David gegen Goliath

Freitagabend. Leicht angetrunken bin ich mit ein paar Single-Freundinnen auf dem Weg zu meinem Stammclub. Männerüberschuss. Indie. Britpop. Doch dieses Mal ist etwas anders. Während eines kurzen Plauschs mit dem Türsteher dröhnt plötzlich Beyoncés All the Single Ladies aus der Clubtür. Ernsthaft? Abgesehen von dem absoluten Stilbruch: Ich fühle mich verhöhnt. Selbst in seiner eigenen Disse wird man mit seinem Beziehungsstatus konfrontiert.

Der Tag danach: Ich bin natürlich trotzdem reingegangen. Ich bin nicht sonderlich konsequent was so etwas angeht. Noch leicht lädiert von der durchtanzten Nacht und viel zu viel Gin Tonic, wache ich in einem leeren Bett auf. Na ja, das ist gelogen. Zu mir gesellen sich eine Packung Butter (Was macht die eigentlich hier?), ein nur halb geschlossener Nagellack (Die Flecken gehen nie wieder raus, ich muss Mutti anrufen!), eine halbvolle Brötchentüte (Gut, dass ich im Suff noch ans Frühstück gedacht habe.) und ein liebevoll selbstgemachtes Kirschkernkissen (Wunderbar bei 30 Grad Celsius Außentemperatur!). Und ich muss sagen: Es gefällt mir.

Nach zwei mehrjährigen Beziehungen bin ich das erste Mal für längere Zeit Single. Man lernt sich selber noch einmal kennen, mit all seinen Macken und Eigenarten. Zeit wird anders genutzt und eingerostete Freundschaften leben wieder auf. Man re-transformiert sich von einem Wir wieder zu einem Ich. Allerdings bin ich – bis auf die oben genannten Ausnahmen – damit ziemlich allein auf weiter Flur! Familie, Freunde, Arbeit – überall umgeben mich Paare: die Langzeitliebenden, die Frischverliebten und die Liebenden, die eine Fassade aufrechterhalten wollen. Aus der Sicht meiner Beziehungsfreunde bin ich wiederum ein Exot mit folgenden Eigenschaften: einsam, allein, unglücklich.

Ich fühle mich mal wieder verhöhnt, unverstanden und in eine Schublade gesteckt. Ich als Single. Single – ein wirklich furchtbares Wort. Es geht immer mit einer gewissen Wertung einher. Einige halten dich für ein Betthupferl, das von einer Party zur nächsten hüpft und sich nymphomanisch alles an den Hals wirft, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Die Mehrheit denkt allerdings, dass du dir nichts sehnlicher als eine Beziehung wünschst, verzweifelt zu Hause sitzt und dir zum zwanzigsten Mal Zehn Dinge, die ich an dir hasse anschaust und auf das persönliche romantische Happy End wartest. Zur Krönung übernehmen sie auch noch das tägliche Mantra für dich mit: „Du findest schon noch den Richtigen!“

Erst kürzlich konnte ich auf einer Hochzeit ein weiteres Paarphänomen beobachten: Ich bin mir nicht sicher, ob es an den Urinstinkten liegt, ob das von der Evolution so vorgesehen ist oder ob das so ein Sex-and-the-City-Ding ist, aber treffen Paare auf Singles, so laufen bei den Liebenden zumeist irgendwelche chemischen Prozesse im Gehirn hab, die sie zu ungewöhnlichem Handeln animiert: „Ah schau, das ist mein Cousin Konstantin. Er hat gerade sein Jurastudium beendet. Wie findest du sein Poloshirt? Ach und übrigens: Er ist Single!“ Und das ganze natürlich in einer argwöhnisch, gar nicht auffälligen Stimmlage und einer aufgesetzten Art, die alle Anwesenden in Verlegenheit bringt und nur selten zum Ziel führt. Ist das ein Beschützerinstinkt? Oder ist das das Pendant zum Milcheinschuss bei kinderlosen Paaren? Das Auftreten eines Singles verursacht hormonbedingtes Agieren auf eine höchst seltsame Art und Weise.

Ich fühle mich mal wieder verhöhnt. Es ist an der Zeit, in mein gallisches Dorf zurückzugehen und mich bei meinen wenigen Singlefreunden über diese ekelhaften Paare aufzuregen. Für den ersten Moment tut das gut, was nicht zuletzt an dem vielen Wein liegt. Doch dann die Erkenntnis: Ich bin Teil eines östrogengesteuerten Stammtisches, der über Chatverläufe von „ihm“ schwadroniert und Parolen raushaut wie: „Alle Männer in einen Sack und mit dem Knüppel draufhauen – Frau trifft immer den Richtigen!“

Ich fühle mich mal wieder verhöhnt. Diesmal allerdings von mir selber. Warum müssen wir eigentlich immer alles mit einem Etikett versehen? Den Ursprung für den exzessiven Drang nach Bewertung finden wir natürlich – wie sollte es auch anders sein – in der Kindheit: Wir lernen von früh auf, in Gut und Schlecht zu unterscheiden. Böse Stiefmutter und verlorenes Kind, Hexe und Fee, unschuldiges Schaf und böser Wolf. Nur leider ist das bei Paar versus Single nicht so leicht zu handhaben.

Eins steht auf jeden Fall fest: Single zu sein ist anstrengend. Überall die mitleidigen Blicke, die Fragen, die Tatsache, dass man als Single zwangsläufig einsam sein muss und dass man unbedingt nach einer Beziehung strebt. Auf der anderen Seite die Singlekohorte, die sich in ständiger Verteidigungshaltung positioniert, all die glücklichen Beziehungen verteufelt und sich nach jeglichen Dramen verzehrt.

Und weil dem so ist, habe ich jetzt beschlossen, in einer festen Beziehung zu sein – in einer festen Beziehung zu mir selbst. Wir sind seit 24 Jahren glücklich zusammen. Wir hatten Hochs und Tiefs. Mehr gute als schlechte Zeiten. Wir sind zusammen gewachsen. Wir haben uns gemeinsam entwickelt. Wir vertrauen einander und wir gehen uns auch nur selten auf den Keks. Und für alles Weitere gibt es ja noch die durchtanzten Nächte …

Judith ist 25. Ihr Leben ist eine Slapstick-Komödie und sie verkörpert Charlie Chaplin: Sie stolpert, lässt Sachen fallen, macht Dinge kaputt, läuft gegen Türen, steht wieder auf und bringt die Leute zum Lachen. Ihr Herz liegt auf der Zunge. Sie redet erst und denkt dann. Sie liebt Worte und hasst Zahlen. Sie eckt an und rundet auf. Lebte irgendwo zwischen Stadt und Land, doch fühlt sich überall zu Hause. 

Headerfoto: Mike Monaghan (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons License 2.0!

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1 Comment

  • Herrlich! Da kann ich mich so schön wiederfinden! Nur dass mir meine Singlefreunde abhanden gekommen sind, was das weggehen leider erschwert.

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