Das warst du

Das bin ich. Ich, der Vollidiot. Voll-idiot. Voll-I-diot. Voll-I-di-ot. Stehe des gerade erloschenen Lichts wegen in deinem dunklen Treppenhaus und habe dieses Gefühl im Hals, als würde es meinen Kehlkopf durch den Druck in meiner Lunge nach oben verschieben. In meinem Bauch brennt das Adrenalin. In meinem Fingern ist nichts als kaltes Zittern. Und es ist deine Stimme mit diesem heiseren bronchialen Rasseln, die ich hinter der Tür höre. Es ist diese Phonie, von der ich mir erstmals wieder vorstellen konnte, sie die nächsten zehn Jahre ertragen zu können.

Und das war ich, der da vor sechs Monaten am Tresen lehnte, Schlagseite hatte, des fiesen Alkohols wegen. Sich förmlich daran festhielt. Und das warst du, die Fremde, die an jenem lauen Frühjahrsabend meinte, wer sich mit Alkohol vergnügt, hat auch zu viele Freunde mit Augenringen. Und das waren unsere Getränke, die überschwappten, während die Gläser laut schepperten. Stunden später lagst du in meinem Bett, und gerade als ich vollends über dich herfallen wollte, sagtest du: „Es wird nichts passieren.“ Und es passierte nichts.

Und das warst du, die kam und ging und kam und ging und Tage später wieder vor der Tür stand und blieb. Manchmal eine Nacht, und manchmal eine Woche. Ich wachte auf und du warst weg. Ich wachte auf und du lagst da, die dunklen Strähnen im Gesicht und den Mund leicht geöffnet.
Und es war die Friedlichkeit in diesem Anblick, die mich glauben ließ, es gäbe auf der Welt keine Bombe, die explodieren und keinen Krieg, der dadurch nicht enden könnte.

Und es gab nie die Garantie, dass du bei mir sein würdest. Ich kam nach Hause und mein Bett war frisch bezogen, keine Spur von dir oder dass du auch nur hier gewesen wärst. Ein anderes Mal saßt du lächelnd darin mit frisch gewaschenem Haar, einem Buch in der Hand und Tee auf dem Nachttisch.

Und das warst du, die mich bitterlich weinend am Telefon anflehte, sie abzuholen, betrunken und vom Regen durchnässt, am anderen Ende der Stadt. Auch warst du es, die man tagelang nicht erreichte. Du warst ein wildes Tier und ich war sicher, du würdest dich melden, wenn du es brauchst. Und das war ich, der damit leben konnte.

Es war diese Geschichte mit deinem Ex-Freund, über die wir nie sprachen, weil es uns verletzt hätte. Und es war dein Elend, deine Vergangenheit, deine Angst und die Krankheit deines Vaters, die dich nachts zucken und schreien ließen. Und es war mein schmerzendes Schlüsselbein, auf dem dein Kopf während der Dunkelheit ruhte. Und es war mein Schnarchen, der Rückenlage wegen, das mir schlimmste Halsschmerzen bescherte und dich in den Schlaf wiegte. Es war dein Kuss, der für alles entschädigte.

Und das warst du, die sonntags nicht aufstehen, stattdessen mit ihren Fingern Worte in die Luft schreiben, auf dem MacBook Serien anschauen, stundenlang lachen, schweigen oder reden wollte. Und manchmal weinen. Tagelang weinen. Ja, das warst du. Und ja, das war ich, der dir in die Augen sah und sich darin verlor, mit dir lachte und sich neben dich legte, wenn es mal nicht mehr ging.

Es war dieser eine Moment vor Monaten, in dem meine Funkpeitsche klingelte, die Schwester der Notaufnahme mir sagte, dass du einen Unfall mit dem Rad hattest und ich dein Notfall-Kontakt sei, der mir bewusst machte, dass zum ersten Mal seit langer Zeit ein anderer Mensch wichtiger war als ich selbst.

Und der Sommer, er war unser.

Und ja, das war ich, der Vollidiot. Voll-idiot. Voll-I-diot. Voll-I-di-ot, der dich vier Wochen nicht gesehen und dennoch in Ruhe gelassen hat.

Und es war genau der in Unterhose vor mir stehende Ex-Freund, bei dem ich mich eben entschuldigte, ich hätte mich in der Etage geirrt. Und es ist deine Stimme mit diesem heiseren bronchialen Rasseln, hinter der Tür, die ich hier im dunklen Treppenhaus höre, die mit der Phonie, von der ich mir vorstellen konnte, ich könnte sie die nächsten zehn Jahre ertragen, fragt: „Schatz, wer war das?“

Headerfoto: Christian Lauer via Creative Commons Lizenz!

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