, spüre ich. Dass ich absolut unfähig bin, darauf einzugehen, spüre ich auch. In meinem Kopf wabert das Fieber, in meinem Herzen ärgere ich mich über mich selbst. Nach zwei Stunden trotten wir beide ziemlich fertig aus dem Vietnamesen.

Ich weiß nicht, was ich fühle. Aber es ist ein starkes Gefühl zu dir. Etwas, das ich nicht zeige. In deinem Verhalten spüre ich die Demotivation, die kleine Enttäuschung. Vollkommen zu recht. Ich bin vermutlich genauso enttäuscht über mich wie du auch. Wir stehen unschlüssig voreinander. Tippen von einem Fuß auf den anderen. Umarmen uns. Stehen weiterhin da. Umarmen uns nochmal. Verdammt!

Du küsst mich unsicher auf die Wange. Ganz zaghaft, wie eine kleine Frage. Und bist dann auf einmal weg.

„Mach was, mach was, zeig ihm, dass du ihn magst!“, denke ich. In dem Moment küsst du mich unsicher auf die Wange. Ganz zaghaft, wie eine kleine Frage. Und bist dann auf einmal weg. Ich stehe verdattert da. Mein Kopf braucht eine Weile, um für Reaktionen bereit zu sein. Was war das?

Auf dem Heimweg überkommt mich die Panik, alles versaut zu haben. Nein, nein, nein. Ich will nicht, dass dieser wunderbare Mensch wieder aus meinem Leben verschwindet. Verdammt, was war los mit mir? Du hast mir so offen und ehrlich Interesse gezeigt. Soll ich jetzt ehrlich zu dir sein?

Ich schreibe dir am nächsten Morgen. Dass ich mich so gefreut habe dich zu sehen, auch wenn es vielleicht nicht rüberkam. Dass ich einfach fertig bin derzeit und wirklich traurig wäre, dich nicht wiederzusehen am Ende des Sommers. Weil du so ein interessanter Mensch bist und ich noch viel zu wenig von dir weiß.

Du schreibst mir. Dass es schön ist, das zu lesen und du genauso fühlst. Dass wir uns hoffentlich dann Ende des Sommers wiedersehen, auch wenn es gerade noch kein konkretes Datum gibt. Am Ende der Message steht: „Kisses!“ Gut. Sehr gut. Es ist mehr als nur ein bisschen schön, diese Nachricht von dir zu lesen.

Und dann beginnt von Neuem eine Phase, in der ich warte, in der ich Geduld lerne, in der ich mich meinen Ängsten stelle und alles in meinem Leben absolut zusammenfällt wie ein Kartenhaus, bis ich beschließe, einfach keine Pläne mehr zu machen. Eine Phase, in der mich die Stadt nervt, ich mich selbst nerve, eine Phase, in der ich zwischen Fluchtreflexen und Existenzängsten schwanke. Wo ich eigentlich im Leben hinwill, weiß ich nicht recht. Vorwärts definitiv.

Mein Herz klopft wie verrückt. Es rutscht mir bis in die Kehle und ich muss mich vor Nervosität beinahe übergeben.

Ich beschließe, dir erst zu schreiben, wenn ich aus meiner emotionalen Notlage heraus bin. Ich schreibe dir Ende des Sommers. Mein Herz klopft wie verrückt. Es rutscht mir bis in die Kehle und ich muss mich vor Nervosität beinahe übergeben. Ich denke darüber nach, warum ich dir schreibe. Und da wird mir bewusst:

Ich begehre dich nicht, weil alles so unsicher erscheint und ich dich vielleicht nicht wiedersehe. Ich begehre dich deiner selbst willen. Wegen deines Körpers. Wegen deiner Seele. Wegen dem, der du bist.

Auf einem kleinen Zettel notiere ich: „Hast du Lust auf ein Treffen? Vielleicht entspannt bei Wein? Es wäre einfach echt schön, dich wiederzusehen!“ Diesen Zettel fotografiere ich ab und sende ihn dir mit der Notiz: „Mir war gerade danach, mich für deinen süßen Zettel im Studio zu revanchieren. :)“

Fortsetzung folgt.

Little Miss Sophie ist in der Mitte der Zwanziger angekommen, ein kleines Berliner Gör und studiert seit einer halben Ewigkeit Kulturwissenschaft. Je nachdem, wo es sie hin verschlägt, schreibt sie kurze oder auch mal ganz lange Texte über das Leben. Warum wir es lieben und gleichzeitig auch manchmal hassen. Wie ein kleines Chamäleon hat sie viele Facetten, je nach Stimmung und Situation. Sie unterrichtet mit großer Leidenschaft Pilates und Yoga. Wenn sie mal nicht arbeitet (oder studiert), tanzt sie durchs Leben. Sprichwörtlich. Ohne Reisen und die unendliche, inspirierende Weite der Welt wäre ihr Leben deutlich weniger bunt.

Headerfoto: Mann auf Yogamatte via Shutterstock. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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