Die Sache hat zwei Häkchen

Und wieder nehme ich mein Telefon.
Und wieder – keine Nachricht, kein Anruf, kein Ton.
Also öffne ich den Verlauf.
Bin online. Dass das zu sehen ist, nehme ich in Kauf.

Ich blättre durch unsere Nachrichten, lese jede noch einmal.
Ich hatte klare Absichten, hab sie dir geschrieben – ich sah keine andere Wahl.
Geantwortet hast du. Manchmal sofort, doch oft hast du mich warten lassen.
Ich hab immer gleich geschrieben, konnte es nicht so geschickt abpassen.

Und dann saß ich da wieder, ich sehe mich richtig.
Nervös und aufgeregt – alles andere unwichtig.
Nur auf dieses Handy starrend,
auf ein Zeichen ausharrend.

Den Ton hab ich zwischendurch ausgemacht,
um mich selber reinzulegen – ob ich’s durchgehalten hab?
Ach, von wegen. Zehn Minuten maximal, dann war er wieder laut.
Hab dann manchmal vom Display weggeschaut,
um mich später überraschen zu lassen.
Mit nichts. Kaum zu fassen.
Kaum zu fassen eigentlich!
Warum lasse ich das machen und mach es selber nicht?

Ich hab es schon gemacht, bestimmt.
Man merkt das selber gar nicht so. Es ist ja keine Absicht, wenn man’s anders nimmt.
Man ist halt grade irgendwo und hatte keine Zeit oder hatte keine Lust.
Doch das ist es, das schürt im anderen Frust.

Und dann, ein Geräusch. SMS, E-Mail, Messenger?
Eine WhatsApp fragt mich: „Kommst du später noch her?“
Ich nehme sofort das Telefon und dann ist es auch schon geschehen,
ich habe nicht geantwortet. Ich habe eingesehen,
ich muss mich aufs Spielchen einlassen,
beginne es wieder zu hassen.

Weil ich es nicht aushalte
und nun mein Telefon ausschalte.
Damit nicht gleich zwei blaue Häkchen zu sehen sind.
Oh je, oh je, ich benehme mich echt wie ein Kind.
Schlimmer noch, wie ein Teenie, ich dachte, ich hätte das überwunden.
Mache das Handy wieder an. Nein, nicht nach Stunden.
Drei Minuten hab ich geschafft,
mich dabei selber ausgelacht.

Und kaum war es an, da schrieb ich schon wieder.
Freude fuhr mir durch die Glieder.
Ich lächele mit geschwellter Brust.
Hab ich`s doch gewusst!

„Natürlich kann ich zu dir kommen.
Wann hast du dir denn Zeit genommen?“
Und so weiter und so fort.
Die Nachricht geht raus und irgendwann abends war ich dort.

Und kaum gehe ich morgens den Walk of Shame, erwische ich mich erneut.
Schreib ihm, weil ich denke, dass er sich freut.
Und es beginnt wieder. Ich schreibe, schick ab, bereue direkt,
ich frage mich, wann man das checkt?
Das gibt es doch nicht! Das kann doch nicht sein,
ich beginne mich wieder selbst zu kasteien.

Und so geht das noch ein paar Tage,
bis ich dann selbst zum Schluss beitrage.
Mit der einen Nachricht zu viel und vor allem viel zu tief hab ich`s nun soweit gebracht,
dass ich nicht mehr schlafe in dieser Nacht.
Und auch in der nächsten und der danach.
Liege auch heute wieder wach. Und starre und warte und lese und grübel.
Die letzte Nachricht nehme ich mir selber übel.

Doch immerhin bin ich relativ stark – denn da war ja noch diese Spiel
und wer zuletzt geschrieben hat, der wartet vielleicht genauso viel.

Ich war es nicht, ich wäre am Zug,
doch sage mir trotzdem genug ist genug.
Und wieder checke ich unsern Verlauf,
dabei fällt mir gar nicht auf,
das ist doch alles nur Selbstbetrug.

Klarine Schrötinsky kommt eigentlich aus Dresden, ist aber vor 9 Jahren nach Hamburg gezogen. Die 3 L´s in ihrem Leben: lieben, lachen, lernen. Das Allerschönste, was Hände machen können ist schreiben. Sie selbst schreibt seit der 8. Klasse kleine Gedichte und Texte und Reden. 

 

Headerfoto: Rebecca via Creative Commons Lizenz!

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7 Comments

  • Toller Text mit viel Wahrheit. Aber geht es denn nicht auch ohne dieses Spiel? Muss man sich denn wirklich interessant dadurch machen, dass man sich rar, schwer erreichbar und beachäftigt macht? Ich denke wenn man weiß was man will dann ist man überzeugt und kann das als erwachsener Mensch klar kommunizieren und muss sich nicht mit Täuschung vermarkten. Man kann doch auch ohne Spiel mit Stil und Klasse an so ein Kennenlernen ran gehen

  • dieser Text kommt mir auch bekannt vor.
    leider ist es wohl ein Zeichen unserer zeit: jung, ungebunden, sich alles offen halten wollen, nehmen aber nichts geben wollen, den anderen absichtlich warten lassen – mit ihr kann man es ja machen, und dann aber erwarten, dass sie sofort kann wenn er anruft/schreibt.
    typisches, egoistisches verhalten von jungen bis mitteljungen Großstädtern. es sind meist männer, die schamlos auf den Gefühlen von anderen (meist Frauen) herumtreten.

    inzwischen steige ich bei so etwas sehr schnell aus. wenn sich ein typ so verhält, lösche ich irgendwann die Nummer, um zu verhindern, stunden um stunden mit eben solchen dingen zu verbringen wie: profilbild anstarren, schauen, wann er zuletzt online war (eine völlig sinnlose Beschäftigung…), nachrichten eintippen und dann doch wieder löschen und nicht abschicken….
    wenn die Nummer gelöscht ist, ist man irgendwie freier davon. mir hat das geholfen und war das einzige mitten, um aus dieser endlosspirale herauszukommen und sich selber dafür zu hassen, wie man sich erniedrigt

  • „Warum lasse ich das machen?“

    Wie oft ich mich das frage…Wenigstens schön zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die dieses Spielchen mitmacht. Jedes Mal dasselbe, qualvolle Warterei, dann die Antwort nach Tagen, das Treffen und wieder Hoffen, dass er sich öfter meldet und sogar seine Einstellung zur festen Beziehung ändert – wenn ich das selbst lese, stelle ich fest, wie naiv ich bin. Manchmal rede ich mir ein, bis der Richtige da ist, kann ich ja noch mitmachen. Aber dieses Gefühl, verliebt zu sein, ist einfach toll .))

  • Ein wundervoller Text! Das habe ich selbst schon so oft miterlebt. Einfach das Handy umdrehen, damit man nicht bei jeder Lichtreflextion im Display direkt neben sich greift. Ausmachen habe ich ebenfalls versucht, das hält höchstens 30 min. Manchmal lösche ich sogar Nachrichtenverläufe und Handynummern, nur um nach 3 Bier keine Mühen zu scheuen, über andere Wege Kontakt aufzunehmen. Schlimm unser Hirn 🙁

  • Als ich als „Alter Mann“ im Hamburger Gloria saß und fast jeden Gast mit Handytippen beschäftigt sah, war mir deren Tun unverständlich. Der obige Beitrag von Klarine Schrötinsky aber zeigt mir, es kann schon Gründe geben sein gegenwärtiges Umfeld zu vergessen.

    Klarine Schrötinsky

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