Das Leben ist (k)ein Porno

Zuerst einmal bedarf es einer Klarstellung: Porno ist ein enorm geiles Wort. Die Möglichkeiten der Anwendung erschließen sich einem zunehmend, während man die Jugend durchläuft, und es ist ganz groß. „Pornös“ ist immer noch ein All Time Favourite von mir. Lasst also bitte das Wort selbst in Ruhe.

Zweitens: Über die Ausmaße und Perversionen der Pornoindustrie braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren. Ist eh alles gesagt. Und außerdem kommt es nicht immer nur auf die Größe an.

Zu diesem Thema sollte man mal Der gelüftete Vorhang von Mirabeau gelesen haben. In der Geschichte von 1786 (!) wird haarklein beschrieben, wie ein junges Mädchen dabei zusieht, wie ihre Eltern Sex haben. Mit allen Details. Zeitalter der Aufklärung halt. Deswegen auch der Untertitel „Lauras Erziehung“.

Kleine Anekdote am Rande: Ein befreundeter Ladeninhaber schenkte mir vor Jahren das Buch von Mirabeau zum Geburtstag. In seiner Widmung auf der ersten Seite hieß es: Das Leben ist ein Porno. Aha, dachte ich. Wenn die Pornoindustrie nur noch Videos von Eltern beim Sex für deren Kinder ins Internet stellen würde, wäre aber ganz schnell Feierabend, so viel ist sicher. Aber immerhin war das Ganze zu Mirabeaus Zeiten nur in Papierform existent.

Gut 200 Jahre später befinden wir uns in der komfortablen Situation, unsere Fantasie nicht mehr anstrengen zu müssen, um uns beschriebene Sexszenen vorzustellen. Das Internet ist schließlich voll davon, und die Grenzen verwischen. Schaltet man beispielsweise Skype an, ist die angezeigte Werbung ebenfalls hauptsächlich bestehend aus vollbusigen Frauen und deren ehrlich und authentisch gemeinten Aufrufen zu einer Kontaktaufnahme. So wird Sexualität und alles, was damit in Verbindung steht, regelmäßig präsent gehalten.

Ich möchte allerdings einen Punkt herausgreifen, der meiner Ansicht nach bei der Diskussion um die Auswirkungen von Pornofilmen auf junge, zarte Seelen viel zu kurz kommt. Klar, es ist wichtig, darüber zu diskutieren, wie das Frauenbild bei jungen Jungs und natürlich auch bei jungen Mädels durch den Schweinkram geprägt wird. Dass es da zu völlig verfehlten Rollenbildern und Vorstellungen von der Realität zwischen Männlein und Weiblein kommen kann, wenn nicht von Seiten der Eltern mit etwas sachlicherer Aufklärung dagegen gehalten wird. Ohne Frage, das sollte man nicht marginalisieren.

Ein Junge, der sich zum ersten Mal irgendwas mit nackten Leuten anguckt, bekommt doch den Eindruck, dass ein Mann enorm muskulös sein, ein Riesending haben und ungefähr zwei Stunden lang durchhalten muss?

Aber: Was ist denn mit dem Bild, dass heranwachsende Männer und Frauen von Männern bekommen? Das geht doch mindestens genauso sehr in die falsche Richtung? Ich meine, so ein Junge von 13 Jahren, der sich zum ersten Mal (was zugegebenermaßen großzügig kalkuliert ist) irgendwas mit nackten Leuten anguckt, bekommt doch den Eindruck, dass ein Mann enorm muskulös sein, ein Riesending haben und ungefähr zwei Stunden lang durchhalten muss?

Wer spricht bitte über die traumatischen Erfahrungen, wenn Jungs ihr erstes, zweites oder auch zehntes Mal haben und der Spaß nach wenigen Minuten (was zugegebenermaßen ebenfalls großzügig kalkuliert ist) vorbei ist? Wie sehr wird da das eigene Männlichkeitsbild zerrüttet? Klar, ein schiefes Männlichkeitsbild, sicherlich, aber de facto wahrscheinlich trotzdem Realität. Und die Herausforderungen, vor die man als Kerl gestellt wird, wenn man Pornos für bare Münze nimmt. Auf welche verschiedenen Weisen das Ganze durchexerziert werden muss … na ja, ich will das mal bei der Abstraktion belassen.

Und die Enttäuschung erst, die man als Junge erleben kann, wenn die Partnerin nicht ganz so entzückt wirkt wie die 1A-Schauspielerinnen aus den Blockbuster-Streifen der Sexfilmlandschaft.

Und die Enttäuschung erst, die man als Junge erleben kann, wenn die Partnerin nicht ganz so entzückt wirkt wie die 1A-Schauspielerinnen aus den Blockbuster-Streifen der Sexfilmlandschaft. Das alles hat richtig Potenzial, einen in die erste ordentliche Identitätskrise zu werfen. Also, hab ich gehört, keine Ahnung.

Am Ende nur eines noch: Die Rede von der Entsensibilisierung des Frauenbildes durch den Mann ist wahrscheinlich so alt wie die Pornos selbst. Aber ich möchte eine Lanze zum Gegenteil brechen. Ich kenne einige Männer, bei denen die Auseinandersetzung mit Pornofilmen zu einem unheimlich großen Respekt vor Frauen, ihrem Körper, ihrer Sexualität und all dem geführt hat. Eben gerade weil sie gesehen haben, dass das Schwachsinn sein muss.

Das geht dann so weit, dass sie bestimmte sexuelle Praktiken eigentlich vermeiden wollen, weil sie im Kopf Bilder haben, die ihnen degradierend vorkommen. Insofern, ja, Pornos prägen unsere Vorstellung von Sex und Sexualität. Auf diese Weise aber vielleicht zum Guten.

So gesehen: Das Leben ist kein Porno. Es ist viel besser.

Headerfoto: Junger Mann via Shutterstock.com! („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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1 Comment

  • Geil, endlich mal was von nem Kerl zu dem thema!

    Interessante ideen! Coole ansichten.

    Aber darum gehts ja im feminismus. Gleichberechtigung. Niemandem sollte von der Industrie unrealistische Scheisse vorgespielt bekommen. Einfach mal den filterweglassen bitte.

    ja, trotzdem schön, wenn wildeste PHANTASIEN, die ja oft nichts mit der Realität zu tun haben, veranschaulicht werden. Aber zu welchem Preis?

    Hirn an, Leute.

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