Beziehungssingle

Ich bin nicht alleine, ich bin vergeben, ich habe einen Freund. Wenn meine unverpartnerten Freunde von grauen, einsamen Sonntagen erzählen, überlegen, ob sie sich nicht vielleicht doch einmal auf Tinder anmelden sollten und wie viele Männer zwischen 30 und 35 eigentlich in keiner Beziehung aber ansehnlich und klug sind, dann fühle ich mich ihnen nah – zu nah. Meine vergebenen Freundinnen sind damit beschäftigt, verzweifelt nach einer bezahlbaren Dreizimmeraltbauwohnung in Schöneberg zu suchen – man muss ja vorbereitet sein, schließlich ist man ja fast 31. Oder wenn sie sich darüber beschweren, dass Jonas, Tim oder Felix den siebten Jahrestag lieber alleine auf einer Tagung statt mit Eva, Anna oder Lisa beim neu eröffneten veganen Burgerladen um die Ecke verbringen. Sie sind dabei sehr fern – zu fern. Aber ich nicke und lächle und sage, dass ich sie sehr gut verstehe. Ich bin auch in einer Beziehung, bin vergeben und habe einen Freund.

Die einsamen, grauen Sonntage kenne ich gut – zu gut. Die Dreizimmeraltbauwohnung betrete ich höchstens als Umzugshelferin. Ich bin Beziehungssingle. Ich bin treu, war es immer bisher. Ich kenne seine Mutter. Er kennt meinen Vater. Aber Pläne, die haben wir nicht. Kein Ziel weit und breit, auf das wir gemeinsam zurennen können. Die Planung für den einwöchigen Urlaub in Norwegen ist unser bedeutendstes Projekt und das gemeinsam gekaufte Plüschnilpferd unsere größte gemeinsame Liebe.

Er findet Kinder laut, dreckig, störend – und die Welt sowieso überbevölkert. Ich führe seit meinem zehnten Geburtstag Notizbücher, in welchen ich meine liebsten Vornamen vermerke und für später verwahre. Später ist natürlich erst in 20, in 10, in 5 Jahren oder wenn ich einmal so richtig erwachsen bin. Er braucht seine eigenen vier Wände und saugt gerne Staub. Ich sehne mich nach einer gemeinsamen Waschmaschine, unseren Namen auf einem Klingelschild und hätte gerne eine Putzfrau. Er will eine Professur, ich das Ticket für eine Weltreise. Er liest am Sonntag gerne Bücher. Ich streife ziellos durch Friedrichshain.

Wir passen nicht zusammen. Ich weiß das, er weiß das. Wir sprechen es aus – wieder einmal – und ich fange an zu zittern, zu schreien, zu weinen. Wieder einmal. Angst kribbelt in meinem Kopf und in meinem Bauch. Sie macht mich hohl und taub. Er gibt mir ein Taschentuch und seufzt. Wir nehmen unsere Jacken und unsere Hände und gehen auf eine WG-Party. Seine Freunde fragen mich, wann wir nun endlich zusammen ziehen. Ich sage: „Sehr bald.“

Wir liegen im Bett und sein Arm liegt auf meinem Bauch. Morgen werde ich aufstehen, zum Bahnhof laufen und ihn vermissen – Sonntag, Montag, Dienstag. Ich bin alleine, der Sonntag ist grau und der Tatort ist schlecht. Am Mittwoch gehen wir Bier trinken und Händchen halten. Wir sind in einer Beziehung, sind vergeben und nicht alleine.

Anna ist 29 Jahre alt und lebt seit 6 Jahren (gefühlt seit immer) im Wedding. Sie mag Zigaretten, Bier und Regen im Sommer. Studiert hat sie auch und wünschte sie könnte ihr Leben lang in der Mensa essen.

Headerfoto: Courtney Emery via Creative Commons Lizenz! Danke dafür.

imgegenteil_AnnavB

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4 Comments

  • Run! Sich alleine in der Beziehung zu fühlen, ist nicht ok! Zumindest sollte man drüber reden können. Bei mir stellte sich nach 9 Jahren raus, dass die große Liebe meines Lebens sich nicht „committen“ konnte als ich das erste Mal fragte, wohin wir beide eigentlich steuern? Das war zuviel für ihn. Also ich würde sagen, so früh wie möglich sich klar machen, was man will und was man braucht und sich ehrlich eingestehen, wenn es nicht passt.

  • Der Single Markt wäre so aufregend, wenn sich all diese traurigen Partnerschaften auflösen würden. Man sollte Menschen nicht besetzen, die man nicht genügend liebt, um sie los zu lassen.

  • So schön, aber trotzdem traurig :/ Ich glaube der Text betrifft die Art von Beziehung, auf die berliner Singles in letzter Zeit immer mehr zusteuern. Nicht allein sein, aber trotzdem jemanden neben sich haben.

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