Das stille Wir in mir

Es ist dieser Moment, in dem ich im Tunnel bin. Ich mich abnabele von der Außenwelt. Konturen, Geräusche und jegliche Form von Zeit zu einem einzigen Etwas verschmelzen, während mein Blick friedlich auf dir ruht. Leicht distanziert, damit ich dein ganzes Ich im Bilde habe, den Blick wandern lassen kann von oben nach unten, jedes Detail deines Körpers in mich aufnehme, mit jedem meiner Atemzüge die Welt zunehmend entschleunigt, das Karussell des Daseins sich langsamer bewegt. Als säße ich darin und wolle nicht, dass ich dich nur im Vorbeifliegen erhasche. Zeitlupe. Stille. Ich lasse meine Augen über dich gleiten, als täte ich es zeitgleich mit meinen Händen. Lasse die Fingerspitzen der Rechten den Herzschlag in deiner Brust erahnen, während die Linke deine Nackenhärchen liebkost.

Es ist dieser Moment, wenn meine Gedankenwelt ihr eigenes Skript schreibt, in dem ein Wir aus der Dunkelheit des Unmöglichen in das warme Licht eines Teelichtes gleitet. Mein Herz voller Überforderung ins Stolpern gerät und sich nach nichts mehr sehnt, als dabei in deinen Armen zu landen. Weiß ich dich nicht in meiner Nähe, schließe ich einfach die Lider, um dich bei mir zu haben. Ich kann es sehen, dieses reine Lächeln, diese kleine Geste, die meine Augen nicht loslassen lässt, die mich innerlich aufwühlt und erwärmt. Dieses Lächeln, das mir die Mundwinkel gen Himmel treibt.

All die versehentlichen Berührungen zwischen uns, welche meine Gegenwart immer wieder aus Neue innehalten lassen, ohne dass du Kenntnis davon nimmst. Erinnerst du dich an die Gespräche, bei denen du erzähltest, während ich deinen Lippen schweigend folgt? Nicht Desinteresse nahm meinen Stimmbändern ihren Schwung, es war und ist diese Reinheit, der du dir nicht bewusst bist. Eine Form von Schönheit, die wie ein Mantra aus deinen Augen scheint und mich in Trance wiegt. Mich einlullt, die Realität wie ein Stück Treibholz mit sich zieht, das sich nicht gegen den forttragenden Sog wehren kann. In diesen Momenten stehe ich dann dümmlich grinsend vor dir, die Macht über meinen Körper dreht sich immer schneller im Strudel deiner Präsenz, ich lasse sie gerne spielen, weiß dass du auf sie aufpasst.
Diese vielen kleinen Momente aus Gedanken und Gesten tragen dazu bei, dass ich meinem Alltag ein kleines Stückchen mehr hinzurechnen kann. Mehr jetzt, mehr hier, vielleicht mehr Sein, weil ich mich in deiner Anwesenheit deutlicher spüre.

Es ist dieser Moment, wenn ich im Tunnel bin. Ich zurück drifte in die Außenwelt. Konturen, Geräusche und Zeit sich entknoten und mich in ihrem Zusammenwirken umgeben. Mein Blick ruht weiterhin auf dir, während die Welt beschleunigt, ich lächle. Weiß dich als Freund, auch wenn es nie mehr sein wird. Es sind die Details, die bleiben, sowie die Gewissheit deines Seins. Ein Sein für mich, das mit dem nächsten Tunnel erneut aufblüht.

Liselotte Kaul ist eigentlich ein Genie, eigentlich hat sie’s selbst nur noch nicht erkannt. Eigentlich ist sie ganz anders, nur 27 Jahre, das weiß sie, ist sie alt. Obwohl, wer garantiert ihr das wirklich? Sie ist die, die sie denkt zu sein. Je nach Blickwinkel betiteln sie Personen vielleicht als keck, aufgeschlossen, neugierig, zu neugierig, beschädigt oder zerstreut. Auf jeden Fall nichts als Sand im Kopf, aus dem sich viele Sandburgen bauen lassen. Sie neigt dazu, Geräusche zu imitieren, wenn sie sie hört. Sie spricht mit ihrem Kühlschrank, der steht ihr näher als ihre Pflanzen. Immer wenn sie eine Walnuss öffnet, sieht sie ein kleines holziges Gehirn vor sich und hofft, durch den Verzehr schlauer zu werden. Placebo 2.0.

Headerfoto: Ryan Galea via Creative Commons Lizenz!

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