Der Mann mit dem Jutesack

There is no great news. There is no light at the end of the tunnel. There is no silver lining. There is just this hell on earth. And the slow wait for the sweet release of death.

— Chuck Lorre

1

Der Mann, der früher einmal der Weihnachtsmann war, ist wieder besoffen. Hätte er den Job nicht verloren, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass es morgen Geschenke gibt. Von seinem Fenster aus blickt er über die Welt. Er atmet schwer, sein Atem kondensiert an der Scheibe, verdichtet sich zu Tröpfchen und rinnt in winzigen Bächen dem Fensterbrett entgegen. Früher ist er über weißen Pulverschnee geritten, die Häuser waren festlich geschmückt, die Bäckchen der Kinder rot und sein Schlitten war voller Geschenke. Früher, das ist lange her.

Früher hat er nur einmal im Jahr getrunken. An Heiligabend, nach Feierabend, in den Morgenstunden, wenn alle Kinder ihre Geschenke geöffnet hatten und friedlich in ihren Betten schliefen. Wenn die Wichtel nach Hause gegangen und die Rentiere wieder im Stall waren. Er hat die Stiefel ausgezogen, einen nach dem anderen, die Füße hochgelegt und sich gestreckt. Und dann hat er einen Cognac getrunken. Courvoisier.  Über eine Stunde lang hat er gebraucht, das kaum zu einem Viertel gefüllte bauchige Glas zu leeren, während draußen die Welt glitzernd vor ihm lag. Sein »Ritual« hat er es genannt.

Rituale gibt es heute nicht mehr. Kein Glas, kein Kamin, kein Ohrensessel, keine Fußbank. Keinen Cognac. Er trinkt Whiskey, direkt aus der Flasche. Billigen Fusel, der einem die Nasenhaare verätzt. Ihm ist das egal. Nichts, oder fast nichts, hat mehr eine Bedeutung. Nur eins taucht immer wieder auf: Er fragt sich, wie sich sein Nachfolger macht. Was der hat, was ihn zum alten Eisen werden ließ. Was es gewesen war, das den Rat veranlasste, ihn in den Ruhestand zu schicken. Wenn er es auf den Alkohol schieben könnte, könnte er wenigstens aufhören, sich Gedanken zu machen und sich genüsslich, wenn auch etwas pathetisch, zu Tode saufen. So ist er dazu verdammt, am Fenster zu stehen, jeden Abend, das ganze Jahr lang, hinauszublicken und sich zu immer wieder dieselben Fragen zu stellen. Selbstverständlich ist kein Abend so schwer zu ertragen wie der des morgigen Tages: der 24. Dezember.

2

Heiligabend. Früher hat er dieses Wort mit ehrfurchtsvoller Frömmigkeit ausgesprochen, heute sagt er es gar nicht mehr. Und wenn doch, dann spuckt er es eher aus. Wer könnte es ihm verdenken? Sein ganzes Leben war auf diesen einen Tag im Jahr ausgerichtet. Milliarden Kinder in aller Welt warteten darauf, dass er die Geschenke brachte. Und er erfüllte ihre Wünsche. Bis zu einem gewissen Tag. Dabei hatte er immer gedacht, bis zum Ende seiner Tage zu arbeiten. An die Existenz von so etwas wie einem Lebensabend hatte er nie gedacht. Wer kommt schon auf die Idee, dass der Weihnachtsmann irgendwann in den Ruhestand geht? Aber so ist das System, hatte der Rat erklärt, auch der Weihnachtsmann, haben sie gesagt, ja, auch der Weihnachtsmann müsse mit der Zeit gehen. Vielleicht ist der neue Weihnachtsmann gar nicht mehr so stämmig, vielleicht ist er dünn und durchtrainiert. Aber verbreitet so einer das Gefühl von Geborgenheit? Er weiß es nicht.

Für ihn ist gesorgt. Die Rente ist gut, sie reicht für das kleine Haus am Hang, und sie reicht für einen Vollrausch am Tag. Wenn er die leeren Flaschen zur Mülltonne bringt, spürt er einen Stich im Herzen, dort, wo früher die Freude saß, die Freude darüber, jedes Jahr die Kinder der Menschen glücklich machen zu dürfen. Einen Tag, auf den so viele Menschen in aller Welt sich freuten, sich immer noch freuen, nur ohne ihn. Wahrscheinlich nicht einmal wissen, dass der Weihnachtsmann nicht mehr der ist, der er mal war. Vielleicht nicht mal einen Unterschied feststellen. Wie auch? In ihren vor Freude halbblinden Augen sieht der Weihnachtsmann eben aus wie er schon immer ausgesehen hat. Wie sein Nachfolger wirklich aussieht? Er hat irgendwann aufgehört, die Nächte schlaflos zu verbringen, weil er keine Antwort auf diese Frage gefunden hat. Weil er ein Mittel fand, dass ihm beim Schlafen half. Whiskey.

3

Er war noch ein Kind, als ein Abgesandter des Rates zu seiner Familie kam und ihr kundtat, dass »der Junge eine große Zukunft vor sich« hat. Während die Brust seines Vaters sich wie auf Befehl vor Stolz schwellte, versteckte er sich hinter seiner Mutter, hielt sich an ihren Rockschößen fest, als hätte die Nachricht ihn wie einen Sturm heimgesucht und würde ihn hinfort blasen wollen. Es heißt, Jesus Christus habe die Nachricht, er sei Gottes Sohn, erst einmal Jahre lang verarbeiten müssen, weshalb er in den Evangelien eben noch zwölf, dann plötzlich dreißig Jahre alt ist. Er hingegen war nach kurzer Zeit des Schocks, nach kurzer Zeit der Angst, von der Familie getrennt zu werden, euphorisch geworden, für die Arbeit auserwählt zu sein, von der jeder im Land erzählte, solange er sich erinnern konnte. Das ganze Land war darauf ausgerichtet, den Reichtum zu produzieren, der für die Produktion, Verwaltung und Verteilung all der Geschenke benötigt wurde.

4

In den letzten Stunden vor Heiligabend, tief in der Nacht, wenn er kaum noch stehen kann, kommen ihm manchmal Gedanken, für die er sich früher gescholten hätte.

Er.
Hinterfragt.
Er macht sich lustig über den Altruismus seines Landes. Wozu all die Arbeit, all der Aufwand? Haben es die Kinder verdient, beschenkt zu werden, wenn sie heranwachsen und sich gegenseitig umbringen? Heucheln, intrigieren, betrügen? Wo ist das der Geist der Weihnacht? In diesen Momenten tiefster Verzweiflung sagt er Sätze, die er früher nicht über die Lippen gebracht, sondern sich lieber die Zunge abgebissen hätte.

»Kinder«, sagt er, »wer braucht schon Kinder.«

5

Die Standuhr neben dem Kamin, die ihm früher der Takt zum Feierabend war, ist heute nur noch Hohn. Unaufhörlich pendelt sie dem Unvermeidlichen entgegen. Dem Tag, der ihm wie kein anderer vor Augen führt, was er verloren hat. Dass er keine Rolle mehr spielt. Dass in dieser Welt kein Platz für ihn ist.

6

Pathos hat er immer abgelehnt. Er war immer voller Leidenschaft, aber alles – auch das Weihnachtsfest – hat seine Grenzen. Doch die Vergangenheit ist lange her, und er hat sich verändert. Was ist pathetisch daran, sich umzubringen? Der Revolver in seiner Hand wiegt schwer. Es sind nur noch wenige Augenblicke bis Heiligabend.

Martin Spieß schreibt belletristische Bücher, macht unter dem Namen VORBAND deutschsprachigen Indierock und arbeitet an seinem ersten Rap-Album. Sein Geld trägt er vorzugsweise zu seinem Stammtätowierer nach Berlin-Neukölln, obwohl er mittlerweile im Wendland lebt, der Heimat des Atommüllzwischenlagers Gorleben. Im Oktober 2017 erschien das dritte Vorband-Album „Es geht so lange gut, bis einer weint“, im November 2016 erschien sein viertes Buch, der Kurzgeschichtenband „Ich dreh mich lieber noch mal um und bin weit, weit weg“, aus dem diese Geschichte stammt. Mehr zu Martin Spieß unter martinspiess.com und vorbandmusik.de. (Foto: www.noack-fotografik.de)

Headerfoto: Bärtiger Mann via Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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