Das Phänomen von Glück

Da sitze ich. An der Haltestelle, im Schneidersitz. Aus meinen Kopfhörern klingt Musik, die ich vor einem Jahr wohl niemals gehört hätte. Die Ärmel meiner Bluse sind hochgekrempelt. Meine Fingerspitzen kalt. Die Jacke, die in meinem Schoß liegt, will ich dennoch nicht anziehen. Alles riecht nach Sommer und der Tag wartet noch mit dem dunkel werden. Es ist ein friedlicher, vollkommen in sich versunkener Moment. Nach so vielen stürmischen Wochen. Nach einem so langen Winter.

Vielleicht gibt es bei mir nur das. Sommer. Oder Winter. Nichts dazwischen, kein sanfter Übergang. Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich zwischen Schwarz und Weiß all die Graustufen vergessen, ausradiert. Alles oder nichts. Immer in Extremen. Und immer an die eigenen Grenzen stoßen.

Ich bin so. Und ich mag es. Manchmal. Immer öfter, vor allem dann, wenn es draußen wärmer und heller wird und die Tage länger. Fühle mich unecht, wenn ich nicht ab und zu mit den Ellbogen gegen meine Mauern stürze. Die mich auffangen und die ich zu sprengen versuche. Immer wieder, so lange, bis erste Risse entstehen. Was im Winter unmöglich erscheint, geht im Sommer fingerspitzenleicht. Manchmal. Immer öfter.

Keine Zeit mehr für Zweifel, keine Gelegenheit für Angst. Dafür bleibt uns doch sowieso wieder ein ganzer Winter lang.

Dieser Geruch von Sommer. Die leichte Wärme auf der Haut. Das Gefühl, nicht länger eingesperrt zu sein zwischen engen Wänden und begraben unter schweren Decken. Dieses Gefühl, das Herzen leichter werden lässt. Befreit. Keine Zeit mehr für Zweifel, keine Gelegenheit für Angst. Dafür bleibt uns doch sowieso wieder ein ganzer Winter lang, also lass los. Lass dich frei und uns treiben. Manchmal mit und immer öfter gegen den Strom. Weil es gut ist. Weil es vielleicht einfach so sein darf.

Lass es frei. Dieses Lachen, das sich in deiner Kehle zusammenbraut und deine Zunge kitzelt, wie ein leichtes Donnergrollen, das viel zu lange im Verborgenen lag. Du nennst mich naiv, weil ich glaube, dass das Drehen eines Zeigers und die Wärme der Nachtluft allein etwas ändern können. Vielleicht hast du Recht, aber vielleicht hast du deine Augen auch einfach nur zu lang verschlossen. Musst sie erst öffnen, um wieder fühlen zu können.

Szenenwechsel.

Da stehe ich. Mit meinen verdreckten Chucks und den Löchern in der Jeans in diesem abgeranzten Club. Und tanze. Zu Musik, die eigentlich nicht meine Musik, aber irgendwie doch ganz schön gut ist. Höre das Lachen meiner Freundin hinter mir und lächle auch. Meine Haare, meine Haut, alles hat den Zigarettenqualm in sich aufgesogen. Aber es ist egal. Alles ist gerade egal, außer dem hier und jetzt. Vergessen, was gestern war. Und was morgen gewesen sein wird. Weil manchmal einfach nur zählt, wie sich das Leben anfühlt. Und ich.

Fühle mich ein kleines bisschen schwerelos. Leichter als in all den vergangenen Wochen. Irgendwann laufe ich los, lasse mich treiben, durch die Dunkelheit der Stadt. Weil es plötzlich nicht mehr zu kalt ist, um sich auf dem Nachhauseweg ein bisschen zu verlaufen.

Kann fühlen, wie holprig die ersten Schritte sind, wenn man nach zu viel Stillstand plötzlich wieder einen Fuß vor den anderen setzt.

Als ich irgendwann in meiner kleinen Wohnung ankomme, sind meine Ohren immer noch wie taub. Meine Beine müde und der Rest von mir auch. Lege mich auf mein Bett und starre die Decke an. Beständigkeit, die sich niemals ändert. Und doch jeden Tag ein kleines bisschen anders aussieht. Kann fühlen, wie sich die Erde dreht. Wie holprig die ersten Schritte sind, wenn man nach zu viel Stillstand plötzlich wieder einen Fuß vor den anderen setzt. Aber ich stolpere nicht. Schon wieder. Laufe einfach nur geradeaus. Zögerlich, weil Erinnerungen bleiben. Aber bewege mich, weil die Neugierde siegt.

Und vielleicht ist es genau das. Dieses Phänomen von Glück. Keine Perfektion, aber genügend Zufriedenheit. Mit mir. Hier. Genau jetzt.

Luisa ist momentan Wunschmainzerin. Da hat sie bald „irgendwas mit Medien“ fertig studiert und arbeitet in einer Marketing-Agentur. So als sicherer Notfallplan. Eigentlich hat sie aber viel mehr Bock auf Kunst und kreatives Chaos. Deswegen macht sie Musik, Bilder und ganz viel mit Worten. Zum Beispiel auf Poetry Slam Bühnen. Am liebsten überall in Deutschland, und am liebsten so oft es geht. Die Welt ist dann einfach irgendwie schöner. 

Headerfoto: Mädchen im Gras via Shutterstock! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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