Das Märchen vom Ego

Chris aus Castrop-Rauxel und Betti aus Hintertupfing zogen nach dem Studium nach Berlin. Schon immer hatten sie sich auserwählt und erleuchtet gefühlt. Betti wollte mit den Konventionen der Bauernbruderschaft brechen, in deren Tracht man sie schon als Dreijährige gezwängt hatte und auch Chris konnte mit zunehmender Adoleszenz immer weniger mit den Stammtischparolen der freiwilligen Dorffeuerwehr anfangen. Berlin sollte nun für Beide die Pforte zur Selbsterfüllung öffnen. Dass dieses Projekt auch die Suche nach dem heiligen Gral der Liebe beinhaltet, versteht sich von selbst. Wir wollen es schließlich mit jeder Faser: Lieben und geliebt werden.

Deswegen ist es gut, dass Christian in Bettis Hinterteil durchaus ein Stückchen Selbsterfüllung sieht, als er es auf der Tanzfläche des Berghains erspäht. Sie sieht aber auch wirklich zum Anbeißen aus und während sie tanzend in jeder Bewegung nach Selbstverwirklichung strebt, wirkt sie frisch wie eine aufspringende Panorama-Bar-Knospe. Christian seinerseits kann man in seiner unwiderstehlichen Mischung aus ländlicher Natürlichkeit und progressivem Hipstertum nur heiß finden. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Ein paar Drinks an der Bar, eine S-Bahn Heimfahrt, während der man sich gegenseitig die gemeinsame Leidenschaft für Schweinebraten mit Knödel gesteht und richtig guter Sex. Der Rausch der überschwänglichen Verliebtheit durchströmt jede Zelle, als sie ein weiteres Date vereinbaren. Als Betti hierfür tatsächlich Schweinebraten mit Knödel auftischt, fühlt man sich so verstanden, so nahe, so sehr in seinem Dasein bestätigt, dass man vor Glück platzen könnte.

Nur einen Monat später folgt der Kater auf den temporären Liebesrausch. Wie immer fühlt sich der Endorphin-Entzug grauenvoll an. Was ist passiert? Im Wesentlichen Kleinigkeiten: Betti fühlte sich nicht geliebt. Nein, Christian hat sie nicht verdient! Der will tatsächlich auch sein eigenes Leben führen. Er denkt übrigens genauso über Betti, als er seine vorherige Fick-Beziehung reaktiviert. Projekt emotionale Selbsterfüllung vorerst gescheitert! Aber der nächste Partner wird die individuellen, einzigartigen, völlig berechtigten Bedürfnisse schon erfüllen können.

Als privilegierteste Generation seit Beginn der Zivilisation genießen wir den Luxus, Selbsterfüllung als oberstes Ziel deklarieren zu können. Prinzipiell ein gesegneter Umstand, der unser Ego allerdings in bisher nie dagewesene Dimensionen aufblähen lässt. Der Selbsterhaltungstrieb, der uns in der Steinzeit noch das pure Überleben sicherte, mutiert zur Egomanie, die uns zu beziehungsunfähigen Narzissten werden lässt. Die Liebe wird zum Selbstzweck, folgt ganz dem Motto „Mach mich glücklich“ und bestraft und verurteilt all das, was nicht der Glorifizierung der eigenen Bedürfnisse dient. Von der bedingungslosen Liebe in ihrer reinsten Form, die schon Buddha als sinnstiftendes Allheilmittel bezeichnet hat, ist nicht mehr viel übrig. Der zunächst eintretende Liebesrausch beweihräuchert das Ego noch ausreichend, die Realität des Alltags holt es allerdings schmerzvoll auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wir alle wollen lieben und geliebt werden – in all unseren Stärken, Schwächen, Träumen und Projektionen. Doch um wieder wahrhaftig lieben zu können, müssen wir unserem übergroß gewordenen Ego die destruktive Seite der Macht entziehen, die es über unser Leben hat. Es nicht immer allzu ernst nehmen, wenn es sich bei kleinsten Bedürfnismängeln vor Selbstmitleid krümmt. Ihm beizubringen, zu vergeben, auch wenn es sich in den alltäglichen Beziehungsschlachten immer wieder nur schwer verwundet aus der Affäre zieht. Und wir müssen dabei lernen, trotz allem unser Herz zu öffnen. Zu lieben, ohne dabei stets nach Gegenleistung zu gieren. Die Flucht vor dieser Aufgabe scheint zwecklos. Sie holt uns bei jedem noch so kleinen Techtelmechtel wieder ein. Schließlich wollen wir’s ja alle: Lieben und geliebt werden.

 Ludwig – hat seine Locken bestimmt nicht vom bayerischen Briefträger, läuft am liebsten der Bequemlichkeit halber in seiner Laufhose herum und würde der Berliner Wintertristesse gerne zum Meditieren und Skifahren in den Alpen entfliehen, um dort festzustellen, dass er das urbane Leben doch ganz schön vermisst.

Headerfoto: Camil Tucan via Creative Commons Lizenz!

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4 Comments

  • Sylvia sagt:

    Toller Inhalt, der mich während dem lesen immer tiefer in seinen Bann zog…. Leider war er dann zu Ende…. Und dann hab ich Dich entdeckt 🙂 Wirklich klasse beschrieben, Ludwig! Du hattest ja in Köln versprochen, dass wir bald mal was von Dir zu lesen bekommen…. Danke!
    Die andere Sylvia 🙂

  • Kitti sagt:

    sauguter text! danke!

  • Julia sagt:

    Sehr gut!

  • Kata sagt:

    Ein wunderbarer Text über eine so präsentes Dilemma unseres Daseins! Sehr schön und treffend geschrieben 🙂
    Es ist ein Teil von uns, das Ego, und begleitet uns während unseres Werdegangs in welchem wir den Schleier den er über unsere Augen legt, langsam und Schicht für Schicht entfernen.

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