Die Sache mit dem Verlieben auf den ersten Blick

Die Schlange des Coffeeshopbuchladens war lang und dem Stereotyp Kaffeetratsch angemessen voller geschwätziger Studentengrüppchen. Überfallartige Lust auf heiße Schokolade habe ich normalerweise nur nach stark verkaterten Nächten. An diesem trüben Winternachmittag war ich dagegen ausgeschlafen, ja topfit. Ich überlegte, was an der Kombination aus Coffeeshop und Buchladen so elektrisierend sein könnte, dass es diesen Ansturm an Hipstern auslöst, als mein Blick zu den wie Umzugskisten aussehenden Stühlen schwenkte.

Ich musterte den schon leicht bröckelnden unteren Teil eines Pappkartons doch weiter kam ich nicht, denn da stand sie. Einfach so daneben. Einfach so neben den potthässlichen Umzugskistenstühlen. Ob jemand unscheinbar, überwältigend oder irgendetwas dazwischen ist, liegt immer im Auge des Betrachters. Doch ich glaubte das in diesem Moment nicht mehr.

Sie war nirgendwo zwischen den zwei Polen. Sie erstrahlte perspektivlos als fertig verzauberte Person. Ein Strahlen, kein Blenden, weil ihr Anblick jenseits dieser Bewertungen groß war: der elegante Gang, die toughe und doch sanfte Stimme, das ehrliche Loslachen, als ein Freund sie wegen ihres verlorenen Tabaks aufzog (warum rauchen attraktive Frauen eigentlich überproportional oft?), die mysteriöse Emotion in den Gesichtszügen und nicht zuletzt die schlanke, makellose Figur.

Amor, der alte Gauner, hatte die Tür meiner Tagträume aufgerissen, alles gestohlen, in eine Suhrkamp-Gesamtausgabe über meine Traumfrau gepackt und in verkörperlichter Realität in diesen Raum gestellt. Das magnetische Sich-Hingezogen-Fühlen zu einer Fremden stellte sich ein. „Moment, lass das sein!“, dachte ich resolut und versuchte die Verrücktheit des temporären Gefühls durch schamvolles, vernünftiges Reflektieren des Verrückten zu umstellen und zu Boden zu ringen.

Doch ehe ich mich versah, dachte und fühlte ich weiter oder wurde ich weitergedacht und gefühlt? Egal. In jedem Fall: Kognitiver Kontrollverlust! Entglittenes Gefühlsmanagement! Der Strudel zog mich hinab. Und ab ging die rasende Fahrt ins Wasserparadies oder in das wässrige Grab der plötzlichen Verliebtheit? Mal gucken.

Ich setzte mich auf eine der wackeligen Umzugskisten. „Hm, heiße Schokolade.“ Mein Herz explodierte, als ich zum ersten Schluck ansetzte. Ich stellte mir vor, wie die zwei beschäftigten Freelancergesichter neben mir aufstehen und mich anschnauzen, dass ich Idiot meinen Brustpresslufthammer ausmachen soll. „Presslufthämmer klingen aber sooo schön“, würde ich dann mit naiv verträumter Stimme antworten.

Tod durch Verlieben. Ein tragischer Tod. Sowas liest man selten in der Zeitung.

Sie guckt rüber. Wir gucken uns an. Lange sogar. Öfter sogar. Würde ich an vererbter Herzschwäche leiden, wäre das der Moment des akuten Zutage-Tretens. Tod durch Verlieben. Ein tragischer Tod. Sowas liest man selten in der Zeitung. Sie ist offensichtlich Buchverkäuferin. Ich verpacke offensichtlich Schmetterlinge in kitschiges Gedankengeschenkpapier und spreche sie doch nicht an. Wie an heißer Schokolade kann man sich auch an plötzlicher Verliebtheit leicht verbrennen.

Die Sache mit dem Verlieben auf den ersten Blick ist in dieser Stadt kompliziert. In meinem Heimatort hat man kein Problem damit. Man sieht sich wieder. Irgendwann. Hier ist es anders. Verpasste Momente entblößen eine Mischung aus berauschter Schüchternheit, Überforderung und dem nervigen Reflex aus jugendlichen Kuhdorfzeiten.

Doch langsam habe auch ich kapiert: In dieser Stadt gibt es mehr als zwei Clubs, drei Bars und einen Stadtplatz, an dem man sich früher oder später wiedersieht. Hier gibt es keine zweite Chance, nur den ewigen Fluss der geschäftigen Singlegroßstadt. Nur gut, dass diese Großstadtseele hier in einem Coffeeshopbuchladen arbeitete. Das machte es einfacher.

Meine Fähigkeiten im Bereich eloquenter Gesprächsführung sind stark herzschlagabhängig.

In den nächsten Tagen ging ich öfter in den schönsten Coffeeshopbuchladen der Stadt. Hatte ich Lust auf heiße Schokolade, war ich dort. Dachte ich fälschlicherweise, ich hätte den Mut sie anzusprechen, hatte ich Lust auf heiße Schokolade. Der schokoladige Liebeskreislauf.  Ich kaufte dann lieber meine U-Bahnlektüre bei ihr. Judith Butler: Gender Trouble. Genderkompetenz steht in der Suhrkamp-Gesamtausgabe über meine Traumfrau. Gesmalltalkt haben wir nicht. Nicht, dass ich es nicht im Sinn hatte, aber meine Fähigkeiten im Bereich eloquenter Gesprächsführung sind stark herzschlagabhängig.

Donnerstag sollte der Tag der Entscheidung sein. Ich hatte ein gutes Gefühl. Das Problem: Dienstpläne in Coffeeshopbuchläden machen sich nicht viel aus Lovestorys. So hieß es also klassischerweise ‚Friday I’m in Love‘. Ich versuchte in Gender Trouble zu lesen und merkte: Auch mein Verständnis von Büchern ist stark herzschlagabhängig.

Nach Minuten des abschließenden inneren Schweinehund-Überwindens nahm ich einen letzten Henkersschluck. Wie auf Schienen tuckerte ich von meinem Platz los. Ich flog und vergaß alles und mir wurde seltsam. Ich stand außerhalb meines Körpers. Der Kurzfilm, den ich gespannt verfolgte, dauerte etwa fünf Minuten. Der Hauptdarsteller hatte eine schlecht kopierte Jim-Carrey-Grimasse aufgesetzt und stotterte mit Til-Schweiger-Charme wirres Zeug.

Ich stand halb sensationsgierig, halb geschockt daneben und sah dem Darsteller beim Reden zu. „Die ersten zwei Sätze brav auswendig gelernt, Kollege! Die Improvisation danach auf ‚Mitten im Leben‘-Niveau hättest du dir sparen können“, dachte ich sarkastisch. So verließ der Held der Bühne nach kurzer Zeit das Set. Durchpusten und Bilanz ziehen: Sie hatte mir trotz dieses Aufgeregtheitsdesasters unumwunden ihre Nummer gegeben und wollte ein Bier trinken gehen. War ich vielleicht ein zu strenger Filmkritiker?

Heute sagt sie ab. Sie hat zurzeit sehr viel zu tun. Ein Satz aus der Mottenkiste. Sie meint, dass man sich vielleicht mal wieder im Coffeeshopbuchladen sieht.

Ich schreibe kurz per SMS: „Alles klar. Kein Problem.“

Und schiebe doch nur im Gedanken hinterher: „Ich glaube nicht, dass man sich bald wieder sieht. Lust auf heiße Schokolade habe ich nur nach stark verkaterten Nächten.“

Maximilian hat nach Beendigung seines Soziologiebachelors nichts Geringeres vor, als ins Schloss zu gelangen. Dass das ziemlich schwer ist, weiß er spätestens seit seiner leidenschaftlichen Franz-Kafka-Lektüre und deswegen sollte man schön langsam mal anfangen zu laufen anstatt untätig rumzusitzen. Deswegen veröffentlicht er jetzt seine ersten Texte, macht Praktika bei Zeitungen und startet im Frühjahr das Bandprojekt „Endlich Rudern“. Dabei weiß er oft nicht so recht, ob er jetzt träumerisch-romantisch oder soziologisch-dekonstruierend schreiben soll, weshalb er einfach beides macht. Somit verschwimmen in den Texten Melancholie und Gesellschaftskritik, Traum und Realität. Oftmals geht es um Liebe, Kunst aber vor allem um den großen Wunsch einer rastlosen Generation: den Wunsch, ins Schloss zu kommen.

Headerfoto: Frau in Café via Shutterstock! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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