Die juristische Unschärfe einer Ehe

Olga Grjasnowa
„Die juristische Unschärfe einer Ehe“

Auf den Punkt gebracht:

Baku/Moskau/Berlin. Leyla ist eine lesbische Ballerina aus Baku, die sich zum Schein mit dem schwulen Arzt Altay vermählt, damit die Eltern bloß keinen Herzkasper wegen ihrer homosexuellen Kinder erleiden. Irgendwie läuft alles entspannt, bis die Israelin Jonoun das Berliner Ehe-Leben aufmischt. Es kommt, wie es in einer Dreiecksbeziehung kommen muss: Es wird richtig schön kompliziert. Auf die Plätze, fertig, Olga Grjasnowa.

Wer soll es lesen?

Black Swan DVD-Besitzer, Müsli-Frühstücker, Suchende, Liebeslose, tabusatte Idealisten, Beziehungsgestörte, Heimatlose, Wladimir Putin sowie Heteros, Homos und die dazwischen

Man braucht nicht auf die Midlife-Crisis zu warten, man kann sein Leben auch schon mit Mitte zwanzig wunderbar gegen die Wand fahren.

Ist geil, weil:

Spätestens seit ihrem Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, weiß man, dass Olga Grjasnowa fabelhaft klischeebefreit ihre Figuren entlang der Abwärtsspirale nach unten rutschen lassen kann. Nächste Ausstiegsmöglichkeit diesmal: MDMA, illegale Autorennen, Gefängnis. Mit temporeichem Zynismus und einer beeindruckenden Beobachtungsgabe vermag sie wie keine andere die Sorgen und Ängste der Zwanzig-irgendwas zu bündeln und auf die Suche zu schicken. Dass sie dabei nicht nur den Kaukasus unter die Lupe nimmt, sondern uns auch manchmal unsere eigene westliche Arroganz vor Augen führt, ist die große Leistung dieses Romans. Politisch darf man „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ also unbedingt verstehen, psychologisch erst recht, den Titel vielleicht nicht direkt auf Anhieb. Die Konstruktion dieses Romans ist mit seinen -29 Kapiteln und den dann aufwärts folgenden +29 eine sonderbare. Warum das so ist, hat mir die 30-jährige Autorin erzählt, und auch, warum wir manchmal eine Prise Zweifel an der eigenen Richtigkeit unserer Gedanken brauchen. 

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Olga, deine Protagonistin Leyla ist eine vom Bolschoi-Theater ausgebildete Ballerina. Ihre Jugend verlor sie mit Blut und Schweiß für die perfekte Bewegung. Schon nach wenigen Beschreibungen weiß man, der Teufel hört Tschaikowski. Was fasziniert dich an der dunklen Seite des Balletts?

Ich weiß gar nicht, ob es wirklich eine so dunkle Seite gibt. Ich habe für das Buch sehr viele Interviews  mit Tänzern geführt, die alle meinten, dass man trotz der Qualen auch viel zurück bekommt. Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, belohnt die harte Arbeit allemal. Fasziniert bin ich trotzdem von dieser enormen Selbstdisziplin. Vielmehr noch aber interessiert mich das Gesamtkunstwerk des Balletts an sich. Damit meine ich die Kombination aus dem Stück, dem Tanz und der Musik.

Nun geht es aber nicht nur ausschließlich ums Tanzen. Immerhin beginnt das Buch mit einer Ballerina in einer Gefängniszelle in Aserbaidschan. Ich hab dein Buch als ein sehr politisches gelesen. Handelt es sich auch ein bisschen um eine Gesellschaftsstudie über den Kaukasus?

Ja, absolut! Zwar habe ich die letzten 15 Jahre lang nicht in Aserbaidschan gelebt, besuche aber mehrmals im Jahr alle drei südkaukasischen Länder. Und was mich da besonders irritiert, ist die Schicht der extrem reichen Leute. Und in Aserbaidschan gibt es mehr als genug von denen. Das sind Menschen, die sich alles erlauben können. Wirklich alles! Da hält man sich weder an Gesetze noch an sonst irgendwelche Gesellschaftsnormen.

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Du selbst stammst ja aus Aserbaidschan und bist mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Somit schweift dein Blick unentwegt von Ost nach West und wieder zurück. Stehst du in der Mitte?

Eigentlich bin ich voll und ganz im Westen angelangt. Natürlich verfüge ich über sehr viel kulturelles Wissen, aber das wird alles durch eine westliche Brille gesehen. Meine soziale Prägung ist demnach  klar deutsch.

Kann der Westen auch etwas vom Osten lernen?

Ja, das können beide. Ich glaube allerdings, dass es schwierig zu sagen ist, was genau der Osten ist und was der Westen. Zum Beispiel streitet man sich im Kaukasus mittlerweile häufiger darüber, ob man zu Asien oder zu Europa gehört. Zumindest würden sich die Menschen dort  nie im Leben als „Osten“ bezeichnen.

Woran liegt das?

Ich glaube, die Sowjetunion ist einfach noch nicht tot. Von meinem Alter aus gesehen, sind eigentlich die drei vorherigen Generationen in der Sowjetunion aufgewachsen und haben somit die sowjetische kommunistische Erziehung genossen. Viele kriegen diese noch nicht aus ihren Köpfen. Es ist aber auch nicht nur unilateral für den Kaukasus, das gibt es auch in Nigeria, dem Irak oder Syrien. Das ist alles dasselbe System, was komplett über alle drüber gestülpt wurde und funktioniert hat. Aber, so perfide das klingen mag, da kann man extrem viel drüber lernen und schreiben.

Jetzt beginnt, wie schon erwähnt, dein Roman recht heftig. Warum befindet sich Kapitel 0, der dramaturgische Höhepunkt, am Anfang und nicht in der Mitte?

Ich denke, so ist es interessanter für die Struktur des Romans. Kapitel 0: Das ist der absolute Tiefpunkt. Der eigentliche Kern, worauf alles aufbaut und alles hinaus läuft. Es ist ja bei vielen Büchern und Theaterstücken so, dass es damit aufhört. Mich aber interessiert eigentlich viel eher, was unmittelbar nach der Katastrophe geschieht und wie es dazu gekommen ist.

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Leyla und Altay sind beide homosexuell und führen nur zum Schein eine Ehe. Emotional sind sie sich allerdings sehr nahe. Der Sex ist eigentlich das Einzige, was ihnen fehlt. Soweit weg sind sie damit von heterosexuellen Paaren aber eigentlich auch nicht. Wie siehst du das?

Ich glaube, du bist die Erste, die das ausspricht.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass darüber keiner reden will.

Ich denke auch, dass das viele heterosexuelle Paare erleben. Wenn man acht Jahre lang zusammen lebt, sich liebt und schätzt, muss es ja nicht unbedingt auch körperlich das Ergreifendste sein. Was macht man, wenn es dahingehend langweilig wird?

(Lacht) Keine Ahnung, aber liegt darin die juristische Unschärfe?

Ja, bestimmt, aber es ist auch genauso gemeint, wie es im Titel klingt. Juristisch ist die Ehe in Deutschland nicht ganz einfach zu verstehen. Es gibt zum Beispiel  die Ehe für zwei heterosexuelle Menschen. Der Rest muss sich mit der Lebenspartnerschaft zufrieden geben, bei weitem aber nicht mit denselben Rechten. Das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist nach wie vor eine Utopie. Es wird uns immer vorgegaukelt, alle wären gleichberechtigt  in diesem Land, das ist aber nicht in allen Bereichen so. Wenn man versucht, beim Standesamt Berlin einen Heiratstermin zu bekommen, hat man als Deutscher überhaupt kein Problem. Wurde man allerdings im Ausland geboren oder später eingebürgert, muss man persönlich vorsprechen. Da gibt es sogar unterschiedliche Termine mit unterschiedlichen Formularen für Auslandsdeutsche, Spätaussiedler, EU-Bürger und Nicht-EU-Bürger. Also wenn das nicht juristisch unscharf ist!

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In dem Roman wird einmal gesagt: „Der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität, um sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu vergewissern.“ Teilst du diese Ansicht?

Ja! Tatsächlich haben wir eine ganz bestimmte Vorstellung von Homosexuellen. Vielleicht wurde die uns ja von den ganzen amerikanischen Serien eingepflanzt. Es gibt aber natürlich ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und keine festen Rollen! Der Diskurs wird auch innerhalb Deutschlands ganz anders geführt. Auch hier wieder das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare im Visier. In Berlin ist manches tolerierter, aber auf dem Dorf sieht es zum Teil auch nicht besser aus als in Russland. Ganz schnell verdammen wir Russland oder den Kaukasus mit dem Spruch: „Bei uns ist ja alles in Ordnung.“ – Nun, das bezweifle ich.

Vielen Dank für deine ehrlichen Worte und ein so ehrliches Buch, das die richtigen Fragen stellt.

Nur mal so:

Bei Zeit online hat Olga Grjasnowa aktuell zusammen mit Nino Haratischwili und Lena Gorelik eine Debatte mit Feridun Zaimoglu laufen, die die Gemüter erhitzt. „Wer fremdstämmig und weiblich ist, motzt sein Poesiealbum auf“, hat er glatt behauptet und dachte, er kommt damit durch. Nicht wirklich! Wenn Intellektuelle sich streiten, freut sich bekanntlich der Leser.

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Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erschienen im Hanser Verlag für 19,90 Euro.

Wir bedanken uns an dieser Stelle auch recht herzlich bei Jacques-André Barkeys Ballett Studio und natürlich bei Naza, Fabienne, Shuka und Octavia von der Tanzakademie balance 1. Unglaublich, was ihr mit euren Beinen alles so machen könnt!

4 Comments

  • Marianne sagt:

    Gesellschaftskritisch, einfühlsam und gut zulesen. Mach mal weiter so.

  • Fraenky sagt:

    Die Ansichten von Olga sind ja unglaublich. Das verdient ein fetten Respekt, wenn man (Frau) schon Weltpolitisch wach und klug daher redet. Olga hat eine Plattform in der großen Öffentlichkeit verdient. Natürlich ist auch euer Beitrag so fesselnd, teilweise auch witzig und macht LUST auf meeeeeeeeeeeeeehr

  • Judith sagt:

    Das freut mich unglaublich doll zu lesen ! Schreib mir unbedingt dein Feedback dann <3

    Judith

  • lisa sagt:

    Irgendwie fühl‘ ich mich angesprochen. Klasse Tipp! Das Buch wird gleich nach ‚Der unsichtbare Apfel‘ gelesen!

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