Brunftschrei #2

Fortsetzung von neulich.

Love me Tinder, love me sweet … Meinen persönlichen Elvis habe ich in der Realität noch nicht gefunden. Wieso auch, wenn es Erotik 2.0 gratis im App Store gibt? Ich habe das Selbst(s)experiment Tinder gestartet. Mit der – wie ich finde – sehr aufschlussreichen Einstiegsfrage: „Wenn du dir aussuchen könntest, welche Frage ich dir als erste stelle, welche wäre das?“ (Diese Frage habe ich mir in etwas abgeänderter Form bei einem männlichen Gastautoren eines im gegenteil-Artikels abgeschaut. Danke vielmals – funktioniert also auch tadellos für uns Frauen.) Und tatsächlich – ich habe nicht lange auf Antworten warten müssen. Er war der Erste, dessen Antwort mich durchaus positiv überrascht hat: „Magst du mich auf einen Brunch einladen?“

Da bin ich wohl auf einen ganz schlauen Fuchs gestoßen, mögen die Spiele – oder wie sich am Ende herausgestellt hat: sein Spielchen – beginnen. Er: ein Prachtexemplar auf den ersten Blick. Trügerisches Profilbild oder niederschmetternde Realität? Nachdem ich mich bereits sporadisch auf ein paar Tinder-Treffen eingelassen habe, ist mir Tinder-Regel #1 bewusst geworden: Schau dir seine beschönigten Bilder an, wähle das in deinen Augen unästhetischste aus, stelle es dir ohne Smartphone-Filter vor – et voilà. Und schon befinde ich mich in der Tinder-Spirale. Das Erschütternde an dieser App ist nämlich, dass wir ausschließlich anhand von Äußerlichkeiten bewerten, ob wir uns von der Person angezogen fühlen oder nicht. Das gute alte Ansprechen im Café oder Aufreißen an der Bar ist passé. Er jedenfalls war im Ranking auf der Oberflächlichkeitsbewertungsskala in den vorderen Rängen.

Okay, ich wollte nicht nervös werden, schließlich war es nicht das erste Date meines Lebens und es ging ja nur zum Brunch, was im Single-Code die unterste Ebene des potenziellen Sexes bedeutet. Wein und Bier trinken wären da heikler. Und trotzdem merke ich beim Auftragen des Augenbrauenstiftes meine Nervosität. Die Aufregung hat Spuren hinterlassen – ich sehe aus wie Bert aus der Sesamstraße. Also das ganze noch mal von vorne, schnell noch ein legeres Outfit übergeworfen und los geht’s! Damit die Augenbrauen wieder in ihrer Perfektion gefährdet werden, regnet es natürlich in Strömen. Er schreibt mir noch kurz: „Ist doch romantisch.“ Ja, das wäre es in der Tat, wenn wir wie Forrest Gump und Jenny knutschend auf einem Feld hinter der 100 Jahre alten Eiche landen würden und der sommerliche Blütenduft uns betörend „Liebe machen“ zurufen würde.

Aber kommen wir zurück ins Hier und Jetzt. Wir stehen in Neukölln an der meist befahrenen Straße des ganzen Bezirkes. Ich – meinen Schal über den Kopf geworfen, sehe aus wie der Typ aus „Chroniken der Unterwelt“. Er ganz mutig oben ohne. Also, ich meine ohne Regenschirm. Ein Shirt hatte er zum Glück an. Noch. Lasst uns nicht zu viel Zeit mit dem Resümee des Treffens verschwenden: Essen – lecker, Gespräche – intensiv, seine Art – betörend. Ich – angetan, wir – knutschend und fummelnd im Hinterhof meines Hauses. In den darauf folgenden Wochen haben wir uns fast täglich gesehen. Uns zärtlich berührt, angeregt unterhalten, schlapp gelacht oder einfach nur dagelegen, um in unserem gemeinsamen Lieblingstrack zu versinken. Irgendwann hat er dann urplötzlich aufgehört zu schreiben. Es gab keine Gute-Nacht-SMS mehr, die Treffen hat er, wenn überhaupt, mithilfe billiger Ausreden im letzten Moment abgesagt. Auf die meisten Nachrichten gar nicht erst geantwortet. „Ich habe keine Gefühle mehr für dich“, war seine letzte, die mich an einem Samstag früh um 03:27 Uhr erreichte.

Nach einigen Tagen des Die-Schuld-Bei-Mir-Selbst-Suchens hat sich meine Ratio ihren Weg durch die noch süßlich verklebten Hirnwindungen gebahnt. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Es war einer dieser seltenen Momente absoluter Klarheit. Ich rannte zu meinem Computer und loggte mich bei Facebook ein. Er hat mir stets erzählt, er brauche diese Form der geistigen Prostitution nicht. Es würde ihn vom Wesentlichen ablenken. Nach einer guten halben Stunde und einer kleinen Ladung Vitamin B hat mir sein Profilbild entgegengelächelt. Und nicht nur das, auf dem dritten Foto war er mit seiner Freundin zu sehen. Darunter Glückwünsche zur vierjährigen Fernbeziehung.

In genau diesem Moment hätte ich am liebsten die bunten Schmetterlinge, die immer nach unseren Treffen in meiner Magengrube herumgeschwirrt sind, ausgekotzt und ihm per Post zugeschickt. Aber ich habe durch ihn zumindest Folgendes gelernt: Und hier kommen wir auch zur Tinder-Regel #2: Die Chance, eine echte Beziehung auf Tinder zu finden, ist wie der Versuch, in einem runden Raum in die Ecke zu scheißen … und trotzdem habe ich meinen Tinder-Radar wieder auf die maximale Entfernung gestellt.

Claudia ist waschechte Kreuzbergerin. Beruflich macht sie „irgendwas mit Werbung“ und geht darin so richtig auf. Sie steht auf Stanley Kubrick, Porridge und Bärte. Über das Berliner Single-Leben könnte Claudia unzählige Bücher füllen. Noch, denn sie hat sie ja ein Porträt bei uns. Ihre literarischen Gedankenausbrüche möchte sie mit allen verbündeten Singles teilen, um eine humorvolle, aber auch leicht polemische Perspektive des ‘Alleine-Seins‘ in einer traumhaften Stadt wie Berlin zu beleuchten. Was Claudia noch bewegt, seht ihr auf ihrem Tumblr!

Headerfoto: Miguell Soll via Creative Commons Lizenz!

Claudia_Blog2

12 Comments

  • se sagt:

    kommt noch teil3? ja? bitte!

  • Arisha sagt:

    Also erstmal: du bist wunderschön (ich nehme an, das bist du auf dem Foto?).

    Nicht, dass jetzt schöne Menschen mehr Glück in der Liebe haben, wenn ich mir viele Pärchen so ansehe ist anscheinend eher das Gegenteil der Fall… Aber bei Tinder hilft es natürlich gut auszusehen. Ich persönlich denke, dass man auf Tinder von Freundschaften, lustigen bis schrecklichen Abenden bis zu One Night Stands, Affären und auch ernsthafteren Beziehungen alles finden kann, im Endeffekt sind halt viele zu schüchtern, um im echten Leben einfach so jemanden anzuquatschen oder der richtige Zeitpunkt ist einfach vorbei u dann ist es peinlich.

    Mit ist sowas wie dir auch schon 2 mal passiert und ich hab die Typen im echten Leben u sogar in ihrem Freundeskreis kennengelernt! Die Freunde fanden anscheinend nichts dabei, dass ich mit den Typen wild herumgeknutscht habe obwohl die Freunde ja wissen müssten, dass er vergeben ist… Nach der Enttäuschung die dann jeweils folgte weil er sich natürlich nicht mehr meldete und dem obligatorischen Gedankengang Oh Mann ich bin zu fett, zu vorlaut, zu was weiß ich was, habe ich mir immer vorgenommen, die Typen rechtzeitig zu fragen, ob sie eine Freundin haben… Macht man dann aber irgendwie doch nicht…

    Dir viel Glück und trau dich auch im echten Leben Typen anzusprechen vielleicht klappt das besser als Tinder 😉

  • Michaela sagt:

    Grundsätzlich sehe ich das ähnlich… die Ecken zum Scheißen sind wirklich rar gesäht.

    Aber eine Frage habe ich dann doch… Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass er Facebook haben MUSS, um ein Tinderprofil zu erstellen? Manche Dinge sollte man auch in der rosarote-Brille Phase einfach mal hinterfragen 😉

  • Peer sagt:

    Claudi,
    vielleicht solltest Du Tinder einen (Selbst-)“versuch“ lassen. Kürzlich habe ich mir die App von zwei Freunden in Barcelona erklären lassen (Ehrenwort, ich habe sie nicht auf meinem iphone) und war einerseits über die Simplizität und gleichzeitig primitive Art des Kommunizierens oder sagen wir lieber, Auswählens sowohl erschrocken als auch angetan. Letzteres überrascht und erschreckt mich etwas – ich ein Fan von „Ich habe sie nach der Fahrt von HH nach Berlin auf der Rolltreppe angesprochen. Wir sehen uns immernoch“. Oder: „Sie nahm ein großes Nutellaglas aus dem Regal, das wollte ich auch. Wir grinsten.“ Und schon war es passiert. Schön wenn es so einfach ist. Und so einfach kann es immer sein!
    Was ich eigentlich sagen will:
    Einmal in den Strudel des Tinder-Fingers geraten,
    nicht wundern, dann hast‘ Dich womöglich selbst verraten,
    vor dem eig’nen Ich, dem authentischen Charakter,
    und vorher noch geglaubt nicht zu sein, so ein Verkappter.

    Denkt daran: es ist nicht alles Tinder das glänzt.

  • Marina sagt:

    Gott wie ich mich da wieder finde… Leider. Tut, auch wenns mir für Dich sehr leid tut, gut zu lesen das es anderen einfach auch genau so geht…:/

  • Tinders Liste sagt:

    Tinder ist erfahrungsgemäß die totale Fickfleischbörse. Ist ja auch gar nicht verkehrt, darum aber leider nur bedingt zur Liebesfindung geeignet.
    Vielleicht mal woanders gucken?
    Ich habe die bepimmelte Komplettierung meiner Seele bei der Konkurrenz mit L gefunden.
    Glück auf, Madame

  • Dominik sagt:

    Hey Claudia… Ich wollte dir nur Glück wünschen. Ich habe meine Freundin immerhin über Tinder gefunden… Anscheinend gibt es im runden Raum doch noch ein paar kleine Ecken die noch nicht ausgebessert wurden. Hoffnung nicht aufgeben und so ein Optimisten-Blabla also.. 😉

    Ansonsten hat mir dein Text ein Lächeln auf die Lippen gezaubert!

    Freue mich über Antwort..

    Dominik

    • Claudi sagt:

      Herzlichen Dank Dominik.

      Da ist wohl noch ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, da brauch‘ ich die Taschenlampe doch nicht mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.