Der ganz normale Fetisch – von Idealbildern und wahrer Schönheit

Ein neues Jahr bricht an und weiterhin werden wir mit makellosen Körpern, Gesichtern und deren Erfolgsgeschichten bombardiert. Jagen gemeinsam einen scheinbaren Normalzustand, der für den Durchschnitt stets ein unerreichbares Extrem bleiben wird. Feiern Kosmetikgiganten, wenn sie mal ein bisschen Speck in die Werbung packen oder einen CEO, der das eigentlich Selbstverständliche umsetzen will – gleichen Lohn für alle.

Aber weil wir lieber nach etwas streben, was selbst Models nur mit Photoshop und dem Glück perfekter Proportionen erreichen, müssen wir Kategorien für den ganz normalen fehlerbehafteten Außenseiter schaffen. Der bloß nicht erkennen darf, dass er eigentlich in der Mitte steht. Erfinden neue Ideale, in denen es plötzlich okay ist, Falten, Fett und Haare zu haben, solange man dabei schön, begehrenswert und funktionstüchtig bleibt.

Feiern Lena Dunham, weil sie ihren durchschnittlichen Körper offensiv in die Kamera hält. Entwickeln eigene Memes, um der Menschheit zu zeigen, dass Körperbehaarung und Hautunreinheiten keine Ausnahmeerscheinungen sind, wenn man sie nur brav auf Tumblr stellt und im Alltag versteckt.

Applaudieren Erika Lust, für Pornos, mit normalen schönen Menschen, Anspruch auf Geschichte und Frauen, deren einzige aktive Handlung nicht nur ein Blowjob ist. Und doch vereint die Inszenierung des Normalen etwas:

Es ist die übersteigerte Normalität, der extreme und schönste Fehler, den Mode und Werbung für sich entdeckt haben. Sommersprossen, ja gerne, aber dann gleich genug für eine halbe Fußballmannschaft. Oder soll es lieber ein üppiger Körper sein? Dann aber bloß, wenn das Gesicht aus der größten Menschenmenge hervor strahlt.

Das eigentlich Selbstverständliche, Gewöhnliche wird solange multipliziert, bis es wieder außergewöhnlich, weil kaum erreichbar scheint. Sich besser verkaufen lässt, weil es sich aus der Masse abhebt, die es eigentlich abbilden und ansprechen sollte.

Die unabhängige Frau, nicht auf der Suche nach einem Mann, existiert höchstens in einem Disney-Film.

Und wollen wir eine starke Frauenfigur, dann muss sie schlussendlich noch immer unbedrohlich, instabil, quirlig bleiben. Wie sollten Männer sich sonst in sie verlieben können? Die unabhängige Frau, nicht auf der Suche nach einem Mann, existiert höchstens in einem Disney-Film.

So bewegen sich die oben Genannten noch immer in einem körperfeindlichen System, bieten höchstens ein kurzes Aufatmen, bevor man wieder im Sumpf aus oberflächlichen Idealen versinkt. Sind unsere Körper wirklich so hässlich, dass wir sie nur als Fetisch, Ausnahme, Statement aushalten?

Vielleicht könnte man auch damit anfangen, nicht jedes zweite Produkt mit einer halbnackten Frau zu bewerben.

Natürlich wird sich die Werbung immer der außergewöhnlichen und seltenen Erscheinungen bedienen, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber nur solange, wie wir diesem Trend nicht widersprechen. Nachfragen, wo all die Menschen waren, die uns täglich in der U-Bahn begegnen, als zum letzten Casting aufgerufen wurde. Vielleicht könnte man auch damit anfangen, nicht jedes zweite Produkt mit einer halbnackten Frau zu bewerben.

Es fehlen Fotos, Geschichten und Filme, in denen die Körper der DarstellerInnen nicht zum Teil des Charakters werden. Muss ein bisschen mehr Fleisch gleich Plus Size heißen oder ein erotischer Film über eine Frau mit durchschnittlichen Maßen in einer Ecke neben außergewöhnlichen Liebespraktiken landen?

Der Durchschnitt wurde zur Ausnahme erklärt, um uns kollektiv beschämen zu können, wenn sich jemand der Leistungsgesellschaft entgegenstellt oder einfach nicht mehr richtig funktionieren kann oder will.

Wann hören wir endlich auf, die immer gleichen Archetypen zu verwenden? Alle Körper sind makelhaft und deswegen schön.

Wann hören wir endlich auf, die immer gleichen Archetypen zu verwenden? Lassen unsere Kinder neue Geschichten erzählen – nicht mehr über die Körper von Menschen, sondern von ihren Taten und den Träumen, die in ihren Köpfen warten?

Ich wünsche mir, dass KünstlerInnen und MeinungsmacherInnen Anna-Normalverbraucherin für sich entdecken, sie ins Rampenlicht rücken. Ihr einmal all die Aufmerksamkeit und Tricks zukommen lassen, die sonst nur der Ausnahme gebührt. Damit wir sehen können:

Alle Körper sind makelhaft und deswegen schön.

Denn als Menschen sind wir schließlich auch nur Gewohnheitstiere, die sich ziemlich schnell an alles gewöhnen, was uns die Werbung vorsetzt. Warum also nicht einfach mal Appetit auf normale Körper mit bisschen Bauchfett, Körperbehaarung und Dehnungsstreifen machen?

P.S.: Der Autor ist Teil des oben genannten Systems und hat zu seiner eigenen Schande schon zu oft die Körper von Frauen kommentiert und entschuldigt sich hiermit vielmals für seine Dummheit und Engstirnigkeit.

Eigentlich kommt Julian aus Wien, ist aber irgendwie in Berlin gelandet. Hier schreibt er, manchmal auch für uns, oder macht “Irgendwas mit Brettspielen”. Früher hat er für die Liebe gearbeitet und sucht noch immer den richtigen Ersatz dafür. Außerdem liebt er Butter, Pudding und Thomas Bernhard. Mehr von ihm gibt es auf Twitter und Instagram.
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Headerfoto: Amy Clarke via Creative Commons Lizenz 2.0. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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