Die Sesshaftigkeit verpassen

Ich bin 27 Jahre alt und lebe seit kurzem in Frankfurt, in einer WG mit anderen 27-Jährigen. Meine Freunde sagen, dass man in meinem Alter doch einmal „sesshaft“ werden sollte, aber ich habe kein Interesse daran. Immer, wenn ich daran denke, mit jemandem „sesshaft“ zu werden, wird mir ganz übel, weil ich viele Freunde habe, die das getan haben und in ihrer Sesshaftigkeit einfach unerträglich geworden sind. Sie sind quasi sitzen geblieben, so sesshaft sind sie geworden. Aber ich möchte nicht sitzen bleiben, ich will ja nicht mal stehen bleiben!

In der Schule hieß es noch, dass man immer nach vorne schauen soll und Weiterkommen das Ziel ist und dann mit Mitte Zwanzig soll man plötzlich sesshaft werden? Meine Eltern sagen, bis man heiratet, kann man die Welt entdecken und sich austoben, aber in meinem Alter sei diese Zeit längst abgelaufen, da hat man, als normaler Mensch, schon alles gesehen und braucht auch nichts mehr zu entdecken. Aber ich habe es bisher noch nicht geschafft, die Welt kennenzulernen, die ist irgendwie zu groß, um sie mit 27 schon komplett gesehen haben zu können.

Viele meiner Freunde haben scheinbar begriffen, was konventionell richtig ist, sich zuerst den Ort zum Sesshaftwerden ausgesucht, dann den Beruf und dann den Partner oder andersherum. Mittlerweile glaube ich, dass meine Freunde die Jahre nach dem Abi nur damit zugebracht haben, sich auf ihre Sesshaftigkeit vorzubereiten. Und ich bin da irgendwie dran vorbeigeschlittert, habe keine Vorbereitungen getroffen und bin demzufolge auch nicht pünktlich sesshaft.

Jetzt stehe ich da. Bin also Ende 20 und springe von Mann zu Mann, von Ort zu Ort, von Wohnung zu Wohnung, von Job zu Job. Eine gesellschaftlich nicht anerkannte Lebensweise, wie ich zunehmend feststelle. Mein Umfeld bemitleidet mich geradezu. „Du bist der einsamste Mensch auf der Welt“, sagt mein Bruder und immer, wenn er das sagt, fange ich erst an, darüber nachzudenken. Denn eigentlich fühle ich mich gar nicht so einsam, aber sesshaft gewordene Menschen können sich das nicht vorstellen, denn sie erinnern sich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr an ihr Leben vor der Sesshaftigkeit. Sie interessieren sich plötzlich für Gesellschaftsspiele, Teamsport, den sie mit ihrem Partner ausüben können, für Cluburlaub und Filmabende mit anderen sesshaft gewordenen Menschen, vor dem heimischen Fernseher.

Nach und nach brechen meine Freunde einfach weg, das ist ein Gefühl, wie bei einer Stuhlpolonaise. Für mich blieb kein Stuhl mehr zum Hinsetzen, ich laufe weiter Runden um die Sesshaftigkeit und immer, wenn mich jemand darauf hinweist, dass ich mich nicht zur rechten Zeit gesetzt habe, dann fällt mir auf, dass in meinem Ohr einfach nicht die Musik ausging, sondern sogar immer lauter wurde und mich nach wie vor antreibt. Sie treibt mich an, diese schöne Welt zu entdecken und nicht einfach auf einem Stuhl kleben zu bleiben und alt zu werden. Sie geht vermutlich auch nie aus, sondern wird vielleicht eines Tages leiser und wenn ich mich dann setze, will ich, dass nicht ich am Stuhl, sondern der Stuhl an mir kleben bleibt und ich aufstehen und damit weiterlaufen kann.

Maria ist eine Mischung aus Skandinavien und Südfrankreich – sie liebt die unberührte Natur, die raue Kälte, aber auch das unbeschwerte Leben mit guten Weinen und lauwarmer Luft. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt, liebt das Schreiben und Bücher, deren Inhalte ihren Kopf tagelang beschäftigen können. In ihrem Leben gibt es bislang nicht DEN Mann, sondern die Männer und sie mag Dating-Apps deshalb, weil sie selbst im langweiligsten Typ noch etwas Spannendes finden kann. Mehr Geschriebenes gibt es auf Marias Blog.

Headerfoto: Rya Pie (image cropped, Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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1 Comment

  • Daniela Hageleit sagt:

    Das, was du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Mir ging es ähnlich. Und zudem ging es mir auch ziemlich auf die Nerven, von den anderen gesagt zu bekommen, was ich tun sollte. Es war zwar nicht einfach, meinen Weg so zu gehen wie ich es wollte, aber er hat mich schließlich dahin geführt wo ich heute bin: ich habe meine Traumjob gefunden und mich selbständig gemacht und alles erlebt und gesehen und gelernt was auf dem Weg dafür nötig war. Ich drücke dir die Daumen, dass du auch standhaft deinen Weg weiter gehst, denn die Lebensweise der anderen muss ja nicht deine sein. Außer natürlich du beschließt irgendwann, dass du sesshaft werden möchtest. Viel Glück und viel Spaß dabei 🙂

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