Das Leben ist kein Woody Allen Film

Die zwei Seiten der Angst. Sie schützt dich: Tanze nachts nicht durch düstere Parks. Setze dich nicht auf öffentliche Toiletten. Fasse nicht den Herd an, er ist heiß. Springe nicht in tiefe Gewässer, du weißt nicht, was darunter ist. Steige nicht zu Fremden ins Auto. Die Welt ist ein gefährlicher Spielplatz.

Angst blockiert dich. Lähmt dich. Bringt dich zu Fall. Kopfschmerzen? Googlen! Und plötzlich tanzt du freitagabends alleine betrunken in einem dunklen Zimmer. Und das einzige tiefe Gewässer, das du noch kennst, ist der dunkle schwarze Tümpel in deiner Brust, in dem du langsam versinkst. Lieber Zuhause bleiben als Risiken eingehen. Lieber ein Einsiedlerkrebs als ein Tiefseetaucher sein. Einsamkeit. Vermeidung.

Manche Menschen sind laut. Manche leise. Manche schwingen bereits in der Schule die größten Reden, während andere unauffällig in der letzten Reihe sitzen und in ihrer Unscheinbarkeit ertrinken. Manche sind Bühnenbildner, manche Requisiten. In der fünften Klasse spielte ich eine Schranktür im Schultheater. Mit Leidenschaft. Kein Witz.

Doch ich möchte nicht mehr passiv sein wie ein Goldfisch im Glas. Ich möchte sagen können: Komm schon, das Leben ist kein Woody Allen Film. Aber es ist trotzdem okay, glücklich zu sein. Auch glückliche Menschen sind interessant. Wir haben es versucht, mit unseren Hornbrillen und den analogen Kameras. Sind gescheitert und haben Homer Simpson zitiert. Haben Veganer verspottet, Burger gegessen und uns danach schuldig gefühlt. Haben uns zu überzeugten Singles erklärt (Only Crew Love is True Love) und sind tagelang in den Armen eines fremden Mannes untergetaucht.

Das Leben ist ein Paradoxon. Ich weine ohne Grund – oder weil es so viele gibt. Ich finde mich schön und habe Angst vor Leuten zu sprechen. Ich beneide das Mädchen mit den knallpinken Haaren um ihre Liebe, sich selbst reden zu hören, während meine Stimme und meine Hände in den banalsten Situationen anfangen zu zittern, als würde ich auf einem Massagestuhl sitzen. Ich habe Angst vor der Angst. Vor der Bombe unter meiner Brust. Vor den Vulkanausbrüchen in meinem Bauch während ich still in einer Vorlesung sitze.

Ich liebe dich und manchmal nervt mich das. Es nervt, dich teilen zu müssen. Von dir enttäuscht zu werden. Verletzlich zu sein. Mit einem Satz könntest du mich komplett lahm legen. Ich habe dir mein Herz mit einem Fleischermesser  auf einem Schneidebrett serviert.  Jeden Moment könntest du dir daraus ein saftiges Steak braten. Am besten lege ich noch Barbecuesoße dazu. Weil ich dich liebe.

Ich möchte bei dir sein und dabei sagen können: Ich liebe dich. Aber mich liebe ich mehr. Ich möchte weinen vor lachen und irgendwann darüber lachen, dass ich so viel geweint habe. Auf einer Bühne vor tausend Leuten ein Gedicht vortragen und dabei vor Glück zittern. Ehrlich sein. Anderen die Möglichkeit geben, mich zu hassen. Nicht mein angepasstes Ich zu lieben. Weil ich verrückt bin,  neurotisch, normal. Vielleicht weil wir alle Verrückte sind und die Gesunden zu den Kranken werden. Ich möchte meine Ansprüche an mich selbst herunterschrauben und an andere nach oben. Aber ich möchte es für mich wollen und nicht mehr für andere. Ohne Wenn. Ohne Aber. Ohne Angst. Ein Paradoxon.

Lisa ist 25 und wohnt in München.

 

 

 

 

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

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