Das schwarze Schaf der Familie – Warum „anders“ nicht „falsch“ bedeutet

Ich will meine Familie gar nicht in die Pfanne hauen, das sind wirklich unfassbar tolle Menschen. Es mangelte nie an Liebe oder Unterstützung. Nur sind irgendwie in meiner Kindheit ein paar Sachen schief gelaufen, die ich dann zum Wohle meiner geistigen Gesundheit als Erwachsene wieder ausbaden musste. Das war eine Scheiß-Zeit, aber wunderbarerweise tat nicht nur mir das gut, sondern brachte auch beim Rest meiner Familie ein paar Steine ins Rollen.

Gefühlt war ich die Tochter des Gärtners, das Adoptivkind oder blöderweise einfach nur das schwarze Schaf. Auf die Frage, wie jemand nur so unfassbar anders sein kann, als alle anderen, habe ich mittlerweile eine Antwort: Ich war gar nicht so anders, nur war der Rest nicht ganz so sehr sie selbst. Aber warum eigentlich?

Dr. Joe Dispenza (Leseempfehlung) sagt: Unsere Persönlichkeit ist die Summe aller Erfahrungen und jede Erfahrung entsteht aus einer Emotion. Für mich erklärt das die Welt. Meine Eltern haben ihr komplettes Leben in einem Staat hinter einer Mauer im Osten von Deutschland verbracht. Gehorsam, Fleiß, Unterwürfigkeit, Eingliedern. Nachdem mein Opa nach dem Krieg verstorben war, wurden meine Mutter und ihre drei Brüder obendrauf noch alleine von meiner Oma aufgezogen. Diese Frau widmete also ihr ganzes Leben ausschließlich der Arbeit, damit das Geld für alle reichte und die Kids mussten natürlich gehorchen, damit alles funktionierte.

Das Leben ist ernst. Überleben statt leben. Same procedure as every generation.

Das gleiche Muster wiederholte sich dann bei meiner Mutter auch, nur waren wir nur zu zweit und glücklicherweise war mein Vater nicht gestorben, sondern sie hatten sich einfach nur getrennt. Fun war eher out, Leichtigkeit eine Seltenheit. Arbeiten um Geld zu verdienen war wichtig. Dass die Kinder etwas Richtiges lernen, damit auch sie Geld verdienen können, war wichtig. Das Leben ist ernst. Überleben statt leben. Same procedure as every generation.

Weil meine Mama noch studierte, verbrachte meine ältere Schwester als Kind viel Zeit bei meiner Oma. Ich glaube, das hat sie stark beeinflusst und somit war auch sie auf der „dunklen Seite der Macht“. In der Familie stand es also von Anfang an drei (später dann zwei) gegen eins.

Ich kam auf die Welt und die ersten Jahre war alles noch nicht so schlimm. Ich war eben ein Kind. Wild, verspielt, frech und neugierig. Ich habe viele Dinge sehr viel undramatischer gesehen, ich habe viele Fragen gestellt, ich wollte mich immer mitteilen und bin gern aus der Reihe getanzt. „Anders“ fand ich inspirierend und meine Familie fand mich, glaube ich, ganz entertaining und abwechslungsreich. Aber irgendwann, als ich es wahrscheinlich endlich hätte besser wissen müssen, wie man laut Familiengesetz ein guter Erdenbürger ist, war es nicht mehr okay. Dann war ich zu laut, zu gelassen, zu faul, nicht bei der Sache. „Nur Unsinn im Kopf.“ „Lass’ mich in Ruhe.“ „Du nervst.“ – Liebe Eltern und Geschwister: Sagt so etwas bitte nicht so oft. Danke!

Ende vom Lied: Ich habe ihnen geglaubt. Und da fing der Hassle an. Für mich persönlich, als auch in der Familie. Ich zog mich zurück. Reality sucks, Fantasyland rocks. Mein Vertrauen zu meiner Familie war weg. Überhaupt bekam ich totale Probleme damit, mich Menschen anzuvertrauen. Jedes Mal, wenn ich in der Schule eine neue Freundin gefunden hatte und sie nur ein komisches Wort gesagt hatte, war ich wieder raus. Ich glaube, ich habe über ein Jahrzehnt keinem erzählt, wie es mir wirklich geht. Ich mutierte zum größten Selbstzweifelkloß der Weltgeschichte und es gibt Tage, an denen ich immer noch damit hadere.

Ich war falsch, also versuchte ich, in tausend Versionen richtig zu sein.

Die Kausalkette war viele Jahre lang. Ich war falsch, also versuchte ich, in tausend Versionen richtig zu sein. Ich war ein Chamäleon, das – wie ein Kumpel es mal so schön formulierte – mit jedem Arschloch klar kommt. Ich suchte solange das richtige Ich, bis ich ganz sicher vergessen hatte, wer ich eigentlich war. Ich kannte unheimlich viele unterschiedliche Menschen und tat ganz viele unterschiedliche Dinge. Ob Ausbildung, Studium, Nebenjobs, Freunde oder Hobbys – wenig davon hatte wirklich mit mir zu tun. Ich hatte tausend Gesichter und war somit komplett gesichtslos.

Und tatsächlich kann ich mich an das Gefühl noch erinnern. Zu dem „Falschsein“ kam noch dazu „nichts Besonderes und austauschbar zu sein“. Ich hatte mich gehasst. Ich habe viele Dinge getan, mit denen ich mich gegen mich gewendet habe. Alles unterbewusst natürlich, aber in der Retrospektive ganz deutlich zu erkennen. Dann kam glücklicherweise der Punkt, an dem mein Leben so abgefackelt war, dass ich nur noch mal neu beginnen konnte.

Und das ist der Weg, den ich jetzt seit ein paar Jahren gehe. Ich habe mich, manchmal in Stecknadelköpfen, manchmal in Kaffeebohnen zurück an mich heran getastet. Ich hab mir verdammt viel Ruhe genommen, um das hören zu können, was da in mir ist. Ich habe mich wiedergefunden und verstanden, dass weder meine Familie noch ich an irgendetwas Schuld sind. Wir sind alle nur Menschen, wir haben alle keinen Plan, wir versuchen alle nur zu lernen. Ich habe mir und ihnen verziehen.

Wieder ich zu sein hat gravierend positive Auswirkungen auf mein Leben. Auf meine Arbeit, meinen Alltag, meine Beziehung zu meinen Freunden, meine Partnerwahl. Auf meine Entscheidungen, mein Wohlbefinden, meine Gefühle, mein Glück und natürlich auch auf meine Familie.

Es ist ein bisschen wie in einem Hollywood-Film.

Zu Anfang dachte ich noch, ich müsste sie nun auch aus ihren Ketten befreien und ihnen zum Glück verhelfen. Ich hab aber ganz schnell gemerkt, dass das so nicht funktioniert. Man muss die Menschen inspirieren, damit sie Lust darauf bekommen, etwas an ihrem Leben zu ändern. Eine gute Herausforderung für mich. Es fordert mich dazu auf, nicht wieder in alte Muster zu verfallen und so bewusst wie möglich mein neues altes Ich zu leben. Das funktioniert nicht jeden Tag gleich gut, aber es ist zumindest nicht mehr so selten wie ein Sechser im Lotto. Es macht mich glücklich zu sehen, dass mein Weg ihnen Denkanstöße gegeben hat, denn wunderbarerweise haben wir uns seitdem wieder extrem angenähert und entdecken unsere Gemeinsamkeiten. Es ist ein bisschen wie in einem Hollywood-Film.

Zum Abschluss noch eine Frage an euch, weil mir die Gedanken deswegen gerade wegfliegen: Braucht es für eine bessere Welt nicht einfach nur Menschen, denen es besser geht? Ist es nicht eigentlich ganz einfach? Positive Erlebnisse schaffen positive Gefühle. Und die machen uns zu einem positiven, glücklichen Menschen, der Entscheidungen trifft, die zum Wohle aller und nicht nur zum Vorteil einzelner sind. Sollten wir nicht alle deswegen pro Frieden, pro Freiheit, pro Geld für Bildung und alles, was Kinder fördert, sein? Pro monatliches Grundeinkommen, pro Persönlichkeitsentwicklung, pro Selbstverwirklichung? Ich glaube schon. Und ich glaube, wenn wir eine bessere Welt haben wollen, dann sollten wir in unserer Familie anfangen.

Karlie Apriori ist Singer/Songwriterin. Bei einem Heartbreak empfiehlt sie: Sei traurig, nimm dir Zeit für dich, lass los, verlieb dich in dich selbst und dann verlieb dich neu. Die Themen „Selbstliebe“ und „Der Mut für die Reise zum Glück“ hat ihr das Leben aufgetischt und seitdem möchte sie der Welt davon erzählen. Dieser Text bei im gegenteil und ihre aktuelle Debut-Single ZU MIR machen den Anfang. Mehr gibt es auf Karlie Aprioris Facebook-Seite.

imgegenteil_Karlie Apriori - Kopie

Headerfoto: Jesi via Creative-Commons-Lizenz 2.0! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

2 Comments

  • Judith sagt:

    Oh ja der Text trifft es auf den Punkt und es ist voll gut zu lesen dass es anderen auch so geht gerade wenn man mal wieder kurz in der Irrealität verschwunden ist. Vielen Dank!

  • Holly sagt:

    Das ist ein sehr schöner Text! 🙂 vielen Dank!

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