Bröckelnder Widerstand

Ich habe mein Leben ziemlich gut im Griff. Auch ohne dich. Kann mich allein im Spiegel betrachten, muss deine Bestätigung nicht hören. Ich entscheide selbst, welchen Weg ich einschlage. Plane meinen Tag völlig unabhängig von dir. Ich brauche dich nicht. Aber ich will dich – und das ist so viel besser, als dich immer nur zu brauchen. Ist es nicht das, was du anstrebst? Gewollt zu werden? Nicht nur gebraucht zu werden, eine Selbstverständlichkeit zu sein? Ich sehe dich an, stehe vor dir. In deinen Augen sehe ich ein ums andere Mal das Zögern. Dachte ich anfangs noch, deine Zweifel würden mir gelten, weiß ich es jetzt besser. Du zweifelst an dir selbst. Deinem Empfinden. Dachtest bisher, dein Leben erfüllt dich. Warst dir so sicher, dass dich dein Dasein, deine Liebe, beansprucht – jede Faser deines Körpers. Ich habe dich geweckt, aus deinem Traum vom Leben. Das war ein Versehen. Hatte ich nicht im Sinn, als ich dich das erste Mal küsste – und mir in dieser Sekunde, mit dem ersten Zungenschlag, bewusst wurde, dass ich deine Lippen nicht zum letzten Mal auf meinen spüren wollte. Mir kam nicht in den Sinn, dass mein Widerstand in diesem Moment anfing zu bröckeln. Und deiner gleich mit.

Dann standest du vor mir. Und ich sah die Zweifel in deinen Augen, deinen Bewegungen. Ohne zu zögern, riss ich deine Mauer ein. Anfangs laut, polternd und mit großen Gesten. Mittlerweile nach und nach, langsam, behutsam. Ohne Rücksicht auf Verluste habe ich mich in dein Leben geschlichen. Nur bis zu deinem Herzen habe ich es noch nicht geschafft. Ich bin mir nicht mal sicher, ob irgendjemand jemals bis dorthin vorgedrungen ist. Noch kratze ich an der seichten Oberfläche. Und ich fühle, wie du dich dagegen wehrst. Nicht offensichtlich, aber kräftig genug, um es zu bemerken. Weichst meinem Blick aus, liegst starr neben mir. Berühre ich deine Haut, hältst du den Atem an. Schiebe ich meine Hand zaghaft in deine, reagierst du nicht.

In dem Moment, indem mein Körper aufgibt, die Spannung verliert und mein Herz sich zurückzieht, wirst du lebendig. Deine Berührungen werden fordernder, als wollten sie mich festhalten, zurückholen. Dein Griff wird fester, zieht mich näher an dich heran. Und mein Widerstand geht zu Grunde. Hand in Hand mit meinem Herzen, das sich in Sicherheit glaubte, nachdem deines sich so gut versteckt hielt. Ich ziehe meine Schultern ein Stück höher, versuche mich dahinter zu verstecken, scheitere kläglich. Und ich versinke in deinem schwindenden Widerstand. Hauchst einen Kuss auf meine rechte Schulter. Vorsichtig, fast unbemerkt. Mein Körper aber bebt unter deiner Berührung. Doch du nimmst es gar nicht wahr, kannst es nicht begreifen, hältst es für einen Irrtum. Bist viel zu sehr damit beschäftigt, dein Herz zum Teufel zu jagen.

Und mit jedem Versuch deinerseits, mich von deinem Herzen fern zu halten, werde ich wütender. Verzweifelnder. Die lächerliche Distanz, die du zu wahren versuchst, nimmt den Raum zwischen uns ein. Und immer noch versteckst du dich hinter deiner Fassade, fürchtest dich davor, zu springen. Fürchtest dich vor dem Fall. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dir dabei zuzusehen, wie du mühsam versuchst, deine Mauer wieder zu kitten. Mal hältst du inne, lässt mich ein Stück zu nah an dich heran. Wenig später hast du wieder neue Kraft getankt, um deine Hände schmutzig zu machen und von vorn anzufangen. Ich beobachte dein Treiben aus sicherer Entfernung. Mal kopfschüttelnd, mal voller Zorn.

Ich brauche dich nicht. Nein. Ich will dich nur so sehr. Und während du dich noch mit deinen Zweifeln an deiner Liebe, deinem Leben, quälst, versuche ich mutig zu sein und meine Mauer Stück für Stück abzubauen. In der Hoffnung, du würdest die kleine Lücke, die ich freigekratzt habe, bemerken. In der Hoffnung, du würdest gewollt werden. Nicht gebraucht.

Stephi ist 25 Jahre alt, lebt in der Provinz, obwohl sie schon mal Großstadtluft probiert hat. Nach einer gefühlten Ewigkeit als Beziehungsmensch versucht sie gerade den Kopf über Wasser zu halten – als Single zwischen tonnenweise Pärchen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Ab und an klebt sie sich ein Pflaster aufs Herz, um es wenig später mit einem schnellen Ruck wieder runterzureißen. Ansonsten tut sie gern so, als wäre die Realität kein Problem für sie. Ist es in den meisten Fällen auch nicht. Nur manchmal, da gibt sie sich der Illusion hin. Aber nur kurz.

Headerfoto: Chloe Wright via Creative Commons Lizenz!

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