Der Heimscheißer

Ich persönlich hasse ja nix mehr als direkte Männer. Sagt ein Mann, dass er direkt ist, ist das nämlich ein Euphemismus für: „Hey, ich bin ein unverschämtes Arschloch und muss dich jetzt jedes noch so uncharmante Detail wissen lassen. Wait for it!“ Ich lobe mir Männer, die wissen, wann Mann zu lügen hat. Alte Schule!

Hannover ist bekannt für sein wunderschönes Maschseefest. Wunderschön organisiert für betrunkene Kloppis! Es war Sommer und so weilten meine Freundinnen und ich am Steg, genossen Musik und den Ausblick auf den Stadtsee als meine Miu-Miu-Sandale sich vom Fuß verabschiedete und in den See floh. Marc Terenzi sang, ich hatte Verständnis.

Panik machte sich breit, mit weißer Hose in den See? Hell no! Ich brauchte nicht lange zu überlegen, denn da war er: Mein Prince Charming, mein Aquaman. Er sprach nicht mit den Fischen, sondern fischte ihn selber raus und übergab mir meine Sandale mit einem Lächeln.

Ich war natürlich beeindruckt und malte mir schon eine Lovestory aus. Ich meine, welche Liebesgeschichte könnte besser anfangen? Das war Disneymaterial at its finest! Wir quatschten. Also ich quatschte! Er war zu betrunken, um sich zu wehren. Dann tauschten wir Handynummern aus.

Wir whatsappten eine Woche gelegentlich hin und her und trafen uns zum Essen. Es stellte sich heraus, dass er Ende 30 und selbstständig im Baugewerbe war. Nice, endlich mal jemand, der älter war. Allerdings hat das auch so seine Nachteile. Zu der Zeit war ich Vegetarierin und musste mich erst mal zehn Minuten dafür rechtfertigen.

Ich hatte das Gefühl, ich würde meinen Abend mit einem Großvater verbringen, denn selbst mein Papa (deutlich älter) belehrte mich nie so oft wie mein Datingpartner. Für ihn hieß ich nicht Geri, sondern Pullerbacke! Wahrscheinlich war das einfacher zu merken nach fünf Bieren.

Es wurde spät und ich verabschiedete mich, da ich am nächsten Morgen früh zur Arbeit musste und im Anschluss noch bis halb zehn abends Vorlesung hatte.

„Ach, Pullerbacke, dann schläfst du halt nicht, ist doch ein Witz.“
„Ach, Pullerbacke, iss doch Fleisch, scheiß auf die Tiere.“
„Ach, Pullerbacke dies, ach, Pullerbacke das.“

Noch nie in meinem Leben wurde ich so kindlich behandelt. Okay, Mama tut das immer noch, aber hey, that’s family. Ich verabschiedete mich höflich und beschloss, das Date und den Mann zu der Akte 0815 namens „Geschlossene Fälle“ zu legen.

Wir schrieben noch ein paar Mal höflicherweise und erkundigten uns nach dem gegenseitigen Wohlbefinden, aber wir beide hatten wohl begriffen, dass man eine chemische Reaktion zwar erzwingen kann, im Endeffekt dann aber nur Scheiße erhält.

Es verging ein gutes 3/4 Jahr bis ich erneut von ihm hörte und aus Anstand antwortete. Wir beschlossen, uns noch mal zu treffen; ganz romantisch am Maschsee, wo unsere Geschichte anfing. Ich bin ein Freund der 385960847 Chancen. Also hetzte ich nach meiner abendlichen Vorlesung zum Maschsee und fand ihn auf einer Parkbank sitzend vor.

Zur Begrüßung drückte er mir charmant ein Bier in die Hand. Perplex lehnte ich mit der Begründung, dass ich keinen Alkohol und schon gar nicht Bier trinke, ab. Schließlich hatten wir darüber auch bei unserem ersten Date ausführlichst diskutiert und ich hatte ihn zwei Stunden vorher noch mal in unserer Whatsapp-Konvo daran erinnert.

„Ach ja Pullerbacke, du bist ja mehr die komplizierte Frau.“

Und so saßen wir da auf ’ner Parkbank: Er mit seinem Oettinger und ich mit nix. Keine zehn Minuten später hatten wir wahrscheinlich schon so eine enge Bindung aufgebaut, dass sämtliche Tabus keine Relevanz mehr hatten. Er teilte eine nützliche Information mit mir:

„Ich kann eh nicht so lange bleiben, weil ich gleich kacken muss.“

Ich war froh, dass ich nix in der Hand hielt, was ich in diesem Moment einfach hätte fallen lassen können und erwiderte:

„Da drüben ist das Pier 51, viel Spaß.“
„Pullerbacke, ich kann nur zu Hause kacken!“

Ich stand auf und wünschte dem Heimscheißer noch alles Gute. Auf dem Weg zu meinem Auto schwankte ich zwischen Ekel und Lachen. Da war dieses Bild von dem älteren, selbstständigen, erfolgreichen, gutaussehenden Mann, der auf ’ner Parkbank mit ’nem Bier in der Hand offenbart, dass er im Prinzip ein Heimscheißer ist.

Es muss wohl sein letztes Geschäft gewesen sein.
Ich hörte nie wieder etwas von ihm.

Geri ist eine echte Froschprinzessin und auf der ewigen Suche nach dem letzten Einhorn. Mehr von ihr findest du auf ihrem Blog Geri Diaries und bei Instagram.

Headerfoto: Mat Simpson via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.
imgegenteil_Geri

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