Danke, dass du wieder gegangen bist

Zuhause, am Telefon, auf der Parkbank, im Restaurant, in einem Brief, auf dem Weg zur U-Bahn, am See. In meinem Leben gab es schon viele Orte, an denen aus der großen Liebe wieder zwei kleine Herzen wurden, die getrennte Wege gingen. Und es ist, wie es ist. Den einen trifft es immer schlimmer als den anderen.

„Warum ist die Liebe so scheiß kompliziert?“

Meine letzte Trennung war am Telefon und es war mit Abstand die schlimmste. Überhaupt war es mit Abstand das Schlimmste, was mir in meinem Leben bisher passiert ist. Es hatte mir den Boden unter den Füßen weggerissen und um das vollständig zu verdauen, brauchte ich Monate, die in Jahre übergingen. Das Gute daran war, dass ich es dann auch wirklich verarbeitet hatte. Dass ich unfassbar viel über die Liebe, das Leben, die menschliche Psyche und mich selbst gelernt hatte. Und dass ich jetzt glücklicher bin, als ich es jemals mit ihm hätte sein können. Davon bin ich überzeugt.

Mittlerweile kann ich mich an alles erinnern, ohne dass mir komisch im Bauch wird. Und wenn das Kapitel eine (lange) Überschrift bekommen müsste, dann wäre es: „Je weiter er von mir weg ging, desto näher bin ich zu mir gekommen.“ Heute denke ich mir jedes Mal wieder: Danke, dass du gekommen bist. Und danke, dass du wieder gegangen bist.

Wenn ich den Satz höre, sehe ich immer eine Omi in ihrem Wohnzimmer voller gehäkelter Deckchen, die nicht nur auf der Oberfläche des Tisches, sondern auch der Kommode und der Polstermöbelgarnitur liegen: „Du musst dich selbst lieben, bevor du einen anderen lieben kannst.“ Ja, weiß man ja. Ja, weiß man auch. Macht man aber auch gerne mal nicht. Was man macht, ist, sich davon abzulenken, dass man sich nicht selbst lieben kann und sich jemanden zu suchen, der es dann für einen tut. Und natürlich tut es dann besonders weh, wenn er einen verlässt. Denn wer liebt einen denn dann noch? Und genau das war mir passiert.

An die Wochen kurz nach der Trennung kann ich mich kaum noch erinnern. Ich glaube, ich war in einer Art Trance. Ich habe mein Studium pausiert, nichts gegessen, den kompletten Mango-Tabak der Stadt aufgeraucht und möglicherweise jeden angepöbelt, der es gut mit mir meinte. Mein Herz tat mir weh vom Weinen und mein Kopf tat mir weh vom Denken. Rein gar nichts hatte irgendeinen Sinn gemacht. Wenn ich heute darüber nachdenke, was Menschsein für mich bedeutet, dann beschreibt es genau diese Situation: Ich habe nichts gewusst, aber ich habe viel gefühlt. Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er nicht dazulernen würde.

Sehr lange habe ich mich geweigert, die Situation so anzunehmen, wie sie war. Ich wollte an etwas Größeres glauben. Zum Beispiel, dass wir Dual-Seelen seien und eine Verbindung hätten, die uns immer zusammenhalten und eines Tages wieder zusammenbringen würde. Ich habe einfach überall nach Antworten gesucht, warum die Dinge so waren, wie sie auf einmal waren. Und nach der Hoffnung, dass alles wieder so sein würde, wie es gewesen war.

Monate später also hatte ich nach wie vor an uns geglaubt. Und natürlich an Shakespeare: „The way of true love never did run smooth.“ Fakt war aber, dass der Typ nicht mehr da war. Dass er auch seit der Trennung nicht mehr mit mir gesprochen hatte und dass er ein paar Monate später aus Versehen mit einem anderen Mädchen ein Kind gezeugt hatte. Spätestens dann hing nicht mehr nur mein Herz aus den Angeln, sondern auch der Hausfrieden in Dualen-Seelen City schief.

Ich hatte keinen Bock mehr. Und irgendwie hatte ich auch keine Wahl mehr. Gefühlt war als nächste Steigerung meiner Selbstzerfleischung nur noch der Sprung von der Klippe möglich. Und das stand außer Frage. (Das sollte übrigens bei allen und in jeder Situation außer Frage stehen!) Well, if nothing goes right, go left. Auf dem Schild, das nach links zeigte, stand „glücklich sein“. Keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte, aber ich bin abgebogen und losgelaufen. Nach links.

Seitdem habe ich eine Menge leerer Bücher vollgeschrieben. Das habe ich schon vorher leidenschaftlich gerne gemacht, deswegen fiel das nicht weiter auf. Es folgten seitenlange Niederschriften meiner Gedanken – eine fantastische Kreativitätstechnik names free writing übrigens. Das war mein Weg. Alles, was vorher im Kopf kreiste, kam da jetzt raus, aufs Papier und machte Platz für Neues, im Kopf. Und das Neue brachte die Erkenntnisse, die Einsichten und die Entschlossenheit. Noch nie zuvor in meinem Leben wollte ich so gerne wieder glücklich sein.

Praktischerweise gab mir mein Urlaubssemester die Zeit für meine Zeit mit mir. Und weil ich gerade schon mal auf der Reise nach innen war, habe ich direkt noch meine Kindheit mit aufgearbeitet. Logischerweise hängt so ein tiefer emotionaler Fall nach einer Beziehung mit den Schieflagen in der Kindheit Schrägstrich Familie zusammen. Ich habe mir also eine Taschenlampe genommen und in jede Ecke geleuchtet. Zu all den unangenehmen Erinnerungen und zu all den Wunden auf meiner Seele. Das war herausfordernd und zuweilen sehr anstrengend. Aber überall, wo dann keine Schatten mehr waren, war wieder Licht.

Glück hat viel mit Leichtigkeit zu tun. Nicht umsonst sagt man „Glück ist, eine gute Gesundheit zu haben und ein schlechtes Gedächtnis“. Vergessen ist gut. Wissen, was war, damit seinen Frieden machen und loslassen noch eine Spur geiler, weil sicherer. Denn manchmal macht das Gehirn komische Sachen und es braucht nur einen Auslöser und dann fällt uns alles wieder ein und zieht uns runter. Deswegen ist es gut, wenn man den Dreck auf dem Schirm hat, aber down damit ist. So habe ich es zumindest für mich entschieden und ich fahre einen recht ruhigen Kahn damit.

Wenn du nicht weißt, was dich glücklich macht, wer dann? Wenn du dich nicht selbst liebst, wer dann? Wenn du nicht dein bester Freund bist, wer dann? Ich bin mir sicher, dass sich einige von uns glücklich schätzen können, weil sie herzensgute Substitute für sich gefunden haben. Beste Freunde oder eine wunderbare Liebesbeziehung und da will ich mich gar nicht ausnehmen. Es sind die schönsten Menschen auf der Welt und ich liebe sie abgöttisch.

Doch falls sie mal nicht können oder blöderweise nicht mehr da sind, dann wäre es doch gut, wenn wir noch ein Backup hätten, oder? Eins, das immer da ist, wo wir auch sind. Dann wäre es doch gut, würden wir nicht kopfüber in ein Loch fallen, in das die Sonne nicht mehr kommt. Sondern vielleicht einfach nur einen Moment bewegungslos im Gras liegen und die Erde beweinen, dann aber wissen, dass es nicht das Ende der Welt ist.

In diesem Moment fallen mir gerade ein paar Orte ein, an denen meine Liebesgeschichten begannen. Wo wir unsere Hände gehalten und uns das erste Mal geküsst haben. Es war auf dem Dach eines Parkhauses, in einem französischen Café, auf der Couch zuhause, bei einem Stadtfest, bei einem Konzert und einmal, in jungen Jahren, wurde das Zusammensein auch ganz schüchtern über einen Zettel beschlossen.

Eins ist sicher: Da ist ganz viel Liebe in jedem von uns. Auch in dir, für dich selbst.

Karlie Apriori ist Singer/Songwriterin. Bei einem Heartbreak empfiehlt sie: Sei traurig, nimm dir Zeit für dich, lass los, verlieb dich in dich selbst und dann verlieb dich neu. Die Themen „Selbstliebe“ und „Der Mut für die Reise zum Glück“ hat ihr das Leben aufgetischt und seitdem möchte sie der Welt davon erzählen. Dieser Text bei im gegenteil und ihre aktuelle Debut-Single ZU MIR machen den Anfang. Mehr gibt es auf Karlie Aprioris Facebook-Seite.

imgegenteil_Karlie Apriori - Kopie

Headerfoto: Schläfriges Mädchen via Shutterstock! (Karlies-Kolumne-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

1 Comment

  • m. sagt:

    Aber,
    liebe Karlie,

    hast Du das Abzweigen nach links Richtung „glücklich“, das Beleuchten aller dunklen Ecke inkl. Kindheit komplett allein geschafft? Wenn ja, wie? Wenn nein, nenn mir diesen guten, professionellen Menschen.

    Ich weiß, ich habe die Liebe in mir, ich möchte endlich lernen, die Liebe für mich wiederzuentdecken, diese doofen, negativen Muster zu durchbrechen und meinen emotional ruhigen Kahn zu betreten….!

    Liebe Grüße

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