Du – Lichtblick auf der Yogamatte (Teil 1)

FRÜHLING

Es klingelt an der Tür. Ein schrilles Klingeln, das sofort die ganze Ruhe des Studios in sich aufnimmt. Ich sehe kurz vom Aufräumen auf, werfe einen Blick auf die Uhr hinter mir und bin verwirrt. Um diese morgendliche Uhrzeit kommen normalerweise selten Teilnehmer zu früh zur Yoga-Klasse und Pakete für die Nachbarn standen keine am Empfang. Es klingelt nochmals. Ich drücke etwas unschlüssig auf den Türsummer und laufe vor, um die Eingangstür aufzuschließen.

Ein junger Mann läuft gerade zielstrebig auf unsere Tür zu läuft. Ich sehe ihn vom Hinterhoffenster aus, noch bevor er mich sehen kann. Männer in meinen Klassen sind an sich nichts Außergewöhnliches, attraktive Männer auch nicht. Es ist eine vollkommen normale Arbeitssituation. Und trotzdem habe ich nicht das Gefühl. Schönheit mag subjektiv sein, aber von der Ausstrahlung dieses Mannes bin ich auf Anhieb mehr als beeindruckt.

Für eine winzige Sekunde schießen Gedanken durch meinen Kopf – ausgerechnet heute sehe ich müde, abgekämpft und nicht so frisch aus. So ist das Leben. Augen zu und durch. Lehrermodus an. Er tritt durch die Tür, lächelt und kommt auf mich zu. Ich kann mir einen neckenden Kommentar über seine Pünktlichkeit nicht verkneifen. Fast schon entschuldigend erklärt er mir, dass er zum ersten Mal hier ist und nicht sicher war, wo das Studio liegt. Ich trage ihn in die Klasse ein und erkläre ihm die Räumlichkeiten. Dann widme ich mich wie gewöhnlich den letzten Vorbereitungen: Tee kochen, lüften, alle Utensilien auf meiner Matte zurechtlegen und schon einmal vorsorglich den Computer hochfahren.

Als ich aufsehe, steht er neben mir. Ganz lässig in Shorts und Tanktop. Okay, dieser Mann ist einfach wirklich schön.

Als ich aufsehe, steht er neben mir. Ganz lässig in Shorts und Tanktop. Okay, dieser Mann ist einfach wirklich schön. In jedem Sinne, was das Wort Schönheit an Ästhetik, Erotik, Perfektion und Männlichkeit beinhalten kann. Tut mir Leid Michelangelo, aber bye bye David. Hier hast du gerade absolut keine Chance. Mir fallen sofort das alte Fusionbändchen, die zwei goldenen Piercings und die Umrisse seiner Tattoos auf, die ganz leicht unter seinem Top hervorblitzen.

Am liebsten würde ich ihn sofort danach fragen. Shirt hoch bitte, ich will die Geschichte zu den Bildern wissen. Das möchte ich wirklich, aber zum Glück behalte ich diesen frechen Gedanken für mich. „Mehr Professionalität!“, ermahnt mich meine innere Stimme. Sie hat recht, muss ich mir beschämt eingestehen und schiebe den Gedanken sofort wieder beiseite.

Ganz unverfänglich kommen wir ins Gespräch. Und hören erst damit auf, als es wieder einmal an diesem Morgen schrill klingelt. Ich bin beinahe etwas betrübt über das abrupte Gesprächsende. Irgendwie hätte ich mich gerne weiter mit ihm unterhalten. Mir beginnt das alles verdächtig viel Spaß zu machen. Schwups. Da ist wieder die Stimme in mir: „Du bist Lehrerin. Denk daran.“

Als ich gerade auf dem Weg bin, die Eingangstür zu verschließen, kommt er noch mal auf mich zu, um mir zu sagen, dass er nach der Klasse recht schnell weg müsse und ich das bitte nicht persönlich nehmen soll. Ich schmunzele innerlich über seine liebenswerte Höflichkeit und sage nur: „Alles in Ordnung. Kein Problem.“

Ich bin Lehrerin. Mein privates Ich tritt zurück und damit auch die Gedanken über den attraktiven Mann, der gerade vor mir sitzt.

Ich setze mich auf meine Matte und eröffne die Stunde. Vor mir liegen 60 Minuten, in denen ich teilen kann, was meine große Leidenschaft ist. In denen ich teilen kann, was ich liebe. Spätestens jetzt bin ich wirklich Lehrerin. Mein privates Ich tritt für einen Moment zurück und damit auch die Gedanken über den attraktiven Mann, der gerade vor mir sitzt. Meine Präsenz gehört nun allen. Bis zu dem Moment, als mein Blick durch den Raum schweift und ich ihn sehe.

Ihn sehe, wie er sich vollkommen einlässt, auf die Stunde, auf sich selbst. Seine Augen sind geschlossen. In den Zügen seines Gesichtes liegt nichts Wertendes, sondern Ruhe. Eine innere Ruhe, die zu einem Strahlen wird. Ein charismatisches Strahlen, das die meisten Menschen genau dann haben, wenn sie ganz sie selbst sind. Wahre Ausstrahlung liegt in unserem Inneren. Ich fühle eine Anziehung zu ihm, die ich absolut nicht einordnen kann. „Professionalität!“, ermahnt mich wieder die innere Stimme und mein Kopf wechselt in den Lehrermodus zurück.

Er kommt noch einmal auf mich zu, um nach meinem Namen zu fragen, sich für die Klasse zu bedanken und zu erkundigen, ob ich hier öfter unterrichte.

Mit dem Ende der Stunde beginnen alle Teilnehmer wie kleine Konfetti durch den Raum zu schweben, auf dem Weg zur Umkleide und zur Tür nach draußen in den Tag. Gerade als ich mich um die Übergabe des Studios an die nächste Lehrerin kümmere, kommt er noch einmal auf mich zu, nach meinem Namen zu fragen, um sich für die Klasse zu bedanken und zu erkundigen, ob ich hier öfter unterrichte.

Jeder Lehrer freut sich über ein gutes Feedback. Ich freue mich in diesem Moment besonders. „Du bist jederzeit willkommen. Komm gerne wieder, wenn du magst.“ Seine Antwort gibt mir Anlass zum Lächeln: „Das werde ich machen.“ Die kleine Stimme in mir ermahnt mich erneut: „So was ist normal. Teilnehmer kommen wieder, wenn sie zufrieden sind. Bild dir darauf bloß nichts ein.“ Ich gehe zur Toilette, um mich umzuziehen. Dass er bei meiner Rückkehr zum Empfangstresen immer noch beim Tee steht, erstaunt mich.

„Hoffentlich kommt er mal wieder. Er ist wirklich süß“, denke ich und werde innerlich rot.

Wollte er nicht ganz schnell los? Er versucht verzweifelt, das heiße Glas anzuheben. „Hier, schau. Der schlichte Trick ist das kalte Wasser dort.“ Ich reiche ihm sein Glas, das man nun gut greifen kann, ohne Brandwunden davon zu tragen. Er lächelt, trinkt, zieht sich an und geht. „Hoffentlich kommt er mal wieder. Er ist wirklich süß“, denke ich und werde innerlich rot.

Etwas später trete ich aus der Studiotüre in die Sonne und lächele. An diesem Tag habe ich unumstößliche gute Laune. Ich fühle mich eigenartig belebt in meinem Inneren. Mehrmals fragen mich die Leute, was mich denn so fröhlich stimme. Ich habe darauf überhaupt keine Antwort.

 

SOMMERANFANG

Aus Tagen werden Wochen. Ich sehe ihn nicht noch einmal in einer meiner Klassen. Und die Erde dreht sich trotzdem weiter. Hin und wieder denke ich kurz an diesen rätselhaften Mann. Monate nach der Begegnung stehe ich neben einer Freundin auf dem Flughafen in Lissabon, vor mir meinen schweren Rucksack für unseren Festivaltrip und in meinen Händen das Telefon. Ich muss dreimal auf das Display schauen. Ich muss mich mehrmals vergewissern. Das kann nicht sein. Das ist total verrückt.

Ich mache einen kleinen Freudentanz. Die Leute um mich herum schauen irritiert. „Das ist verrückt, verrückt, verrückt“, ruft alles in mir.

Ich mache einen kleinen Freudentanz. Die Leute um mich herum schauen irritiert. „Das ist verrückt, verrückt, verrückt“, ruft alles in mir. Auf meinem Display blinkt neben einem Bild die kurze Nachricht: „Da ist jemand sehr traurig, dass du hier nicht mehr arbeitest.“ Auf dem Bild sehe ich einen kleinen abfotografierten Zettel. Ich sehe seinen Namen. Und ich beschließe, dass es auch für den Lehrer-Ehrencodex Ausnahmen geben darf!

Fortsetzung folgt.

Little Miss Sophie ist in der Mitte der Zwanziger angekommen, ein kleines Berliner Gör und studiert seit einer halben Ewigkeit Kulturwissenschaft. Je nachdem, wo es sie hin verschlägt, schreibt sie kurze oder auch mal ganz lange Texte über das Leben. Warum wir es lieben und gleichzeitig auch manchmal hassen. Wie ein kleines Chamäleon hat sie viele Facetten, je nach Stimmung und Situation. Sie unterrichtet mit großer Leidenschaft Pilates und Yoga. Wenn sie mal nicht arbeitet (oder studiert), tanzt sie durchs Leben. Sprichwörtlich. Ohne Reisen und die unendliche, inspirierende Weite der Welt wäre ihr Leben deutlich weniger bunt.

Headerfoto: Mann auf Yogamatte via Shutterstock. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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