Aufwachsen in Stille – wenn deine Eltern gehörlos sind

Während wir es uns mit einer Tasse Tee im Café gemütlich machen, legt Betty ihre Hände ineinander gefaltet auf den Tisch. Betty macht das ganz bewusst, weil sie ihre verstärkte Gestikulation unterdrücken möchte, um damit nicht unser Gespräch zu stören. Denn wir gehören zu der Welt der hörenden Menschen und Betty möchte sich ihr gerne anpassen.

Betty ist als hörendes Kind mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. In Deutschland gibt es laut Deutschem Gehörlosen-Bund e.V. 80.000 Gehörlose und Bettys Eltern sind zwei von ihnen. Natürlich spricht nicht jeder Gehörlose die Gebärdensprache und nicht jeder, der Gebärdensprache spricht, ist gehörlos; aber das nur als Randinformation. Es gibt nicht nur eine, sondern viele Gebärdensprache, sozusagen für jedes Land eine eigene, und Bettys Muttersprache ist die Gebärdensprache ihrer Eltern. Erst zwischen zwei und drei Jahren hat sie im Kindergarten und durch die vielen Besuche ihrer Oma sprechen gelernt.

Bettys Muttersprache ist die Gebärdensprache ihrer Eltern. Erst zwischen zwei und drei Jahren hat sie sprechen gelernt.

Für hörende Kinder mit gehörlosen Eltern gibt es sogar eine eigene Begrifflichkeit. Man nennt sie CODA – „Children of Deaf Adults“. Betty finden den Eigennamen albern, denn sie braucht keine Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ihre Eltern sind einfach gehörlos. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn Betty nicht ihren ein Jahr jüngeren und ebenfalls hörenden Bruder an der Seite gehabt hätte, mit dem sie sich gegen den Rest der Welt verbünden konnte.

Fest steht, es sind zwei völlig unterschiedliche Kulturen, in denen Betty aufgewachsen ist – die der Gehörlosen und die der hörenden Menschen. „Und als CODA gehörst du zu keiner so richtig“, sagt Betty. Jetzt stört sie das nicht mehr, aber in ihrer Kindheit und Jugend war das definitiv anders. „Wenn ich mit Gehörlosen unterwegs bin, dann sprechen sie mit Ton und Gebärde, weil sie wissen, dass ich hören kann. Sie nehmen mich nicht als vollwertiges Mitglied ihrer Kultur wahr“, erzählt uns Betty.

„Der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich nicht zur Welt meiner Mama gehöre, war, als wir zusammen an der Ostsee standen und sie mich gefragt hat, wie sich das Meer anhört“, minutenlang stand Betty im Sand und hat versucht, diesen speziellen Klang mit Gebärden darzustellen, aber es ist ihr einfach nicht gelungen. Noch heute erinnert sich Betty daran, wie traurig sie damals dieser Moment gemacht hat, und gleichzeitig, wie glücklich sie sich schätzen kann, dass sie das Rauschen des Meeres hört.

Betty kann sich aber auch nicht mit den Hörenden identifizieren, denn sie ist anders und hatte eine andere Kindheit. Ihr müsst euch vorstellen: Bei Betty zuhause war es einfach immer still. Es lief kein Radio, Fernsehen gab es nur ohne Ton und wenn es an der Tür geklingelt hat, dann hat es geblitzt. Für sie war es nicht möglich, mal eben ihre Eltern anzurufen, um zu fragen, ob sie bei einer Freundin schlafen darf. Sie musste zur verabredeten Zeit nach Hause gehen – den anderen Kindern fiel es oft schwer, diese Welt zu verstehen.

„Ich war immer die mit den behinderten Eltern, das hat erst in der achten Klasse aufgehört“, meint Betty und erzählt uns davon, dass sie nicht nur mit Mitleid konfrontiert wurde, sondern auch mit der unverschämten Frage, ob ihre Eltern gehirnlos seien. So entwickelte sich in Betty immer mehr das Gefühl, nicht mehr anders sein zu wollen und sich von der Welt der Gehörlosen zu distanzieren. Betty hat es genervt, für ihre Mama zu übersetzen und  schlichtweg überfordert und peinlich berührt, dass sie überall anrufen musste, um zu sagen: „Hallo, hier ist die Tochter von …“

Betty wurde in der Schule nicht nur mit Mitleid konfrontiert, sondern auch mit der unverschämten Frage, ob ihre Eltern gehirnlos seien.

Während wir auf dem Helmholzplatz stehen, macht uns Betty vor, wie sie ihre Mama „gerufen“ hat, dafür stampft sie mit dem einen Fuß auf den Boden auf und ruft laut „HUUUUU“. Dass diese Art der Kommunikation nicht in jeder Situation mit dem Schamgefühl eines Teenagers zusammenpasst, versteht sich von selbst.

Ein Streit kam zum anderen und Mama und Tochter haben sich schlussendlich beide nicht mehr voneinander verstanden gefühlt. „Wiederhole mal im Streit dreimal, was du gesagt hast. Das hat mich wahnsinnig gemacht“, verrät uns Betty. Im Streit mit ihrer Mama hat Betty ihr einfach den Rücken zugewandt. Da kam dann alles zusammen, viele Emotionen, laute Schreie, Gegenstände, die durch die Gegend geflogen sind. Bis Betty mit 14 Jahren zuhause rausgeflogen ist und sich beide erst wieder annähern konnten, als Betty volljährig war und offiziell ausziehen durfte.

Mittlerweile hat Betty ein super Verhältnis zu ihrer Mutti. Sie weiß, dass sie früher oft stur und undankbar war und auch, dass ihre Mama es nicht böse meinte. „Rückblickend betrachtet war ich schon ein bisschen Drama“, sagt uns Betty offen und ehrlich. Heute übersetzt sie gerne für ihre Mama, das Dolmetschen macht ihr Spaß und Betty würde sich das niemals anmaßen zu sagen, aber sie denkt, sie kann mehr als ein Hörender die Emotionen in den Gesichtern eines Menschen deuten.

Es ist nicht nur die andere Sprache, die Gehörlose zu einem Teil einer eigenen Kultur machen, meint Betty. Sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Lieder und eigene Konventionen. Bettys Mutter versteht keine Ironie und keinen Sarkasmus. Dadurch hat sich Betty zu einem sehr direkten Menschen entwickelt, denn ihre Mutter liest nicht zwischen den Zeilen. „Ich würde Konflikte immer ansprechen und auch eine Körperhaltung, die ich komisch finde.“ In der Kommunikation mit Gehörlosen gibt es keine Umschreibungen und keine umständlich formulierten Fragen. „Ein Gehörloser ist einfach real, irgendwie naiv, aber auch ehrlich!“, sagt Betty und ergänzt, dass sie nie gelernt hat, ihre Emotionen zu unterdrücken, denn Gehörlose verstecken ihre Gefühle nicht, weil das ihre Art ist zu kommunizieren.

Ohne Ton kann die 27-Jährige einfach nicht mehr einschlafen, weil sie mit kompletter Stille nichts Positives verbindet.

„Mir sieht man immer alles im Gesicht an“ und wenn sich Betty in Rage redet, kann es passieren, dass sie denkt: „Oh, war das laut“, oder so körperfern gestikuliert, dass es auffällt. In der Euphorie beim Hören von englischer Musik wird mitten auf der Straße schon mal die deutsche Gebärde mitgemacht. Ohne Ton kann die 27-Jährige einfach nicht mehr einschlafen, weil sie mit kompletter Stille nichts Positives verbindet. Ihre Mama hingegen ist froh über die Ruhe.

Sie hört einfach anders als wir! „Meine Mama ist zu jedem meiner Chorkonzerte gekommen, hat die Hände auf den Boden gelegt und gespürt. Sie hat mit den Händen und mit den Augen zugehört“, beschreibt uns Betty und lächelt dabei.

Eine Welle der Wut und Enttäuschung durchfährt Betty immer dann, wenn ihre Umgebung und vor allem Mediziner Gehörlosigkeit mit einem taubstummen Menschen gleichsetzen. Denn ihre Mama spricht mit ihr! Und auch mit den Ärzten. Natürlich klingt das etwas komisch, krächzend und verwaschen, aber die Gehörlosigkeit an sich ist zunächst einmal nichts anderes als die medizinische Feststellung, dass jemand nicht hören kann. Wer nicht hören kann, ist natürlich dennoch zu Lautäußerungen fähig, er hat ja schließlich nichts mit den Stimmbändern. Deswegen wird der Begriff „taubstumm“ von Gehörlosen oft als Beleidigung aufgefasst.

Betty hat oft das Gefühl, dass die Gehörlosen unter sich sein wollen, vielleicht wäre dies nicht mehr so, wenn wir einen Schritt auf sie zugehen?

Indem Betty offen und gerne über das Thema spricht, versucht sie, mehr Interesse bei ihren Mitmenschen zu wecken, sich damit auseinanderzusetzen und ihnen die Angst zu nehmen, in der Kommunikation mit einem Gehörlosen etwas falsch machen zu können. Betty hat oft das Gefühl, dass die Gehörlosen unter sich sein wollen, vielleicht wäre dies nicht mehr so, wenn wir einen Schritt auf sie zugehen? Wir fragen uns: Können wir Gehörlose und die Gebärde nicht als sprachliche Minderheit ansehen? Ist es zu viel verlangt, wenigstens die Zeichen für „Hallo“ und „Danke“ zu lernen? Und wer hat überhaupt entschieden, dass die Gehörlosigkeit eine Behinderung ist?

Im Schatten des Laternenlichts zeigt Betty mir die Gebärde für „Liebe“, „Bitte“ und „Danke“. Sie sind simpel und ich breche mir nicht die Finger dabei. Nein, es macht sogar Spaß, seinen eigenen Namen zu beherrschen und Betty ist davon überzeugt, dass jeder mit einem Gehörlosen kommunizieren kann, wenn er die Bereitschaft dazu mitbringt. Denn jeder Gehörlose kann Lippen lesen und wenn wir ganz deutlich unsere Lippen formen, dann funktioniert das problemlos.

Betty ist eine junge Frau, die mehrere Sprachen spricht und sie würde nicht anders sein wollen! Ihre Kindheit hat sie gelehrt, hinter die Dinge zu gucken, nach den Ursachen zu suchen, tolerant zu sein und selbstbewusst. „Denn irgendwie ist es doch eine Gabe“, meint Betty und strahlt uns mit ihren hellblauen Augen an. Wir wissen, dass sich Betty später nicht mehr an unsere Augenfarbe erinnern wird, denn das hat sie uns gleich gesagt. Sie achtet einfach mehr auf den Mund.

Und genau deshalb, liebe Betty, stelle dir jetzt bitte vor, wie unsere Lippen ganz tonlos, direkt und ehrlich ein dickes Dankeschön formen. Danke für diesen bewegenden Einblick in dein Leben, danke für so viele neue Gedanken in unseren Köpfen, es hat so viel in uns ausgelöst und wir hoffen, dass wir damit nicht alleine sind!

JENNY hat eine innige Beziehung mit dem Woxikon. Mit Kindern kann sie gut und in der wilden Natur fühlt sie sich zu Hause. Neukölln ist ihre Wahlheimat. Mexikaner, Bücher und Schnee gehen immer. Aufgeschlossen wie sie ist, würde sie gerne viel mehr von der Welt erkunden. Als Kompensation geht sie lieber auf Abenteuertour für im gegenteil. Padautz.
NADINE hat aufgegeben, ihre Haare zu glätten, ist Wahlberlinerin und irgendwann Bachelor of Engineering im Fach der Druck- und Medientechnik. Als Fotografin tätig, zeigt sie hier die Singles von ihrer Schokoladenseite, lichtet Autoren in Interviews ab oder reist umher. Wichtig: immer irgendeine Form von Kamera dabei zu haben! Momente für Erinnerungen zu konservieren, ist ihr das Wichtigste.

4 Comments

  • Es ist nicht leicht in die Welt der gehörlosen zu kommen. Ist man aber akzeptiert dann hat man das Gefühl einer von ihnen zu sein. Wir haben beide unseren nutzen ich lerne von ihnen und sie lernen von mir. Bin selber Mitglied in zwei gehörlosen vereinen. Und möchte sie auch nie missen wollen. Ihr Leben ist nicht einfach in Deutschland . Es könnte vieles besser sein ,wenn man nur wollte. Ganz einfach Gedanken und Interessen los……… ja gut ich rufe sie dann an?!….

  • Ein richtig schönes Interview, welches einen tiefen Einblick in Betty’s Welt bietet. Ich selber habe sie ja kennen gelernt und ich hatte selten so eine interessante Unterhaltung! Danke für deine Offenheit!

  • Danke.
    Dieser Einblick ist kostbar und so liebevoll. Man kann sich einfühlen und mitfühlen.
    Deshalb Danke für die Offenheit.
    Ich habe im Studium Gebärdensprache belegt, weis aber nichts mehr davon.
    Es kommt auf meine Liste da wieder dran zu gehen..

    Alles Liebe Evelyn

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