Sex im Kopf | Erotische Phantasien

Gerhard Haase-Hindenberg
„Sex im Kopf. Die erotischen Phantasien der Deutschen“

Auf den Punkt gebracht:

S.e.x.p.h.a.n.t.a.s.i.e.n. Von romantisch bis ekelig, über bizarr und manchmal … ähm nun ja, vertraut. Ein episches Sammelsurium sexueller Kopfergüsse festgehalten von nur einem Mann. Dass damit die letzten Ketten eines unliebsamen Themas gesprengt werden, grenzt 2015 geradezu an einem Wunder. Gerhard Haase-Hindenberg klärt auf.

Wer soll es lesen:

Menschen mit Aha-Effekt bei folgender Auflistung: Ménage à trois, Gangbang, Darkrooms, Glory Hole, Klappen-Cruising, Fleshlight, Plugs, Strap-On, Futanari, Safeword, Bondage, Spekulum, Squirting, Adult Baby Play, 24/7 BDSM-Beziehung, Angelica Bella und Natursekt

 Als der neue Bundeskanzler Willy Brandt am 28. Oktober 1969 versprach, «mehr Demokratie» zu wagen, ging bei vielen in diesem prüden Lande die Hoffnung um, dass damit auch eine sexuell freizügigere Gesetzgebung verbunden sein würde.

Ist geil, weil:

Freudianer wissen: Guter Sex beginnt im Kopf! Haase-Hindenberg weiß das auch und Ralf (43) aus Baden-Württemberg auf S. 237, der gerne mit frischen Brennnesseln von einer nackten Frau ausgepeitscht werden möchte, scheinbar schon längst. Die meisten Menschen haben erotische Träume, wollen aber irgendwie nicht darüber reden. Warum eigentlich? Dürfen wir doch! Eingebettet in ihrem sozialpsychologischen und kulturhistorischen Kontext sind die Best-of Offenbarungen der 1445 anonym Befragten eine erkenntnisreiche Gute-Nacht-Lektüre, die die neue Schnittstelle von Sexualität und Internet einmal mehr freudig proklamiert. Ansonsten scheint die Nippelklemmer-Palette vielfältig, die Blümchen-Sex-Visionäre dagegen schon fast langweilig. Erregung durch Anregung also zum Ersten, zum Zweiten … Alles, nur bitte keine Kühe! Ganz ehrlich jetzt, wenn du Kuhhintern in deinem Kopf hast: unbedingt nicht erzählen.

Was Herr Haase-Hindenberg dazu sagt, erfährst du weiter unten, denn wir haben den 61-jährigen Bestseller-Autor mal auf einen Wein getroffen.

001-imgegenteil_SeximKopf004-imgegenteil_SeximKopf

Gerhard, warum teilen wir eigentlich unsere neuste Sexphantasie nicht auf Facebook oder quatschen beim Abendessen über erotische Gedanken?

Ich denke, dass es bei den meisten Leuten, darunter auch viele junge Menschen, leider noch verbreitet ist, dass die Sexphantasie ein Geheimnis ist. Ich kann absolut verstehen, wenn man jetzt nicht unbedingt seine eigenen sexuellen Gedanken mitteilen möchte, aber es ist interessant, dass man generell erst gar nicht über das Thema spricht. Vermutlich, weil man immer sofort Angst hat gefragt zu werden „Was sind denn deine Phantasien?“

Dabei sollte man doch meinen, dass wir in einer übersexualisierten Gesellschaft wie unserer, Sexphantasien als etwas völlig Normales begreifen. Woran liegt das also genau?

Ich bin ja eine Generation, die noch erlebt hat, wie die Eltern sich schuldig machten, wenn raus gekommen wäre, dass meine Freundin über Nacht geblieben ist. Eine Zeit in der Homosexuelle verfolgt oder schwangere junge Frauen der Schule verwiesen wurden. Wir haben also  einen langen Weg der sexuellen Befreiung hinter uns. Es hat lange gedauert bis wir da angekommen sind, wo wir heute stehen, aber dieser Weg ist eben noch nicht zu Ende. Einer der letzten Schritte ist, dass wir auch offen und tabulos über sexuelle Phantasien sprechen.

Zumindest könnte man ja anfangen mit seinem Partner darüber zu reden …

Am besten bevor man die Partnerschaft beginnt sogar! Das liest man ja bei einigen Antworten in dem  Buch. Manche verlieben sich, Partnerschaften werden eingegangen und dann kommt man irgendwann mit seinen Phantasien um die Ecke und stellt fest, dass der oder die andere da überhaupt nicht drauf steht. Das kann dann durchaus zum Problem werden.

Andererseits muss die Phantasie ja nicht einem Umsetzungswunsch zugrunde liegen, oder?

Absolut. Sehr interessant vor allem daran ist, dass in der Phantasie beispielsweise vielfach die Trennung zwischen Hetero- und Homosexualität einfach aufgehoben ist. Viele, die eine heterosexuelle Beziehung führen, haben homosexuelle Phantasien und umgekehrt. Besonders Frauen haben gerne lesbische Vorstellungen. Ob sie sich damit in der Praxis schwer tun, sei mal außer Acht gelassen.

013-imgegenteil_SeximKopf005-imgegenteil_SeximKopf

Kommen wir ruhig mal auf Frauen und Männer zu sprechen. Welche Unterschiede hast du bemerkt?

Also zunächst mal ist mir aufgefallen, dass es keine weibliche Phantasie gibt, die nicht auch bei Männern vorkommt, umgekehrt gibt es aber männliche Phantasien die Frauen nicht haben. Frauen kennen zum Beispiel keinen Exhibitionismus. Zumindest, wenn man es wie ein Sexualpsychologe begreift, nämlich sich nackt zu zeigen, um jemanden anderes zu erschrecken. Ein anderer Aspekt, der mich überrascht hat ist, dass ich bis dato immer die Gangbang-Phantasie für eine männliche hielt. Keineswegs! Das ist ebenfalls auch bei Frauen stark vertreten, genauso wie die Tendenz eher den devoten Part einzunehmen.

Verträgt sich das aber überhaupt mit unserem neuen Selbstverständnis von der emanzipierten Weiblichkeit?

Eigentlich sind sie ja nur in der Praxis unterwürfig. Dadurch, dass sie bestimmen, wie das Setting aussieht, nehmen sie natürlich eine selbstbestimmende Position ein. Die Frau wird sogar stark und mächtig, auch wenn sie ihre devote Phantasie ausleben würde.

Sagt denn die sexuelle Phantasie etwas über die Persönlichkeit aus?

Ich denke nicht, dass man das linear festlegen kann. Wer eher devote erotische Vorstellungen hat, ist im realen Leben deshalb nicht schwach oder entscheidungsunfähig. Oft ist sogar Gegenteiliges der Fall. Auch Bestimmer, wie beispielsweise der Hochschullehrer, der eine gesellschaftlich höhere Stellung hat, bei dem promoviert wird, der Ansehen genießt,  ist derjenige, der sich gerne beleidigen lässt und unterwirft.

Hast du im Buch auch Phantasien weggelassen?

In Zahlen gesagt, habe ich 1445 Menschen interviewt, ob per Mail, Telefon oder in einem persönlichen Gespräch. Davon sind etwas über 200 in dem Buch aufgeführt. Warum dieses Verhältnis? Erstens soll das Buch unterhalten. Gute Geschichten waren mir wichtig. Zweitens kamen viele Phantasien natürlich häufig vor. Und ich glaube, keiner möchte 127-mal lesen, wie ein Mann Sex mit zwei Frauen gleichzeitig haben möchte.

007-imgegenteil_SeximKopf011-imgegenteil_SeximKopf

Wie stellvertretend sind die von dir befragten Personen?

Sie sind überwiegend stellvertretend, es gibt aber auch einige singuläre Geschichten, die sehr individuell sind. Beispielsweise ist der schon erwähnte Professor, der gerne erniedrigt werden möchte, natürlich keine Seltenheit, aber durch die Kombination seines Hochschulalltags eben extraordinär.

Interessant beim Lesen dieses Buches ist einerseits, die Phantasie eines anderen bildlich im eigenen Kopf zu haben, umso eigenartiger wird es dann, wenn es die eigene Sexualmoral angreift. Besonders die inzestuösen oder gewaltvollen Phantasien erschrecken. Ist das der Zweck dieses Buches?

Das, was du sagst, finde ich sehr interessant und dafür danke ich dir! Schön, wenn sich solche Fragen beim Lesen dieses Buches entwickeln. Natürlich sind inzestuöse Gedanken schwierig einzuordnen. Da es sich hier um eine sehr breite Leserschaft handelt, werden selbstverständlich unterschiedliche Dinge in den Köpfen produziert. Bei Menschen, die sexuell sehr experimentell unterwegs sind, wird es aber ganz andere Sachen auslösen als bei einem jungen Typen, der vielleicht gerade mal seit einem Jahr Pornokonsument ist. Jeder wird anders auf das Buch reagieren. Zumindest hoffe ich, dass es so ist. Sicher aber ist, wirklich kalt wird es keinen lassen und damit wäre der Zweck erfüllt.

Könnte dich noch irgendwas schocken?

(lacht).

006-imgegenteil_SeximKopf

Nur mal so:

Gerhard arbeitet schon fleißig an Teil 2! Die ausgelebten Sexphantasien der Deutschen: Wenn du also eine abgefahrene Geschichte zu erzählen hast, bei der die Ohren anfangen zu schlackern: www.ausleben-geheimer-lüste.de

003-imgegenteil_SeximKopf

Gerhard Haase-Hindenberg „Sex im Kopf. Die erotischen Phantasien der Deutschen“- erschienen im Rowohlt Verlag für 14,99 Euro (auch als E-Book für 12,99 Euro erhältlich).

Interview und Fotos sind im Wirtshaus Wuppke in Berlin-Charlottenburg entstanden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.