Die Liebe in einer Freundschaft

Meine Freundin ist wie meine Partnerin, nur haben wir keinen Sex. Eifersucht und Eitelkeit gibt es kaum, denn das Verständnis des Handelns ist größer als man selbst.

Man ist glücklich oder redet es sich ein. Aber trotzdem hat fast jeder Mensch das Verlangen nach dem Etwas, einem anderen Gefühl, einem Kick, den das Gewohnte nicht geben kann. Manche werden schwach, andere leben es einfach aus und dann gibt es die Spezies, die es solange zurückhält, bis es doch passiert und sich dann mit einem schlechten Gewissen plagt. Dazu gehöre ich. Ich habe betrogen, gelogen und mich nicht gut dabei gefühlt. Und ich will einen Weg finden, der mir Liebe und Zufriedenheit gibt, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich wollte immer einen Mann an meiner Seite haben, der mein Freund sowie mein Lover ist. Meine Stimmungsschwankungen und mangelnde Impulskontrolle haben die Liebe hart auf die Probe gestellt, doch als ich meinen Partner dann sexuell betrogen habe, verlor ich meine tiefe Bindung zu ihm. Die Schuld lag schwer auf meinem Herzen und Gemüt, aber sagen konnte ich es ihm auch nicht. Ich wusste so sicher wie Titten beim Laufen sich auf und ab bewegen, dass er Schluss machen würde. So sehr ich ihn auch liebte, hat meine mangelnde Kontrolle meiner Sexlust meine Beziehung ruiniert.

Ich überlegte mir, ihm eine offene Beziehung vorzuschlagen. Doch nach längerem Nachdenken, konnte ich es definitiv ausschließen. Zu wissen oder zu sehen, wie mein Freund Sex mit einer anderen hat, ist auf keinen Fall vereinbar mit meinem zwiespältigen Gefühl. Es ist ja leider nicht wie Pornos gucken – anregend aber emotionslos. Obwohl ich Sex und tiefe Gefühle gut trennen kann, ist diese Fähigkeit für mich nicht anwendbar auf sexuelle Partnerinnen bei meinem Freund. Sicherlich gibt es Profis, die das können. Nur ist das kein Lebensstil für mich.

Die nächste Möglichkeit: Ich hätte lügen können, da ich ihn nur sexuell betrogen hatte. Mehr als die Hälfte der Menschen haben ihre Partner/innen betrogen. Kann ja mal passieren, solange es der Partner nicht erfährt.

Dann kam mir jedoch die Frage in den Sinn, ob Menschen nicht ehrlich treu sind, wenn sie wirklich lieben. Da sind die Geister geschieden und mit zunehmendem Alter halte ich es noch für unwahrscheinlicher, dass Menschen treu sind. Es sei denn, sie haben ein geringes bis gar kein sexuelles Verlangen, keine Auswahl an attraktiven Geschöpfen oder nicht das Selbstbewusstsein, ihrem Bedürfnis zu folgen. So scheint es mir, dass die Mehrheit kein Problem hat, in der Partnerschaft regelmäßig zu lügen und trotzdem eine enge Verbundenheit und Zuneigung zum Partner/in zu besitzen.

Ich habe ausprobiert, Geheimnisse zu wahren, aber das schlechte Gewissen und der Drang, alles teilen zu wollen, stehen der Lüge im Weg. Und wer weiß alles von mir und fängt mich auf? Meine Freunde. Aber auch meine Lebensneugier, meine Reisen, meine philosophischen Gespräche bis in den Morgen hinein, verschiedenste Männerabenteuer, neue Herausforderungen, der Lauf des Lebens, der mich aufheiterte und mir die verschiedensten Arten der Liebe aufzeigte. Das alles und viel mehr ist ein Teil der Verbundenheit, die die Liebe schafft.

Der Mensch ist ein Paradoxon und ein sehr nerviges Geschöpf. Man kann es ihm einfach nicht recht machen. So will auch ich konstante körperliche Nähe und die bekommt man nicht von One-Night-Stands und selbst Sexbeziehungen fangen an, irgendwann kompliziert zu werden. Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. Und attraktive Menschen gibt es in Berlin gefühlt auch wie Sand am Meer.

Selbst als ich mich von dem Gedanken getrennt habe, dass es vielleicht immer noch etwas Besseres da draußen gibt, habe ich mich das nie bei meinen engsten Freunden gefragt. Die sind und bleiben die Besten. Meine Freundin merkt, wenn ich aus Scham lüge und dies hilft uns, die Wahrheit des anderen mit Verständnis aufzunehmen. Es geht mir nicht nur um Untreue, sondern auch um andere Fehler oder Gedanken, die man seinem Partner lieber nicht sagt, um ihn zu schützen. Es gibt sicherlich keinen Menschen, der nicht gelegentlich lügt oder etwas verheimlicht. Ich will aber auf den kleinsten Lügennenner kommen, um die extremste Form der Verbundenheit zu einem anderen Menschen zu erlangen.

Meine Freunde nehmen meine Macken nicht persönlich, oder merken, wenn ich mich fälschlicherweise in etwas verrenne oder falschen Stolz an den Tag lege. Dadurch, dass sie mich verstehen, aber auch zurechtweisen, werde ich ein besserer Mensch. Wir nehmen nicht jede Aussage, oder Zickerei persönlich. Wir fragen nach oder gehen kurz auf Abstand. Der andere ist wichtiger als man selbst.

Doch trotzdem kann man gelegentlich ein Egomane sein und weiß, der andere steht hinter einem. Liebevolle Ehrlichkeit, viel Kommunikation, Erklärungen und Akzeptanz lassen für mich eine perfekte Beziehung entstehen. Und nicht zu vergessen, den Humor und die Leichtigkeit, die uns zeigen, dass das Leben nicht immer so deprimierend und böse sein muss. Nicht jede Handlung eines Liebenden, die verletzend ist, trägt die Intention zu verletzen. Wir sind es, die die Wertung vornehmen. Und wenn wir den Liebenden gut genug kennen, dann wissen wir eh, wie wir Handlungen einordnen und werten können.

Liebende sollten sich lesen können, sodass es bei einem Unverständnis eine ehrliche Entscheidung gibt. Denn um eine verletzende Handlung werten zu können, muss man erst nachempfinden, aus welcher Intention der Täter dieses tat. Dann ist die Entscheidung, je nachdem, wofür man sich entscheidet, wenigstens fair und ehrlich. Wenn ich verstehe, sehe und fühle, bin ich mir selbst und auch dem anderen treu.

Wie in allen Bereichen des Lebens kommt es darauf an, sich für einen Weg, eine Lebensphilosophie zu entscheiden. Dieses Bedürfnis der freien Entfaltung und so wenig persönliche Einschränkungen wie möglich in seinem Leben zu haben, ist das Bestreben meiner Generation (auch „Generation Y“ genannt).

Klar, dass der Wust der Möglichkeiten, das Streben nach Verwirklichung und unser größer werdendes Ego sich auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt. Vielleicht sind genau deshalb auch so viele in meiner Generation Single oder springen von einer Beziehung zur nächsten, weil die Erwartung an uns und an den anderen einfach sehr hoch sind. Zu hoch? Das muss jeder wohl für sich selbst herausfinden.

Wir Menschen brauchen biologisch gesehen einen Partner, mit dem wir neue Menschen in die Welt setzen. Doch unsere Eitelkeit und der Drang, etwas Besonderes sein zu wollen, nimmt uns den Weitblick zu sehen, dass jeder Moment, den man mit seinen Liebsten hat, schon einzigartig ist. Und auch wenn man lacht, weint und Sex hat, ist es mit jedem Menschen anders, diese Momente zu teilen.

Anstatt darin etwas Schlechtes zu sehen, sollten wir uns lieber darum kümmern, die schönen Momente, egal mit welchem lieben Menschen, zu genießen und uns über weitere zu freuen. Doch wenn nicht jeder Mensch so denkt, werden Beziehungen einseitig und es kommt auch zur Benutzung und Ausnutzung von Menschen. Denn nur, wenn jeder das gleiche Grundgefühl hat, ist die Liebe einzigartig schön für beide Seiten und die Eifersucht hat keinen Raum. Doch erkläre das mal deinem Ego, wenn du einen schlechten Tag hattest und in den Armen deines Partners liegst und weißt, dass kurz vorher noch eine andere in diesen Genuss gekommen ist.

Mein Fazit: Entweder lerne ich zu lieben ohne an die Lügen zu denken, die trotzdem existieren, oder ich lebe mit meiner Freundin zusammen und habe Sex und später Kinder mit verschiedenen Partnern. Vielleicht wäre eine offene Kommune, in der Sex und seelenverwandte Liebe getrennt ist, genau das Richtige für mich. Und unsere Kinder ziehen wir alle gemeinsam groß.

Viel Glück beim Finden deiner Liebesphilosophie.

Meike K., ein bipolarer Fischkopp, hat sich von Hamburg nach Berlin treiben lassen. 4 1/2 Jahre die Stadt erlebt und gefeiert. Nach kurzer Auszeit in Wien,jetzt wieder mit einem Plan und Selbstbewusstsein zurück. Als gelernte Redakteurin für Image-und Werbefilme und einem Zertifikat als Drehbuchautorin, versucht sie sich nun erneut in der Medienhauptstadt zu beweisen. Lyrik und Storylines fließen aus ihr heraus, das viele Denken kommt dem Schreiben zu Gute. Artikel schreiben ist ihre neue Passion. Let’s see.

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Headerfoto: Alena Getman via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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2 Comments

  • Bin beim stöbern bei euch gelandet. Insbesondere der letzte Teil, schätzen zu lernen, was es bedeutet, einen Partner zu haben und ihn gefunden zu haben, hat es für mich getroffen. Nach langer Zeit in einer Partnerschaft jetzt seit einem Jahr allein unterwegs, weiß ich viele Dinge, die ich jetzt habe, sehr zu schätzen, aber noch mehr die Dinge, die ich hatte. Ohne nachzutrauern. Einfach fair betrachtend. Ich finde die Zeiten heute leider sehr schnelllebig, die meisten Leute haben keine Lust, sich einzulassen. Richtig einzulassen. Emotionen zuzulassen und jemanden an sich heranzulassen. Es bleibt spannend zu sehen, wo die Entwicklung hingeht. Schreibt jemand, der sich gerade gnadenlos aber bestimmt auch hoffnungslos verguckt hat ;). Ich gehe jetzt mal hier weiter stöbern.

  • Zu denken, dass Leute, die treu sind kein / kaum sexuelles Verlangen haben oder kein Selbstbewusstsein/ zu wenig Auswahl haben um fremdzugehenetc. halte ich für etwas flach. Das ist Sache der Perspektive.
    Wenn man sich wirklich anders fühlen will oder etwas Neues machen will, dann gibt es auch die Perspektive zu sagen: das geht nur mit einem Menschen. Wie beim Urwald, der ist vielseitig, aufgrund von Knappheit.
    Wenn man sich laufend austobt, ist es am Ende jedes Mal „nur“ eine andere Person und dadurch kribbelt es und lässt alles anders wirken. Aber man selbst ist immer dieselbe Person, die genauso ist wie immer – nur halt mit jemand anderem, für den es dann neu wirkt. Und die Sache mit den Freunden: Klar, natürlich akzeptiert man „alles“ aber warum? Weil man sich bei Freunden Mühe gibt, diese Dinge an ihnen zu lieben. Und weil sie nicht ständig den Tag mit einem verbringen und einen attraktiv finden müssen. Gibt man sich bei seinem Partner wirklich immer Mühe, Schwächen an ihm zu lieben oder hofft man insgeheim, dass es irgendwann von selbst passt und man kaum was dafür tun muss?

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