Die Hochzeit meiner besten Freunde

„Ich! Ich hab etwas gegen diese Hochzeit! Weil das nämlich mein Mann ist, der da vorne steht! Heirate mich! Heirate mich und nicht sie!“, hörte ich mich nicht sagen, ich hörte es mich schreien. Die riesige Holztür fiel laut knarrend ins Schloss. Gerade so, als wollte sie mich warnen.

Die Blicke aller Hochzeitsgäste auf mich gerichtet, stand ich am anderen Ende der Gesellschaft und bettelte um mein altes, gewöhnliches Leben. „Ich liebe Dich! Komm zurück zu mir und…“ Ja, was denn eigentlich? Und dann hörte ich mich sagen: „Heirate mich!“ Ich. Die, die doch nie heiraten wollte. Seine hässliche Braut verzog schnaubend ihr Gesicht, was sie nur noch hässlicher machte. Ihr Kleid, welches mehr an einen Strand passte, schmiegte sich recht unvorteilhaft an ihre, durch den vor Zorn wogenden Hüften.

Und er, mein Mann, tat das einzig Richtige, um diese Situation zu retten. Er übergab seiner Braut – Verzeihung: Exbraut – die Ringe und rannte auf mich zu. Der Pianist begann das Lied „We belong together“ von Mariah Carey zu spielen. Ein Raunen ging durch die Menge, als er, bei mir angekommen, mich voll leidenschaftlicher Begierde an sich zog.

Ich bereit.
Bereit für den Kuss.
Bereit für alles, breitete die Arme aus.
Über uns begann es tausend Rosenblätter zu rieseln. Vor meinen Augen verschwamm die Realität und ich fing tatsächlich an zu heulen.

Ich schloss erneut die Augen, blinzelte. Voller Hoffnung, das hier sei alles nur ein Traum.

Augen auf … Nein! Da stand sie. Und da stand er. Und da hockte ich! Im Gebüsch links neben der Kirche und war mir sicher, dass ich an diesem Tag nicht nur meinen Mann, sondern auch meine Würde verloren hatte …

Leider ist es seit diesem Vorfall so, dass ich auf den Hochzeiten meiner besten Freunde keine Trauzeugin mehr sein darf. Es bringt Unglück, diese wichtige Aufgabe einem Single zu übertragen.

„Sicher ist sicher. Vielleicht liegt ja doch ein Fluch auf dir.“

Brautjunfer? Ja! Unbedingt! Die hat die Aufgabe, die bösen Geister von der Braut abzulenken und die komplette Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich denke, das ist mir recht gut gelungen.

Mitscheißdreißiger.

Dauersingle.

Die Predigt des Pfarrers treibt mich an den Rande der Verzweiflung. Laut schluchzend sitze ich in der ersten Reihe und teile mir mit meiner Eifersucht ein Taschentuch.

Das Highlight des Ganzen – der Brautstrauß! Dieser verzweifelte Rest unverheirateter Frauen. Sie ziehen die Schuhe aus, um den Kampf aufzunehmen. Als würden sie dort mit heiratswilligen, erfolgreichen Männern werfen.

Sie schreien.
Sie kreischen.
Sie schubsen.

Der DJ spielt, oh welch Überraschung, Beyoncés Single Ladies.

Einmal fällt mir der Brautstrauß direkt auf den Kopf, ein andermal vor die Füße.
Mal lass ich ihn liegen, mal nehm ich ihn mit.

Und eines ist doch Beständig. Meine Liebesbeziehung. Meine Liebesbeziehung zu mir selbst.

Die geb ich so schnell nicht wieder her.

Insa Winter glaubt nach wie vor an die Liebe und noch mehr an ihren bestens funktionierenden Verdrängungsmechanismus. Des öfteren rennt sie weg – davon überzeugt, dass nach meiner Rückkehr die Ordnung wieder hergestellt ist und ihre Welt sich weiter dreht. Außerdem arbeiten prinzipiell alle technischen Geräte in ihrem näheren Umfeld gegen sie.

Headerfoto: Bill Walsh via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_InsaWinter

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