Das Maskenspiel der Jugend

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Von wegen, lieber Sokrates! Bis vor einigen Jahrzehnten magst du ja noch recht behalten haben, nun scheint in unseren Reihen aber einen Paradigmawechsel stattgefunden zu haben: Als brav und stramm leistungsorientiert werden wir bezeichnet. Ja, als wahre Organisationstalente bringen wir scheinbar alles unter einen Hut: Erfolg im Berufsleben, einen großen Freundeskreis und Partys, jedoch nicht zu exzessiv, damit wir am nächsten Tag noch leistungsfähig sind. Sogar Statistiken zeigen, dass wir uns gemäßigter verhalten als früher: Wir trinken weniger Alkohol und konsumieren weniger Drogen als unsere älteren Geschwister, die noch vor 1990 geboren sind (Aristoteles hätte unsere Mäßigung als Tugend bezeichnet, 20 Minuten konstatiert dagegen, das wir Langweiler seien!). Über uns wird gesagt, dass wir vernünftig sind und früh erwachsen, aber auch angepasst und ein Heer von Jasagern. Klingt ganz schön pauschalisierend, nicht?

Betrachten wir doch die Welt von heute etwas genauer: Sie ist zum Supermarkt der unbeschränkten Möglichkeiten geworden. Global, digital, vernetzt. Ganz nach dem Motto: Alles ist möglich und nix ist fix. Sei es in der Job-Wahl, im alltäglichen Leben, in der Liebe. Wir haben die Wahl! Das war nicht immer so. Die Gesellschaft lag in Ketten; starre Ständegesellschaften, Konventionen, Regeln und Normen strukturierten das Leben bis ins 20. Jahrhundert. Denken wir an die zahlreichen Revolutionen, (Jugend-) Revolten, Freiheitskämpfer und Märtyrer, die für etwas eingestanden sind, wovon wir heute in allen Bereichen profitieren: Freiheit. Dies ist die glänzende Seite der Medaille.

Die andere Seite der Medaille ist weniger glänzend. Diese unzähligen Möglichkeiten können auch bedeuten, keinen Halt mehr zu haben, orientierungslos zu sein. Nix ist fix. Vor lauter möglichen Richtungsoptionen weiß man bald nicht mehr, wohin man schwimmen möchte. Werte, Konventionen und Lebensgewohnheiten können – so starr diese auch sein mögen – Halt und Orientierung bieten.

Unsere Multioptionsgesellschaft überfordert uns. Und deshalb bleibt die „Generation Gähn“, wie wir so liebevoll genannt werden, auch gerne etwas länger zu Hause und genießt das „Hotel-Mama“. Unsere Eltern helfen uns, Entscheidungen zu treffen, unser Leben zu managen. Denn es scheint, als ob wir selbst nicht ganz in der Lage wären. Sie sind unsere Lebensberater, Hobbypsychologen, Gleichgesinnten.

Aber jetzt mal im Ernst: Sind wir wirklich ein Heer von Jasagern? In Zeiten des Individualismus und der Selbstverwirklichung als oberste Maxime scheint das paradox. Vielleicht liegt das daran, dass die Bühnen, auf denen wir heutzutage tanzen müssen, immer größer werden – gerade durch die Globalisierung und Social Media. Erfolgreich sollen wir aussehen, glänzend in jeder Hinsicht. Ein kurzer Abstecher auf Facebook verdeutlicht einmal mehr, wie happy wir doch alle zu sein scheinen. Bilder vom perfekten Urlaub hier, verliebte Paare dort. Ist das real, oder geben wir vielleicht mehr vor, glücklich zu sein und alles unter Kontrolle zu haben? Alles nur Schein statt Sein? Facebook & Co als Eigen-PR? Wie schon Shakespeare zu pflegen sage: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf, und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen.“ Bei diesem Theaterspiel muss auch unser Körper mitmachen. Gut geformt soll er sein, makellos. Wie wir eben. Er ist die augenscheinliche Projektionsfläche unseres perfekten Lebens.

Aber das täuscht. Wir sind keineswegs perfekt organisiert, früh erwachsen – im Gegenteil: Wir sind Suchende, die in Zeiten des Pluralismus ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Die unzähligen Wahlmöglichkeiten unserer Zeit überfordern und verunsichern uns. Und wie reagieren wir auf die Unsicherheit? Mit Masken. Glücklich sein, organisiert sein, alles unter Kontrolle haben. Ist doch alles gut.

Das ist uns zum Verhängnis geworden. Es sind keine starren Gesellschaftsstrukturen mehr, die uns heute in Ketten legen. Viel mehr sind wir es selber, die uns durch die Verunsicherung einer komplexen Welt aneinander ketten, um Halt zu finden. Das macht uns zur Masse, einem gigantischen, globalen Pulk. Alle mit denselben schönen, lächelnden Masken. Von wegen Individualismus!

Das ist das Paradox unserer Jugend: Wovon wir träumen und wie wir leben ist keineswegs deckungsgleich. Wir träumen von der ewigen Liebe – und betreiben serielle Monogamie. Wir möchten einzigartig sein und uns selbst verwirklichen – stattdessen folgen wir dem Mainstream und dümpeln im selben seichten Wasser wie alle anderen auch. Die Subkultur der Hipster ist ein Paradebeispiel dafür: Die selbst ernannten Freidenker wollten bewusst einen Kontrapunkt zum Mainstream der 20-30-Jährigen setzen. Dabei sind ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre Haltung so zum Kult geworden, dass daraus ein neuer Mainstream entstanden ist. Zudem träumen wir vom Familienglück und dem Haus im Grünen – aber wir möchten uns einfach nicht binden. Später vielleicht. Vor lauter Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen, schieben wir sie einfach auf. Wir sind Nägel ohne Köpfe und leiden an „Prokrastinationitis“.

Wir haben zwar Ideen und Träume, doch die riskanten schieben wir beiseite. Und zudem fehlt es uns an Entscheidungswillen, sich bewusst für und somit auch gegen etwas zu stellen. Ich wünsche meiner Generation eine große Portion Mut. Die braucht es nämlich, um sich zu entscheiden. Schließlich weiss man nicht, wie man sich in diesem globalen Supermarkt der unbeschränkten Möglichkeiten entscheiden soll. Doch gerade das Festlegen für etwas bietet Raum für Entfaltung – erst dadurch kann man aktiv werden. Entscheiden heißt auch, von der Masse zu ent-scheiden. Die perfekte Maske ablegen und eingestehen, dass nicht alles goldig ist. Einer Idee ein Gesicht geben (und zwar eines, das nicht zwingend lachen muss!). Ganz im Sinne des kürzlich verstorbenen Literat Stéphane Hessel:

„Ich wünsche allen, jedem einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen.“

Doch gegen was soll man sich empören? Darauf gibt er uns keine klare Antwort – zum Glück. Wäre ja auch irgendwie verrückt, wenn er uns eine allgemeingültige Handlungsanleitung geben würde. Nichts ist gefährlicher als blind den Anweisungen von irgendwelchen Meinungsführern zu folgen – das hat die Geschichte schon deutlich genug hervorgebracht. Die Frage, gegen was wir uns jetzt empören sollen, liegt beim jedem Einzelnen. Machen wir uns auf die Suche nach Empörung. Wir können das Heer von Jasagern besiegen. Herausstehen. Zugeben, dass man fehlbar ist – auch in unserer Zeit, wo Perfektion und Vollkommenheit als Ideale gelten. Seine perfekte Maske ablegen. Der Raum, der sich daraus ergibt, ist kostbar. Aufwachen, sich empören – und vor allem: aktiv werden.

Marisa ist Studentin und liebt es, nebst dem lebendigen Studentenleben die kleinen, kostbaren und nahezu unscheinbaren Momente des Lebens zu genießen. Beim Einschlafen und in der Natur kommen ihr die sonderbarsten Ideen und Gedanken, die sie regelmäßig zu Texten weiterspinnt. Verfolgt ihre Gedankenperlen hier

Headerfoto: Natalia Peris (Gesellschaftsspiel-Button added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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