Der Tag, an dem ich meinen Ex anzeigte

Anzeige. Anzeige erstatten. Ich möchte NN anzeigen. ICH zeige an! Wie schwer der Weg die nasse Straße entlang ist. Jeder Schritt zieht sich, das mentale Zögern spüre ich bis in die Beine. Ich ziehe hektisch an der selbstgedrehten Zigarette. Der Tabak brennt auf den Lippen, der Zunge, in der Lunge. Die Regentropfen klopfen einen schnellen Takt auf den geöffneten Schirm. Das triste Grau der Stadt unterlegt diesen schweren Gang mit einer Disharmonie in Moll.

Polizeidirektion 31. Wache. Was ich wolle, fragen die Polizisten hinter ihren Rechnern aufschauend. Meinen Ex anzeigen. Ich habe es gesagt. Leise, eingeschüchtert von der männlichen Gewalt, die mir von den Uniformierten entgegenschwappt. Ich möchte einen weiblichen Beamten, eine Beamtin, korrigiere ich meinen Wort-Sexismus.

Nun warte ich auf der roten Bank im Vorraum der Wache. Ich schmore. Wäre mein bester Freund nicht dabei, ich würde rennen. Das Herz schlägt schnell genug, um für eine sportliche Höchstleistung ausreichend frisches Blut durch die Adern zu pumpen.

Die blonde, um die 50-jährige Polizistin führt mich in ein karges Zimmer. Die Wände sind angegraut mit Schmutzspuren, die ich sonst nur aus meinem Hausflur kenne. In diesem kommen sie von meinem Fahrradreifen, wenn ich den Drahtesel mit in den dritten Stock schleppe. Ab und zu streift das dreckige Vorderrad die Wand des Flures. Aus Versehen. Wie der Schmutz an die Wände des Vernehmungszimmers kommt, dafür findet meine Fantasie keine Antwort.

Schwarze Bildschirme stehen auf weißen Tischen. Nichts wirkt hier eingerichtet, die Garnitur wurde nur zum Zwecke in diesen Raum gestellt. Ich setze mich auf einen knarzigen Bürostuhl, soll zu Frau Polizistin rumrollern, so dass ich eher neben ihr als ihr gegenüber sitze. Sie zückt ein weißes DIN-A4-Blatt. Mit blauer Tinte schreibt sie meine Daten vom Personalausweis ab. Nichts an dieser Prozedur lässt mich entspannen. Die Aufregung zieht meine Magenwände zusammen. Sie schaut mich eindringlich an, als sie die Frage stellt, aus welcher Motivation ich diese Anzeige machen möchte. Ist das eine Fangfrage? Sie weiß doch schon, dass es hier um häusliche Gewalt geht. Wie in einer Prüfung, in der ich mir der Antwort nicht mehr hunderprozentig sicher bin, antworte ich zögerlich.

Ich möchte nicht mehr Opfer sein.

Ihr folgendes Kopfnicken hat etwas Jubelndes, als hätte ich gerade die kniffligste Frage des millionenschweren Vorabendquiz gelöst. Ist sie wohl doch auf meiner Seite? Ist das Empathie oder doch nur die richtige Antwort für die Beamtin, die nicht die Schriftführerin eines Rosenkrieges sein möchte?

Ist es ein Rosenkrieg? Mein Verlangen nach Gerechtigkeit ist in den letzten Wochen so stark geworden, dass ich heute tatsächlich zur Polizei gehen konnte. Natürlich möchte ich damit auch ein Zeichen setzen. Gewalt gegen Frauen ist Unrecht. Nicht nur nach dem Strafgesetzbuch – jegliche Gewalt gegen lebende Wesen geht gegen meine Prinzipien. Also warum nicht bei mir, bei meinem Leben mit der Gerechtigkeit anfangen?

Ich gehe mit einem Zettel, der das Aktenzeichen der Anzeige trägt, und mit zwei Broschüren über „Häusliche Gewalt“ nach Hause. Bis zur Vernehmung solle ich mir nämlich noch überlegen, ob der Fall strafrechtlich verfolgt werden soll. Strafrechtlich verfolgt! So dass der Täter für seine Taten bestraft wird. Aber darf ich so weit gehen? Das könnte seine Zukunft zerstören! Schließlich gehören doch immer zwei zum Streit. Aber wo ist die Grenze? Bei den Beleidigungen? Erst beim Schlag? Hätte ich bei diesen einfach rennen sollen?

Stattdessen bin ich geblieben, hab mich schlagen lassen. Was bedeutet es, dass ich mich gewehrt hab? Im Affekt – schließlich kann ich mir als Berliner Ghetto-Göre doch keine knallen lassen! Ist das Gegenwehr und somit entschuldigt und straffrei?

Innerlich zerrissen verlasse ich die Wache. Zur Zerrissenheit mischt sich aber ein großes Freiheitsgefühl. Ich habe es getan. Anzeige erstattet. Monatelang quälte mich der Gedanke an diesen Schritt. Ich fühlte Angst bei den Gedanken an die Konsequenzen. Was würde eine Anzeige für die „Beziehung“ zu NN bedeuten?

Es gibt keine Beziehung mehr zu diesem Menschen, so sehr er mir noch jeden Tag fehlt, möchte ich nie wieder dieser Angst ausgesetzt sein, immer etwas „falsch“ zu machen und dafür mit Geschrei, mit hässlichen Worten und manchmal eben auch mit Schlägen bestraft zu werden.

Ich fühle mich befreit, nicht nur, weil ich meine Rechte als Mensch und vor allem als Frau eingefordert habe, sondern auch, weil ich mich heute abgenabelt habe. Von NN emanzipiert.

Der Trennungsschmerz, der wie kalter Drogenentzug auf mich wirkt, mich oft zitternd und weinend zurücklässt, hat eine neue Ebene erreicht. Eine heilende Ebene.

Gesine Kühne, vom ganzen Herzen Radiomädchen. So zieht sie seit 16 Jahren durch die Straßen von Berlin, das Mikrofon im Anschlag, immer bereit Geschichten zu entdecken und diese zu erzählen. Das Mikro wird zur Zeit oft vom Bleistift ersetzt, weil das Leben eben doch die schönsten und schrecklichsten Geschichten schreibt.

Headerfoto: Jessy Rone (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

Gesine

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