Der eine, den ich nicht haben kann

Du und ich gehen etwas trinken. Es ist der letzte Abend, den ich mit Dir als meinem mittlerweile besten Freund verbringen darf, bevor Du nächste Woche am Montag weggehst. Für fünf Monate. Ein ist ein schöner Abend, an dem eigentlich alles ganz furchtbar unperfekt beginnt:

Ich sehe entsetzlich aus, habe nicht genug Geld auf dem Konto oder in der Tasche und an meiner Abschlussarbeit habe ich heute auch wieder nicht weitergeschrieben. Die Deadline ist in drei Wochen. Aber egal. Ich freue mich schon den ganzen Tag auf unser Treffen, ich mag Dich. Wir sind Freunde.

Ich freue mich schon den ganzen Tag auf unser Treffen, ich mag Dich. Wir sind Freunde.

Als wir uns das erste Mal getroffen haben, war ich gerade so über die Trennung von meinem Exfreund hinweg, nicht wirklich, aber naja, das Leben muss weitergehen. Aber Du hast Dich mit mir getroffen, um meinen Kummer mit Alkohol zu bekämpfen.

Das war damals Deine Idee. Du wolltest mein Saufkumpan sein. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: »Dich mag ich echt gerne, Du bist ein Guter.«

Wir gehen in ein Café – eine Kneipe, ein Bistro? Ich weiß nicht mehr, wie es heißt, aber ich könnte es bei Google Maps wiederfinden. Man kommt dran vorbei, wenn man von der S-Bahn-Station kommt, gegenüber vom Café M.

Im Café M. habe ich Dir auch von meinem Fehltritt mit diesem Typen erzählt. Du kennst ihn auch. Da hast Du mich ausgelacht. Nicht wirklich, nur ein bisschen. Das ist jetzt schon Monate her. Damals hat es auch geregnet, aber wir hatten nicht so viel Zeit. Wir trafen uns nachmittags, ich hakte mich bei Dir unter, damit wir beide unter den Regenschirm passten.

Wir trafen uns nachmittags, ich hakte mich bei Dir unter, damit wir beide unter den Regenschirm passten.

Als wir jetzt in den Laden reinkommen ist es angenehm wenig los, ohne dass der Laden vollkommen leer ist. Wir setzen uns direkt neben die Glasvitrine mit dem Kuchen. Eine harte Probe für Dich: Du willst abnehmen, hast den ganzen Tag nichts gegessen. Ich will auch abnehmen, aber ich habe auch keine Schwäche für Kuchen. Wir bestellen uns dennoch Oliven, weil Du Hunger hast. Ich habe viel Spaß mit Dir.

Heute Abend redest Du mich wie sooft an die Wand. Du bist sehr intelligent. Daneben komme ich mir oft klein und dumm vor. Und wenn ich an Deine Freundin denke: ein bildhübsches, schlankes, zierliches und dazu noch sehr gebildetes Mädchen, das zurzeit in B. lebt und arbeitet – dann komme ich mir vor wie ein riesiger ungewaschener Trampel. Dick und Doof – in einer Person.

Und wenn ich an Deine Freundin denke, dann komme ich mir vor wie Dick und Doof – in Personalunion.

Du und ich reden viel und ich lache oft. Manchmal zittere ich, weil ich mich so freue, in diesem Moment hier zu sein. Ob ich in Dich verliebt bin? Nun, nein. Ich mag Dich – sehr. Aber Du hast ja eine Freundin, die Du liebst, also lohnt es sich nicht, darüber nachzudenken. Solange ich sie nicht jeden Tag sehen, mich mit ihr vergleichen muss, ist all das kein Problem. Kein Grund für Herzschmerz.

Wir reden über Freunde, Familie – Deinen Bruder, Deine Schwester, meine Schwester, meine Eltern, Deine Eltern. Ich frage Dich, wie Du Dich mit dem Umzug fühlst. Du willst eigentlich nicht so recht hier weg. Du magst Deine Stadt. Ich mag sie auch – ich will auch nicht weg. Du hast Angst vor der Situation: Was, wenn Du und deine Freundin am Leben – am Alltag – scheitern?

Ich bin nicht gut in Peptalk – bei mir endet alles, was ich anpacke, negativ. 2017 war kein gutes Jahr für mich. Wir bestellen Wein – Grauburgunder, weil der günstig ist. Ich zwei Gläser und Du ein Glas und später zwei Biere.

Wir ziehen nach der letzten Runde weiter, der Raum ist auch schon sehr leer geworden. Zielstrebig gehen wir – ich wieder bei Dir eingehakt – durch den Regen in Richtung unserer Bar.

Wir ziehen nach der letzten Runde weiter, der Raum ist auch schon sehr leer geworden. Zielstrebig gehen wir – ich wieder bei Dir eingehakt – durch den Regen in Richtung unserer Bar. Hier haben wir unseren ersten gemeinsamen Saufabend verbracht. Ich mag diese Bar seitdem sehr.

Auch hier ist es angenehm leer, nicht zu viele Menschen, aber auch nicht zu wenig, sodass man sich beobachtet fühlen könnte. Ich trinke Gin & Tonic, Du bestellst Dir einen White Russian.

Du und ich reden immer lauter. Über alles mögliche: Warum waren alle meine Exfreunde blond? Ich stehe eigentlich auf dunkle Haare. Du magst dunkle Haare auch lieber – aber auch Deine Freundin ist blond. Natürlich ist sie trotzdem für Dich die Schönste.

Du hast dunkle Haare. Und Du siehst gut aus – das fällt mir heute mehr denn je auf. Ich habe auch dunkle Haare. Du findest mich hübsch. Ich finde mich zu dick – Du sagst, ich sei perfekt. Ich zeige Dir Fotos, wie ich mal aussah: lange dunkle Haare, drahtig. Du sagst ›drahtig‹; findest das nicht schlimm, dass ich seitdem zugenommen habe. Ich schon.

Wir trinken immer mehr und immer wieder halten wir uns an den Händen.

Wir trinken immer mehr und immer wieder halten wir uns an den Händen. Ein Typ kommt rein und will uns Kunstdrucke verkaufen. Wir mögen nicht, aber er ›schenkt‹ mir eins und ich ›spende‹ dann 5 Euro. Ich bin sehr empathisch. Du auch, aber Du willst es irgendwie nicht sein. Das mache unglücklich, sagst Du.

Wir sind beide schon ziemlich betrunken. Ich will keinen Gin mehr – ich hatte schon zwei. Du willst, dass ich noch etwas trinke, auch etwas mit weniger Alkohol. Ich trinke ein Jever – dabei mag ich kein Bier. Ich trinke es zur Hälfte, den Rest trinkst Du.

Irgendwann lege ich meinen Kopf auf den Tisch. Es ist weit nach 2 Uhr in der Nacht. Ich sage Dir, dass ich es traurig finde, dass Du weggehst. Ich werde Dich vermissen. Du bist doch so ein guter Freund.

Du sagst, Du wirst mich auch vermissen, kraulst meinen Kopf und wuschelst mir durch die Haare. Ich hasse meine Frisur. Du sagst, ich hätte wunderschöne Haare. Das macht es besser, sage ich – und meine ich. Du küsst meinen Schopf. Ich streichle Deinen Arm. Mehrfach, beides. Ich bin wahnsinnig betrunken und aufgeregt.

Ich denke: gleich passiert etwas. Irgendwas. Ich richte mich auf. Du setzt Dich neben mich und wir umarmen uns. Lange. Wir reden nicht mehr. Du beginnst meinen Hals zu küssen. Das ist schön.

Ich denke: gleich passiert etwas. Irgendwas. Ich richte mich auf. Du setzt Dich neben mich und wir umarmen uns. Lange. Wir reden nicht mehr. Du beginnst meinen Hals zu küssen. Das ist schön.

Was passiert hier? Das darf ich nicht. Das darfst Du nicht. Aber: Es passiert. Und das ist schön.

Ich drehe meinen Kopf und küsse Dich auf Deine Wange. Dann auf den Mundwinkel. Ich merke, wie Du mich zurückküsst. Ganz zögerlich natürlich. Was wir machen, ist falsch. Ich drehe mich wieder weg. Ich entschuldige mich. Aber wir umarmen uns weiter.

Du weißt, dass das nicht richtig ist. Wir küssen uns noch einmal, wieder sehr zögerlich. Das Zögerliche rettet uns. Wir gestehen uns, dass wir mehr füreinander empfinden als Freundschaft. Ich wusste das bis jetzt nicht. Du wohl auch nicht. Wir haben uns zu spät kennen gelernt. Du magst mich sehr, mehr, aber Du magst deine Freundin deswegen nicht weniger.

Ich weiß das. Ich weiß auch, was das heißt für mich. Und dennoch: ein Funke der Hoffnung. Der sofort wieder erlischt. Das wird nichts, ich bin zu spät. Ich bin nicht die Richtige. Aber Du bist der Richtige, für mich. Ich fühle auf einmal – schon lange – so viel für Dich. Du fühlst dasselbe für mich. Wir sind uns sehr ähnlich. Wir würden hervorragend zusammenpassen.

Das wird nichts, ich bin zu spät. Ich bin nicht die Richtige. Aber Du bist der Richtige, für mich. Ich fühle auf einmal – schon lange – so viel für Dich.

Du würdest mich gerne richtig küssen, sagst Du, aber tust Du nicht. Weil das nicht geht. Du hast so etwas noch nie gemacht und es täte Dir leid. Wir sollten besser beide nach Hause gehen. Wir wollen drüber reden. Irgendwann.

Zum Abschied drückst Du mich vor der Bar noch einmal fest an Dich. Du küsst mich auf die Wange – oder auf den Mund? Ich weiß es nicht mehr, ich bin sehr betrunken und der Abend verschwimmt. Aber es war ein schöner Abend. Ich habe ihn genossen. Ich weiß aber, dass sich das nicht wiederholen wird. Ich habe verloren, bevor das Spiel begonnen hat. Und ich muss das akzeptieren.

Zwei Tage später telefonieren wir. Es tut Dir so leid. Ich soll nicht denken, dass Du mit mir gespielt hast. Ich weiß, dass Du das nicht getan hast.

Du willst mich nicht verlieren, willst, dass alles wieder so wird wie vorher. Ich sage ja dazu. Ich will das auch. Ich mag Dich sehr – ich mag Dich mehr. Aber es soll nicht sein. Es wird nicht sein. Du planst eine Zukunft und ich komme nicht darin vor. Ich habe keine mit Dir. Obwohl ich denke, dass wir großartig wären. Ich wische den Gedanken schnell beiseite. Ich verstehe Dich ja. Besser, als Du denkst.

Du planst eine Zukunft und ich komme nicht darin vor. Ich habe keine mit Dir. Obwohl ich denke, dass wir großartig wären.

Ich weine später. Viel. Aber ich will auch Dich nicht verlieren. Du bist mein Freund. Ein guter – der Beste. Einer der ehrlichsten und liebsten Menschen, die ich kenne. Ich weiß, ich finde in Deinem Leben statt. Nicht als Freundin. Aber als eine Freundin.

Das sage ich Dir später noch einmal. Du freust Dich darüber und dankst mir für mein Verständnis. Es tut Dir so Leid. Aber es ist gut. Ich weine – lange und viel. Und dann: Monate später, kommt die Sonne zurück.

Das Fräulein Wunsch liebt. Und ist immer zu spät für die guten Dinge. Aber sie hört nicht auf zu glauben, dass, wenn es sein soll, sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein wird. Andere schaffen das ja auch.

Headerfoto: Nik MacMillan via Unsplash.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

2 Comments

  • Und wenn man ihn/sie irgendwann später einmal anruft und sagt: „Du, ich vermisse dich irgendwie…“ Und die/der am anderen Ende der Leitung dann sagt: „Wie kannst du mich vermissen, du kennst mich doch gar nicht so genau…“ Dann tut das weh…sehr weh… Und man fragt sich, was geschehen ist, damit die Nähe zur Ferne wurde.

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