Blitze im Kaleidoskop – und dann war alles vorbei

Als jener Tag begann, damals im Dezember, da wussten wir nicht, was wir in der Lage gewesen waren zu werden. So, als ob jemand mit einem einzelnen Spot nur auf dich strahlte, stachst du damals aus der Masse von Menschen hervor. Es war dein Habitus und das, was du sagtest, als wir unbekannt voreinander standen. Ich hatte nie zuvor einen Menschen getroffen, der derart elegant und pur war.

Die ersten Worte, die wir wechselten, hatten nicht erahnen lassen, was wir sein könnten, wenn wir nicht das geworden wären, was wir heute sind. Ich war betrunken und mein emotionales Gewäsch, das ich in mir herumtrug, brodelte aus mir heraus. Aber meine Sehnsucht war auch deine.

Ich hatte mich innerhalb dieser Stunden in deinen Augen verloren und wollte gehen – in tiefer Demut und dem Glauben, dir nie nah genug zu kommen, wie ich mir es augenblicklich wünschte. Da griffst du nach meiner Hand, zogst mich zu dir und fragtest: „Und was machen wir jetzt damit?“ Dein Blick war so ernst, dass ich es nie vergessen kann.

Als jener Tag endete, damals im Dezember, da wussten wir nicht, wie wir uns in ein Vakuum hinaus katapultieren würden, wenn wir das das sein würden, was wir erst noch werden sollten.

In den ersten Monaten waren wir Luft, wir waren Zeit und Licht.

Was uns verband, war mehr als Liebe, mehr als nur zärtliche Zuneigung und körperlich Anziehung. In den ersten Monaten waren wir Luft, wir waren Zeit und Licht. Und der Himmel über uns, er schien gewaltig. Wir waren die Geschichte zweier Menschen, in deren Vertrauen eine Freundschaft wuchs, die eine nicht auszuhaltende Euphorie entwickelte, um letztlich in den Berührungen zu mäandern, die uns vergessen machten, was Tage, Wochen und Monate waren.

Wenn wir nicht beieinander waren, litten wir. Die Stunden, in denen wir einfach schwiegen, waren so selten wie Astat. Die Momente, in denen wir uns nicht berührten, lang und elend. Die Leidenschaft, die uns immer wieder aufs Neue zusammenführte, entfaltete sich exponenziell.

Als jenes Frühjahr verging, erkannten wir, wie schmerzhaft und grausam schön das Schicksal zu werden bereit ist, wenn man es lässt. Ich wäre dankend gestorben, wenn man mir angeboten hätte, dein Leben damit noch größer zu machen.

Wie du schliefst, wie du aßt, wie du die Tür zuschlosst, wie du den Wagen fuhrst, wie du mein Gesicht berührtest, wie du die Augen nach dem Küssen öffnetest, wie du gingst und dich noch mal zu mir umdrehtest. Wie du über meine schlechten Witze lachtest und deine Zähne in schönstem Weiß strahlten. Wie deine Hand über meinen Rücken fuhr, wenn du an mir vorbeigingst. Wie du mit geschlossenen Augen im Club tanztest.

Wie sehr mein Herz stach, weil du schöner warst als jede Frau, die ich mir vorstellen konnte.

Wie du mich weinerlich fragtest, ob ich dich weiterhin anziehend finden könne, nachdem ich deine Haare eine ganze Nacht lang gehalten hatte, weil du mir nicht glauben wolltest, dass man bei jenem Straßenverkäufer besser kein Sushi erwarb. Wie sehr mein Herz stach, weil du schöner warst als jede Frau, die ich mir vorstellen konnte. Wie du mich auszogst als ich vom Regen durchnässt vor deiner Tür stand, nach unserem ersten großen Streit. 25 Kilometer bis zu dir war ich gerannt, weil die Stunden ohne dich wie Beton auf meiner Brust lagen.

Als jene Monate damals im Herbst begannen, da wussten wir nicht, dass es besser gewesen wäre, wenn wir nicht das geworden wären, was uns nie wieder zurück ließ. Weil wir uns zurücklassen würden.

Rückblickend betrachtet waren wir Monster, saugten uns gegenseitig aus, dürsteten nach der Liebe und Aufmerksamkeit des anderen und fühlten uns dadurch so befriedigt und high, dass wir Verdacht hätten schöpfen müssen. Aber wir waren ein sich lange aufbauender Song. Wir waren ein Film mit schnellen Schnitten und alles in himmelblaublitzgrellgelb. Wir hatten ein Leben im Stroboskop-Kaleidoskop fernab jedes Kalenders geführt.

Wir stritten und stritten und stritten. Ich konnte es sehen: unser Ende.

Und nun stritten wir. Einmal. Versöhnten uns für drei. Stritten zweimal. Versöhnten uns. Wir stritten und stritten und stritten. Ich konnte es sehen: unser Ende. Und es wartete geduldig, weil es markerschütternd werden wollte. Als wir im Winter anfingen zu enden, da dachte ich, unsere Leben würden nie wieder dieselben sein. Ich ahnte allerdings nicht, wie recht ich damit haben würde.

Wir wussten beide, dass du es beenden musstest; mir der Mut fehlte. Wir wussten auch, es würde passieren. Wir würden gebrochen sein, auf kalten Entzug gesetzt. Eine Verbindung so wärmend und zerstörerisch wie Heroin. Und deswegen habe ich mich von dir ferngehalten, mitunter tagelang nichts von mir hören lassen. Ich wollte, dass du mich langsam brichst. Es durfte so lange dauern, wie nur irgend möglich. Hauptsache, ich würde eine Rolle bei dir spielen. Ich war einfach noch nicht fertig mit dem Lieben.

Und dann … dann war es vorbei. Tagelang übergab ich mich. Lange Zeit weinte ich. Im Supermarkt. In der U-Bahn. Auf offener Straße nach One-Night-Stands. In Bars vor Freunden. Ich ließ mein Leben los und verschwand in einer luftleeren Zeit, die mich vollständig zersetzen sollte, bevor sie diesen jungen Mann aus mir machte, den ich heute im Spiegel betrachte. Und auch du wurdest durch die Wucht, die unsere Trennung verursachte, weggeschleudert.

Du hast mich geprägt, mich verändert, mir gezeigt, wie groß zwei Menschen wachsen können.

Du warst mein Zuhause. Du warst mein Horizont. Du warst mein Treibstoff. Du warst eine Sehnsucht, die wunderschöner nicht hätte sein können. Du warst die Decke, die sich mir umlegte. Du hast mich geprägt, mich verändert, mir gezeigt, wie groß zwei Menschen wachsen können.

Als ich dich kennenlernte, warst du erfolgreich, hast viel Geld verdient und Karriere gemacht. Heute trägst du einen Nasenring, Strickklamotten und Haremshosen. Du lachst dem bärtigen Mann mit der Zigarette neben dir freundlich zu. Es ist dein Mann. Du lachst anders. Deine schmollende Oberlippe ist verschwunden. Deine Züge haben sich verändert.

Als jener Tag vor Jahren begann, haben wir uns nicht gekannt. Als er endete, fingen wir an, etwas zu werden, von dem ich nie erfuhr, zu was es in der Lage gewesen wäre zu sein, wenn wir nicht das geworden wären, das nun viel weniger als Nichts ist.

Und dann denke ich, wie gut das ist, weil ich andernfalls so viel verpasst hätte.

Markourt ist im letzten Jahr seiner Zwanziger und weiß, dass das beste Album der Nullerjahre „Give up“ von Postal Service ist. Er und Alkohol sind das Rezept für wochenlangen Gesprächsstoff und Witze auf seine Kosten. Für ihn gilt: Lieber brechend volle Tram als Individualverkehr, lieber telefonieren als Kurznachricht und für immer Francis „Frank“ McCourt. Jedes verdammte Katzenvideo findet er besser als pseudopolitische Diskussion in WG-Küchen und sozialen Netzwerken. Es ist Winter und alles, was er will, ist doch nur, dass da eine Person an seiner Tür klingelt, der von Kälte und Wind die Nase läuft. Und dass diese kalte Nase sein Gesicht berührt, wenn er sie küsst.

imgegenteil_Markourt

Headerfoto: Junges Paar beim Spaziergang via Shutterstock! („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.