Bloody Sex

Ich wollte und musste immer irgendwie erwachsen und kontrolliert sein. Max ist nichts davon. Er hat noch nicht mal ein eigenes Bett in der Wohnung, weil er erst vor zwei Wochen eingezogen ist. Um ein Bett zu kaufen, braucht man ja mindestens vier. Deswegen teilt er sich so lange das Bett mit seiner Mitbewohnerin.

Die Wohnung wirkt größer, als sie eigentlich ist, wir sitzen in der Wohnküche und trinken noch irgendetwas, ich glaube, es ist Whiskey. Oder doch Rum? Ich frage Max, wann seine Mitbewohnerin nach Hause komme. Er glaubt, dass sie übers Wochenende bei ihren Eltern sei, sie es aber mit ziemlicher Sicherheit nicht gut fände, wenn wir in ihrem Bett vögeln würden.

Ok, na dann ist es ja gut, dass wir hier sind. Ist mir aber auch irgendwie egal, sie erfährt es ja eh nicht, und sollte sie doch noch heimkommen, muss ja nicht ich mit ihr zusammenwohnen, sondern Max. Also scheiß drauf. Wir schieben uns durch den Flur, küssend von Wand zu Wand, bis zu dem fremden Bett. Es ist ein Himmelbett. Also wirklich, ein Bett mit Dach. Ich muss kichern, Sex im Himmelbett klingt wie ein versautes Märchen oder ein schlechter Porno.

Max ist jung und wild, er küsst und beißt und reißt an meinen Kleidern und an meinen Haaren, kratzt und leckt und stöhnt in seiner Ekstase. Er will alles auf einmal, mich, die ganze Welt, wer weiß das schon so genau. Raum für mich gibt es nicht, es ist alles Max, nur Max, und ich lasse ihn alles ausfüllen, genieße seinen Egoismus. Es ist leicht, sich von ihm mitreißen zu lassen. Ich beobachte ihn fasziniert, während er mich laut und schnell fickt, so gewollt dominant, so aggressiv. Schweiß rinnt ihm vom Nacken über den Hals über die Brust, tropft auf meine Brust und vermischt sich mit meinem Schweiß. Der Rest verschwimmt im Alkoholrausch, wir schlafen schweißnass und nackt ineinander verknotet ein.

Ich wache auf, weil mir kalt ist. Das Erste, das ich sehe, ist der Himmel des Betts. Das Erste, das ich fühle, ist, dass ich immer noch oder schon wieder sehr feucht bin. Ungewöhnlich feucht. Ein leiser Verdacht regt sich. Oh nein, bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Ich greife mir zwischen die Beine und betrachte meine Finger. Blut. Viel Blut. Scheiße. Scheiße. Scheiße. „SCHEISSE! MAX!“

Max dreht sich nur murmelnd um. „Max, wach sofort auf!“ fahre ich ihn fast schreiend an. Er guckt mich vollkommen verstört an, fragt, was passiert sei. „Ich, fuck, ich habe verdammt noch mal vergessen, dass ich meine Tage bekomme. Und jetzt hab ich sie. Und das Bett deiner Mitbewohnerin auch!“ Max ist sofort hellwach. Soweit das eben nach wenigen Stunden Schlaf und viel Alkohol geht.

Genau in dem Moment geht die Zimmertür auf und seine Mitbewohnerin steht vor uns. Sie guckt uns eine gefühlte Ewigkeit vollkommen entsetzt an. Dann wandert ihr Blick auf ihr Bettlaken, sie verliert die Kontrolle über ihre Gesichtszüge, fängt an zu schreien wie am Spieß und rennt aus dem Zimmer. Na super. Warum muss mir das passieren? Ich könnte mich ohrfeigen, wie blöd kann man denn sein? Ich hätte meine Tage schon gestern bekommen sollen, dass sie durch Sex dann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wirklich kommen, weiß ich. Hab ich aber einfach vergessen. Super, Nina. Ganz große Klasse.

Liegen zu bleiben und weiter das Bett vollzubluten ist aber auch keine Lösung, also stehe ich schnell auf, schnappe ein paar meiner Klamotten, hoffe, dass mein Slip dabei ist und versuche, so schnell wie möglich ins Bad zu kommen. Hoffentlich hat sich da jetzt nicht die hysterische Mitbewohnerin eingeschlossen. Ich hasse dieses Gefühl, zu merken, dass mir das Blut langsam an den Oberschenkelinnenseiten runterläuft. Fuck it. Kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Ich springe hastig unter die Dusche, finde sogar meinen Slip, lege ihn mit Klopapier aus, das muss reichen, bis ich zu Hause bin.

Als ich zurück ins Zimmer komme, sehe ich das ganze Ausmaß der Katastrophe. Das ganze Bettlaken ist blutverschmiert, mir wird kurz heiß, dann kalt, als mir der Gedanke kommt, dass die Matratze vielleicht auch etwas abbekommen haben könnte. Während ich nur dastehe und starre, versucht Max umständlich, die Bettdecke abzuziehen. Wahrscheinlich kotzt er schon innerlich. Er wird mich hassen. Ganz bestimmt. Ich muss irgendetwas sagen. „Mist, tut mir wirklich leid, Max, hab nicht dran gedacht, dass das passieren könnte. Wenn wir es jetzt richtig waschen, geht das auch wieder raus. Oder ich kaufe neue Bettwäsche“, schlage ich vor. Er zuckt nur mit den Schultern. „Ist doch nicht so schlimm. Passiert halt“, sagt er vollkommen emotionslos. „Nur Miriam findet das anscheinend nicht so witzig, aber das klär ich schon mit ihr“, kichert er leise. So einfach ist das? Ich gucke ihn ungläubig an. Vielleicht ist er einfach immer noch besoffen. Oder kann es echt sein, dass er tatsächlich mal einer ist, der entspannt mit einer Frau und ihrer Periode umgeht und absolut kein Problem damit hat, dass Blut mit im Spiel ist? Krass. Anscheinend stehe ich immer noch reglos im Zimmer rum und glotze ihn an. Er fängt an zu lachen, kommt zu mir und küsst mich. „Alles okay bei dir? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“ Ich pike ihn in die Schulter, um mich davon zu überzeugen, dass er wirklich kein Gespenst ist. Er lacht wieder.

Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, warum ich eigentlich so eine enorme Angst davor hatte, dass Max mich für immer hassen würde, nur weil ich meine Tage bekommen habe? Klar, der Fakt, dass wir damit das Bett, welches nicht mal sein eigenes ist, versaut haben, ist bescheuert. Aber so etwas passiert im Eifer des Gefechts, und es gibt echt Schlimmeres. Seine Shit-happens-Einstellung imponiert mir wirklich. Kann es echt sein, dass ich ein viel größeres Problem mit meinem Blut habe als er? Ist Blut denn, nur weil es sichtbarer ist, so viel schlimmer als alle anderen Körperflüssigkeiten, die wir vorher schon beim Sex im Bett verteilt haben? Nee, nicht wirklich. Also wo genau ist jetzt der Unterschied zwischen Sperma und Blut? Ich habe da noch nie so bewusst drüber nachgedacht, dass vielleicht eher ich das Problem habe, nicht die Menschen, mit denen ich schlafe. Das muss ich dringend ändern.

Vielen Männern ist es einfach total egal, solange es mir auch egal ist. Es sind oft Frauen, die das ablehnen.

Natürlich habe ich auch Verständnis dafür. Kommt auch immer darauf an, wie man so drauf ist. Wenn man Pech hat, fühlt man sich scheiße, hat Schmerzen und schlechte Haut. Generelles Unwohlsein ist jetzt nicht die beste Voraussetzung für Sex. Aber das ist bei mir nur die ersten paar Tage der Fall, und dann hab ich noch mehr Lust auf Sex als sonst. Was ist es also, das Frauen dazu bringt, nicht trotzdem einfach zu vögeln?

Als Erstes ist da natürlich das Thema Blut. Allein die Vorstellung, dass man während des Sex bluten könnte und das Blut dann sowohl am Penis des Partners als auch drumherum kleben könnte, lässt die meisten Frauen innerlich im Erdboden versinken. Dazu kommt natürlich, dass man anders riecht als sonst. Nicht schlecht, nur eben anders, weil Blut halt anders riecht und die Hormone in der Zeit anders spielen als sonst. Trotzdem hat man ja immer Angst, dass das alles den Typen stören könnte. Oder dass er es eklig findet. Und dann nur als Gefallen mit dir schläft. Schwachsinn. Auch hier hilft wie immer, einfach mal nachzufragen und zu reden. Anders kann man das nicht klären. Ob man dann Sex haben will, muss jeder für sich entscheiden.

Und dann muss man sich vielleicht noch super schlaue Sprüche anhören wie: „Die ist zickig, hat wohl ihre Tage“, oder: „Warum bluten Frauen einmal im Monat? – Weil sie es nicht anders verdient haben!“

Das ist doch zum Kotzen. Wie soll man denn als heranwachsende Frau lernen, mit ihrem sich verändernden Körper umzugehen, wenn das schon von Vornherein so erschwert wird, weil irgendwie anscheinend keiner damit umgehen kann und dann auf sexistische Abwertungen zurückgegriffen werden muss?

Ich kenne auch immer noch Menschen – Männer wie Frauen, die behaupten, dass Sahne nicht steif wird, wenn man versucht sie zu schlagen wenn man seine Periode hat. Ernsthaft. Das sind mittelalterliche Märchen, oft religiöser Herkunft, die höchstens dazu dienten, dass Frauen sich schlecht fühlen sollten – wissenschaftliche widerlegt wurde der negative Einfluss der menstruierenden Frau schon lange – umso erschreckender, dass es heute, selbst nach der emanzipatorischen Frauenbewegung in den Siebzigern, immer noch keinen selbstverständlichen Umgang damit gibt. Eher im Gegenteil

Und ja, es gibt natürlich auch explizit Männer, die ein Problem damit haben. Am besten sind die Männer, und das habe ich nicht nur einmal erlebt, die nicht mit dir vögeln, weil du noch blutest, sich dann aber von dir befriedigen lassen und dir am liebsten noch ins Gesicht spritzen wollen. Nicht mit einer menstruierenden Frau schlafen wollen, aber mit einer absoluten Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass Sperma im Gesicht vollkommen okay ist. Schon mal drüber nachgedacht? Klar, muss man nicht gleichsetzen, kann man aber, weil die Menstruation eben genauso zu einer Frau gehört wie das Sperma zum Mann, daran ist nichts eklig, höchstens der gesellschaftliche Umgang damit. Get over it.

Mehr zu Nina Wagners aktuellem Buch „Fucking good: Von Tinder, Online-Dates und wilden Nächten“ gibt es hier. Und natürlich auch unser Bock auf Lesen exklusiv mit Interview! Headerfoto: Simon Lefebvre (Sexy Times imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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