Bis dann

Ich wusste ja, dass er mich mag. Es war eben nicht immer sein Ding, ans Telefon zu gehen, es war eben nicht sein Ding, zurückzurufen oder eine SMS zu beantworten. Damals bin ich dann nachts, wenn meine Sehnsucht nach ihm größer geworden war als meine Wut, weil er sich nicht meldete, aufs Fahrrad gestiegen. Habe die halbe Stadt durchquert, um nachts um halb drei an seiner Wohnungstür zu klingeln. Da war er dann auch meistens und wenn er die Tür öffnete, war es, als hätte er mich erwartet.

Wir küssten uns, schliefen miteinander, unterhielten uns, hatten Spaß. Warum er nicht ans Telefon gegangen war, nicht zurückgerufen hatte oder meine SMS nicht beantwortet hatte, blieb ungewiss. Er wollte ja anrufen, sagte er, aber er hatte kein Guthaben mehr und der Akku war leer und Telefonieren sei sowieso nicht seine Stärke und außerdem wüsste er nicht, wo sein Handy sei, er habe es wahrscheinlich im Auto gelassen. Wenn er mich in den Armen hielt, war das egal, denn wir verstanden uns so gut, wir hatten so viel Spaß zusammen und unsere Körper schienen füreinander geschaffen worden zu sein.

Alles war gut, bis zum nächsten Morgen, wenn er zum Abschied nur „Bis dann“ sagte. Ich wollte ein „Bis heute Abend“, ein „Bis morgen“ oder wenigstens ein „Bis nächste Woche Mittwoch“ hören. Aber das sagte er nicht. Wenn ich von ihm wegging, kamen die Zweifel. „Bis dann“ bedeutete, ich würde ihn erst sehen, wenn ich wieder krank vor Sehnsucht war und aufs Fahrrad stieg. Immer in der Angst, er wäre nicht zu Hause, würde sich gestört fühlen oder eine Andere wäre bei ihm.

Falls ich ihm etwas bedeutete, warum gab er sich dann keine Mühe, mich wiederzusehen? Warum überließ er mir das Risiko, die Arbeit, die Organisation unserer Beziehung? Wollte ich wirklich einen wie ihn? Ich sehnte mich nach einem starken Mann, einem Mann zum Anlehnen, einen, der die Dinge in die Hand nahm, der mir Sicherheit gab. Ich wollte mich von ihm befreien, löschte seine Nummer aus dem Adressbuch, aber ich konnte sie auswendig, denn ich hatte sie schon zu oft gewählt. Ich versuchte, ihn zu vergessen. Ich dachte, ich bräuchte mich einfach nicht mehr bei ihm zu melden. Ich war sicher, er würde es sowieso nicht tun. Nach ein paar Wochen der Qual und der Einsamkeit würde sich die Sache dann von selbst erledigt haben.

Ich trank, um die Sehnsucht zu betäuben und rief ihn dann doch wieder an. Aber er ging nicht ans Telefon, er rief nicht zurück, er beantwortete meine SMS nicht und schließlich setzte ich mich eben doch wieder nachts aufs Fahrrad. Ich fand ihn und alles war gut. Bis zum nächsten „Bis dann“.

Ich wollte ihn verlassen, diesmal wirklich, weil ich mich so allein mit ihm fühlte, aber es gab ja eigentlich keinen Grund. Er war ja immer irgendwie da, man musste eben nur hingehen. Sich von jemandem zu trennen, der nichts macht, ist sehr schwer, eigentlich unmöglich, weil er ja nichts macht. Dann sitzt man da traurig und allein zu Hause und denkt sich: Wieso eigentlich? Ich kann doch da jetzt einfach hinfahren und alles ist wieder gut.

Ich versuchte unsere Beziehung ganz in Ruhe zu durchdenken, um zu einem Entschluss zu kommen, aber es gab einfach zu viele Aspekte. Die Aspekte ergaben eine Form, man konnte sie anschauen und in den Händen drehen, in die Sonne halten und dann glitzerte es, aber die Sache ergab keinen Sinn. Nach all der Grübelei blieb das Gefühl zurück, dumm zu sein und dauerhaft etwas ganz Naheliegendes zu übersehen.

Also gab ich das Nachdenken auf und blieb eines Morgens einfach bei ihm, um dieses „Bis dann“ nicht hören zu müssen. Das war eine gute Idee.

Wir sind immer noch ein Paar. Wir leben zusammen. Wir haben Kinder.

Mittlerweile ruft er zurück und manchmal ruft er mich sogar an.

Headerfoto: Amanda Tipton via Creative Commons Lizenz!

RUTH HERZBERG ist Autorin aus Berlin. Manchmal zeichnet sie auch. Webseite: frauruth.de und Facebook-Fanpage: www.facebook.com/FrauRueth. // Autorinnenfoto: Hannah Herzberg.

7 Comments

  • >bis dahin…<
    Ich könnt kotzen bei diesen Worten und halte immer inne, wenn ich selber versucht bin sie zu schreiben…meine Geschichte hatte leider kein happy und, eher viel leid – bis heute.
    Es macht krank das staendige warten, hoffen, warten, hoffen…für mich ist das kein respektvoller Umgang miteinander…

  • Ich mags 🙂
    Mich hat es unterhalten, ich habe mich über die leicht abhängige Trotteligkeit gefreut, sie erinnert einen dann doch an sich selbst. Danke für den tollen Text und dem wunderbar gewählten Ende.

  • oh gott, wie schlecht und naiv. immerhin hat es ja noch zu einer wie auch immer-geratenen beziehung gereicht. dafür glückwunsch. vielleicht.
    im text wurde leider nie die frage gestellt wieso die person denn überhaupt zu ihm fährt und was dann überhaupt „gut“ sei.

  • Bin nicht so Fan von dieser Geschichte. Es gibt soviele Leute, die jemandem hinterherrennen, dessen Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, und seien wir mal ehrlich, in den allermeisten Fällen wird da auch nichts draus. Das ermutigt jetzt all die, die nicht von ihren Gefühlen für jemanden loskommen, der nicht gut für sie ist, sich weiter zum Idioten zu machen und Lebenszeit zu verschwenden – für gar nichts.

  • Wunderschön geschrieben. Es ist wie aus meinem Kopf herraus. Abgesehen davon, dass mein Ende noch nicht geschrieben ist. Ich wünsche es wird auch irgendwann ein Happy End. <3

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