C’est la Vie

Das Einzige, was uns noch verbindet, ist eine leere Brotdose. Ich möchte sie nicht zurück, du kannst sie behalten, weil sie nie wieder das sein wird, wonach es aussieht. Andere sehen ungefüllte Tupperware, ich sehe Erinnerungen in transparentes Butterbrotpapier gewickelt. Andere laufen geradeaus den Weg zum Steg, ich schaue nach rechts und links zu runden Steinen – getestet und für perfekt befunden, um nicht auf Zehenspitzen küssen zu müssen. Ich gehe über die Brücke über den Fluss und vor meinem inneren Auge laufen Kurzfilme ab: wir an lauen Sommerabenden mit Filmküssen im Regen vor Disneysloganpanorama. Es war einmal.

„Du musst da einfach einen Cut setzen“, sagen sie mir. Schlussstrich unter all dem, was jemals gewesen ist und war. Und nie wieder sein wird.  Ich ziehe den Schlussstrich immer wieder dick und schwarz und dann radiere ich die Linie langsam aber sicher wieder weg, bis nur ein feiner verblichener Strich auf dem Papier zurückbleibt. Und die Erinnerung, dass nicht alles immer so war, wie es sein sollte.

„Der Fehler liegt nicht bei dir“, sagt er mir. „Ich bin Schuld und es tut mir Leid und ich hasse mich dafür“ und ich lache leise und in meinem Kopf leuchtet das Wort „Klischee“ in Neonbuchstaben auf. „Eigentlich passen wir nicht zusammen“, will ich mich sagen hören. Das hier war der letzte Versuch, etwas passend zu machen. Wie ein biochemisches Schlüssel-Schloss-Prinzip, nur dass es bei uns keine Signalkaskade gibt, sondern sich das Substrat selbst zerstört. Wie Aspirin bei Kopfschmerzen, nur dass es bei uns kein Medikament gibt, das die Schmerzen betäubt. Wir sitzen nebeneinander auf den Steinstufen und ich schmeiße Kiesel den Abhang runter wie Murmeln und erinnere mich an vergangene Kindertage, als Jungs noch doof waren und Zettel zu schreiben die einzige Gefühlsachterbahn.

Wir stehen uns gegenüber und schauen uns nicht in die Augen, sondern aneinander vorbei und jeder sucht nach dem Warum, aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Man erwartet von Drama, dass es mit Paukenschlag zu Ende geht und nicht klanglos verstummt, als wäre nichts passiert. Als wäre der nächste Satz der Sinfonie nur einen Taktstockschlag entfernt. Man erwartet, dass unzählige Gespräche vielleicht doch einmal zu etwas führen, was nicht – ehe man darüber nachgedacht hat – schon wieder vorbei ist. „Gehe zurück auf Start“ ist schon fast ein bekanntes Gefühl, das man wie einen alten Freund begrüßt. Nur dass der Weg durch die Gefühlserdbeben und das Schmeißen von Worten nicht einfacher geworden ist und zu viele Sachen gesagt wurden, die man nicht einfach wie Steine aufklauben kann, um die Straße zum anderen Ende des Regenbogens von Schutt und Asche zu befreien.

Ich laufe gegen eine Wand voller Fragen und zerbreche mir den Kopf. Wir stehen uns gegenüber und die Standpunkte sind kongruent, nur dass wir sie nie gleichzeitig haben und uns auch nicht wie Tangenten an Geraden annähern, sondern eher abwechselnd von einem Punkt zum andern springen, als würden wir unseren Schatten hinterherjagen. Wir sind wie zwei Geraden, die sich auch in der Unendlichkeit nicht schneiden. Die Schuldfrage bleibt unbeantwortet und wir werfen sie uns gegenseitig an den Kopf, um uns hinterher im Spiegel anzuschauen und die Wunden an immer anderen Stellen zu entdecken, wie feine Schnitte, die wir uns selbst zugefügt haben. Und das Salz, das wir hineinstreuen, hält uns am Leben. Bis jetzt haben wir die Überdosis immer haarscharf verpasst, aber mit jedem einzelnen Korn gewöhnen wir uns mehr an dieses leichte Brennen und es wird Nebensache. Salz und Pfeffer machen das Leben doch erst zu dem, was es ist.

Ich bin geistiger Ausgleich für dich. Früher hätten wir uns wahrscheinlich Briefe aus dem Kloster geschrieben, um uns über das Leben auszutauschen, aber heute wird es, statt großer Worte, immer mehr zu Smalltalk, auf den man auch verzichten kann. Du hast irgendwann aufgehört, dir selbst treu zu bleiben und deine Worte haben an Bedeutung verloren. Zu oft gesagt, zu selten gemeint. Und auf deine Worte folgten keine Taten, so wie es in Büchern immer steht. Nur ab und zu hast du an den Moment gedacht und dich verloren und mich dadurch auch. Du hast mir immer vorgeworfen, dass ich zu kalt bin, zu ausdruckslos mit meinen Gefühlen und mein Lieblingsmärchen ist nicht Sterntaler, sondern die Schneekönigin. Aber wenn du jetzt in mich hineinschauen könntest, würdest du sehen, wie sich mein Herz schmerzverzogen zusammenzieht. Und langsam glaube ich, ist die Zeit gekommen, um endgültig den Schlussstrich zu ziehen. Mich nicht mehr umzudrehen und alleine weiterzugehen, ohne Rücksicht auf Verluste. Denn die Person, die ich nie verlieren wollte, hast du selbst zurückgelassen.

Paula ist aufgrund eines großelterlichen Immobilienglücksgriffs immer mal wieder in Berlin, aber eigentlich studiere sie „was Gescheites“ eine Fernbuskurzreise weiter östlich. Ursprünglich komme sie aus dem Süden, aber vollkommen ohne Dialekt. Sie mag: während des Frühstücks im Schlafanzug die Sonntagszeitung lesen und schöne Dinge; sie mag überhaupt nicht: sich nicht entscheiden können, Kalendersprüche und zu wenig Schlaf.

Headerbild: Flo Legendre via Creative Commons Lizenz!

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