Die Zukunft ist nicht weiblich – ein Plädoyer für mehr Kooperation zwischen den Geschlechtern

Schon so einige Trends habe ich mitgemacht: Ich hatte Baggy Pants und Schlaghosen. In London bin ich mit einem Single-Speed-Bike rumgecruist und im Sommer 2009 war mein Lieblingsgetränk Aperol Spritz. Doch den neuerdings aus den 60ern aufgewärmten, kommerzialisierten Feminismus-Trend mache ich nicht mit. Die „Female Future Force“-T-Shirts lasse ich im Kaufhausregal hängen und auch die Hashtags der Netzfeministinnen werden nicht von mir benutzt.

Wer versucht, dem allgegenwärtigen Trend des Neo-Feminismus aus dem Weg zu gehen, soll an jeder Ecke eines Besseren belehrt werden: „The future is female“ schreien die Buchstaben mir auf Postkarten, Kleidung, Plakaten und Co. entgegen. Wirklich? Wenn die Zukunft weiblich ist, werden wir uns selbst ausrotten!

Mal ganz ehrlich – eine Welt ohne Männer? Das will ich nicht! Ich liebe Männer! Es gibt nichts auf der Welt, was mich so weiblich fühlen lässt, wie die Anwesenheit eines Mannes.

Weiblichkeit kann man doch am intensivsten in der Interaktion mit einem Mann erfahren.

Weiblichkeit kann man doch am intensivsten in der Interaktion mit einem Mann erfahren. Eine Welt ohne Männer führt also zu weniger Weiblichkeit, nicht zu mehr! Die Neo-Feministinnen kämpfen also eigentlich für männliche Frauen, nicht für mehr weibliche Macht. Weibliche Macht kann man meiner Meinung nach nur in Interaktion und Kombination mit männlicher Macht erreichen.

Die männlichen Fähigkeiten also nicht verteufeln, sondern diese nutzen und steuern. Tut frau dies nicht, muss sie zwangsläufig die männlichen Eigenschaften auch übernehmen, um zum Ziel zu kommen und wird somit männlicher – aber nicht automatisch machtvoller.

Dabei wäre es so einfach: Wir Frauen steuern Menschen mit sozial-emotionaler Kommunikation, Männer kommunizieren potent. Männer bringen damit klar auf den Punkt, was Sache ist und sprechen auch an, was nicht funktioniert (zum Beispiel in Beziehungen oder im Job). Natürlich kann die Frau das auch, aber es fällt dem Mann oft leichter (evolutionsbiologisch bedingt). Warum nutzt nicht jedes Geschlecht seine Fähigkeiten, um dann im Team umso stärker zu sein?

Frauen sind so frei wie nie zuvor

Die Urfeministinnen haben für die Emanzipation gekämpft. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Und In den 60ern wäre ich wahrscheinlich ganz vorn mit dabei gewesen, in der Flowerpower-Women’s Rights-Bewegung. Die Emanzipation war ebenso notwendig wie überfällig, damit die Frauen dieselben Rechte haben wie die Männer. Keine Frage.

Denn vor dieser Bewegung durften Frauen weder studieren noch wählen und nur arbeiten gehen, wenn der Mann dies erlaubte. Sogar für den Führerschein brauchten sie die Erlaubnis des Ehemannes. Frauen durften nicht abtreiben und wenn sie unverheiratet ein Kind bekamen, ging die Vormundschaft automatisch an den Staat. Das war ungerecht und unmenschlich.

Wir leben, dank ihnen, jetzt in einem Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

Diese Frauen haben uns ein Leben ermöglicht, von dem wir noch vor 60 Jahren nur träumen konnten. Wir leben, dank ihnen, jetzt in einem Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Zumindest beinahe. Gleichberechtigt immerhin aber schon im Sinne des gleichen Rechts vor dem Gesetz.

Ja klar, noch immer werden Frauen sehr oft schlechter für ihre Arbeit bezahlt als Männer. Keine Frage, das ist ungeil und etwas, wogegen man etwas unternehmen sollte. Aber dafür muss man nicht gleich Feministin sein. Im Verhältnis zu den Missständen vor der Emanzipation ist das doch eher ein zu bewältigender Kampf.

Frauen sind heutzutage unabhängig und können ihr Leben frei gestalten. Jetzt brauchen diese machtvollen Frauen eine neue Ausrichtung. Es kann nicht sein, dass wir unsere neugewonnene Macht in die Bekämpfung des männlichen Prinzips stecken.

Wenn Du willst, kannst Du als Frau in Deutschland alles werden.

Einige Feministen werden jetzt vielleicht sagen: Wir kämpfen nicht mehr für die Emanzipation im Sinne der Gleichberechtigung vor dem Gesetz, sondern gegen die soziale Unterdrückung der Frau. Die sogenannte „gläserne Decke“. In einem Land, in dem die machtvollste Position von einer Frau bekleidet wird, eine gewagte These, finde ich. Wenn Du willst, kannst Du als Frau in Deutschland alles werden.

Und die Wahrheit ist: Ich habe auf meinem Weg nach oben mehr Frauen erlebt, die an meinem Stuhl sägen wollten, als Männer. Was, wenn die aktuelle Jobverteilung eher an den geschlechtlichen Vorlieben liegt und nicht an der Unterdrückung durch die bösen Männer?

Ein erkenntnisreiches Buch (welches leider nicht viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen hat) über die Unterschiedlichkeiten zwischen Männern und Frauen hat Roy Baumeister geschrieben: „Wozu sind Männer eigentlich überhaupt noch gut?“ Denn ja, in den meisten Spitzenpositionen sind Männer, aber wer genau hinschaut, sieht auch, dass in den niedrigsten und gefährlichsten Berufen ebenfalls die meisten Männer sind.

Die Frauen tummeln sich in der geschützten Mitte. Anstatt so zu tun, als seien Männer und Frauen gleich und jede Unterschiedlichkeit künstlich ausmerzen zu wollen, würden wir es uns leichter machen, wenn wir anfingen, die Unterschiedlichkeiten zu erforschen, sie begeistert willkommen zu heißen und gegenseitig zu nutzen.

Der Neo-Feminismus führt zur Erschöpfung der Frau

Trotz der vielen Möglichkeiten um Kind, Karriere oder sogar beides zusammen, sind viele Frauen immer noch unzufrieden und vor allem erschöpft. In Schweden ist es mit staatlicher Unterstützung mittlerweile jeder Frau möglich, kurz nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten zu gehen. Doch jetzt stehen viele schwedische Frauen vor dem Problem, dass sie gar nicht sofort wieder arbeiten wollen – aber müssen.

Die Lösung für das neue Rollenbild der Frau liegt also nicht an den äußeren Umständen, sondern in der inneren Einstellung.

Die Lösung für das neue Rollenbild der Frau liegt also nicht an den äußeren Umständen, sondern in der inneren Einstellung. Wenn man als Frau Karriere machen will, einfach weil man Lust darauf hat, wunderbar. Wer Karriere machen will und vielleicht auch Kinder haben will, um zu beweisen, dass man Mann nicht braucht, also als Ausdruck von Unabhängigkeit vom bösen Mann, so ist das natürlich auch möglich, nur wahnsinnig anstrengend und wahrscheinlich nicht besonders erfüllend.

Frau macht es sich mit ihrer Einstellung unnötig schwer. Das Problem zwischen den Geschlechtern ist nämlich nicht die Andersartigkeit, sondern die negative Meinung über die Andersartigkeit.

Frauen mangelt es also weder an Macht, noch an Möglichkeiten. Was also ist ihre Intention, wenn sie nach wie vor für den Feminismus einstehen und ihn immer weitertreiben wollen? Soll nun der Mann aus Rache für die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau sein Fett weg bekommen? Und danach? Schlagen die Männer wieder zurück? Rache war noch nie sehr fruchtbar.

Wofür kämpfen die Neo-Feministinnen also noch? Ich wage zu behaupten, dass viele es selber gar nicht genau wissen.

Ich bin weder FÜR Frauen, noch GEGEN sie. Ich bin auch nicht für oder gegen Männer. Ich bin für beide. Ich bin auch für Zwitter. Ich bin für Menschen, unabhängig vom Geschlecht.

Ich bin weder FÜR Frauen, noch GEGEN sie. Ich bin auch nicht für oder gegen Männer. Ich bin für beide. Ich bin auch für Zwitter. Ich bin für Menschen, unabhängig vom Geschlecht. Ich bin keine Feministin, ich bin Humanistin. Das ist vielleicht nicht besonders cool oder trendy, aber ich finde, ein Klassiker, der nie aus der Mode kommt.

Und wenn der Preis dafür ist, dass für mich die Türen zu den Neo-Feministinnen-Clubs verschlossen bleiben, ist das in Ordnung für mich. Die Zeit, bis der Neo-Feminismus-Trend vorbei ist, kann ich ja einfach mit Männern verbringen – die stehen auf Frauen.

Anna Craemer ist Trainerin an der Contextuellen CoachingAcademie, die eine neue Form des mentalen Bewusstseinstrainings lehrt. Zudem ist sie Inhaberin des Philosophie-Blogs Denkwandel, auf dem Sie sich mit dem Denken, Fühlen und Handeln der Menschen befasst. Hier spricht sie über Themen wie Glück, Erfüllung, Freundschaft, Erfolg und Produktivität, persönliche Weiterentwicklung sowie Partnerschaft und Sexualität. Anna Craemer lebt in Berlin.

Headerfoto: Thought Catalog on Unsplash. (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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