Der sichere Hafen? Von Gewalt in der Ehe

„In den Hafen der Ehe einlaufen“ ist eine bekannte Redensart und eine schön-träumerische Umschreibung für Heirat. Ein Hafen war und ist ein sicherer Ort für Schiffe. Um anzulegen. Um an Land zu gehen. Um sicher zu sein vor feindlichen Angriffen. Um seine Reserven und seine verlorene Energie wieder aufzutanken und dann in neue Abenteuer starten zu können. Ein Hafen vermittelt das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Der englische Begriff „save haven“ fasst es gut zusammen: sicherer Hafen, Rückzugsort.

Auch die Ehe sollte ein Rückzugsort und damit ein sicherer Bereich sein. Sie sollte ein Ort sein, an dem man sorglos „anlegen“ kann, um von dem Stress auf der Arbeit, der schnelllebigen Zeit oder was sonst belastet, herunterkommen zu können. Die Partner sollten dabei der Hafen des jeweils anderen sein. Die Person, auf die man sich bedingungslos verlassen kann. Der man vertraut in allen Belangen. Mit der man sich nicht verstellen muss, sein kann, wie man ist. Mal ernst, mal kindisch. Mal melancholisch, mal mit ständig aufeinander folgenden, Bauchschmerzen auslösenden Lachkrämpfen. Mit allem drum und dran.

„Sollte“. Dieses kleine Konjunktiv. Konjunktive beschreiben einen Zustand, wie man ihn sich wünscht, aber leider doch nicht überall Standard ist. Es ist nicht so, dass die Ehe für alle Frauen ein sicherer Hafen ist. Nicht selten ist sie die offene See – mal stürmisch mit peitschender Gischt, tosendem Wind und unberechenbaren Wellen. Dann wieder leise, glatt, die Sonne widerspiegelnd und sanft. Doch man weiß, diese Ruhe wird nicht anhalten. Wann genau das Meer sich wieder in ein unbezwingbar erscheinendes Monster verwandelt, ist dabei aber ungewiss. Jede Kleinigkeit kann es wieder darin verwandeln und ein Ende dieses Teufelskreises ist für die meisten betroffenen Frauen in ihren Augen nicht in Sicht.

Sie strengen sich an, denken, er wird sich ändern, er verspricht es ja auch immer. Wenn ich doch nicht so schusselig wäre. Oder er nicht so viel Stress auf der Arbeit hätte. Oder das Geld nicht so knapp wäre. Oder wenn er weniger trinken würde.

„Würde“. Ebenfalls ein Konjunktiv – eins von vielen, die hier im Text stehen. Doch meiner Meinung nach das wichtigste. Würde ist nicht nur ein Konjunktiv, auch wenn es leider meist als solches benutzt wird. Es ist ebenso ein Substantiv. Die Würde.

Jede dritte Frau zwischen 16 und 85 Jahren wurde mindestens einmal Opfer häuslicher Gewalt. Sie ist sogar die häufigste Verletzungsursache bei Frauen. 2/3 aller Vergewaltigungen finden zu Hause, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz statt und bereits jede siebte Frau hat eine Vergewaltigung, eine versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erleben müssen. Von den körperlichen Schäden abgesehen sind die seelischen tief verankert und nur schwer zu verarbeiten. Das hat nichts mit Würde zu tun.

Männer, die sich so verhalten, haben nichts Würdevolles mehr an sich. Sie zeigen lediglich ihre Macht über die Frau. Ihre eingebildete Macht. Ihre Unsicherheit, Impulskontrollstörung, ihren Egozentrismus und ihre verzerrte und mittelalterliche Rollenvorstellung.

Frauen, die sich in den Fängen solcher Männer befinden, brauchen Hilfe. Unsere Hilfe. Sie brauchen unsere offenen Augen, Ohren und Türen. Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen – zusammen die Polizei aufsuchen, Beratungsstellen oder das Hilfetelefon anrufen, Frauenhäuser kontaktieren, Rechtsanwälte. Das Recht ist auf ihrer Seite. Doch der erste Schritt ist der schwerste. Deshalb achtet bitte auf euer Umfeld, schaut auf die kleinen Signale. Betroffene Frauen benötigen unsere Unterstützung für den ersten Schritt, um ihre Würde wieder zu erlangen. Um sich einen eigenen sicheren Hafen bauen zu können.

P.S.: Natürlich werden auch Männer Opfer häuslicher Gewalt, das möchte ich mit diesem Text nicht verleugnen. Nur beziehe ich mich ausschließlich auf Frauen, da ich ihn zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ verfasst habe. Mehr Infos findet ihr auch auf frauenrechte.de.

Pietzekatze, 29 Jahre alt, Erzieherin und studiert Soziale Arbeit im unterfränkischen Würzburg. Verträumt, chaotisch, verliebt in gutes Essen, Irland und Hamburg. Ziemlich verpeilt. Sie lässt sich leicht aus der Ruhe bringen und denkt viel zu viel nach – vor allem bei Ungerechtigkeit.

Headerfoto: Alexandra Baggs (Gesellschaftsspiel-Button added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

imgegenteil_Pietzekatze
Written By
More from Gast

Ich bin dick. Du bist dünn. Jeder ist so, wie er ist. Ende, aus.

Der Euphemismus. Ein weit verbreitetes Stilmittel, um unangenehme Umstände verschönert darzustellen. Gutes...
Read More

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.