Auf Wolke Sieben vorübergehend nicht erreichbar.

Ich telefoniere nicht gerne. Ich telefoniere nicht einmal mehr mit meinen Eltern. Eher mit meiner Schwester, aber das auch selten genug. Alles, was ich mit meinem Handy wirklich mache, ist eigentlich Bilder gucken und posten auf Instagram, Stories auf Jodel lesen und bei Facebook checken, ob ich irgendwem zum Geburtstag gratulieren muss.

Ich halte meine Liebsten per WhatsApp auf dem Laufenden – wie es mir geht, was ich so mache, wie das Wetter ist. Auch lässt sich per WhatsApp leichter Kontakt zu Menschen herstellen, die mich über meine Familie und Freunde hinaus noch interessieren. Ich rede natürlich von Männern.

Ich habe ein kleines Reservoir an Handynummern von Männern, für die ich mich begeistere – oder begeistert habe. Gelöscht habe ich in den seltensten Fällen eine Nummer, selbst wenn die Gefühle für die meisten Menschen hinter diesen Nummern schon längst wieder erloschen sind. Man weiß ja nie.

Mein kleines Stück Hoffnung wächst sich sofort aus zu einem riesigen Wolkenschloss – unweit der berühmten Nummer Sieben.

Gefällt mir jemand und ich habe das Glück, seine Nummer bekommen zu haben, ist es beinahe unmöglich für mich, entspannt mit diesem kleinen Stückchen Hoffnung umzugehen. Es wächst sich sofort aus zu einem riesigen Wolkenschloss – unweit der berühmten Nummer Sieben.

Wenn ich mich dann mal traue ihn zu kontaktieren – ganz entgegen den Konventionen, die für Frauen beim Dating so als schicklich gelten (auch heute noch) – oder klassischer: tut er es und ertönt das »Ping« meines Smartphones dann von ganz selbst, ist das Warten auf die nächste Nachricht immer wie eine kleine Folter für mich. Ich bin dann wie ein Junkie, der auf den Dealer mit dem neuen Stoff wartet. Der Dealer ist in dem Fall mein Mobiltelefon.

Je nach Länge dieser zeitlichen Abschnitte bis zum nächsten »Ping«, zum nächsten Kick, dem nächsten Glücksgefühl wird es dann auch kritisch mit meiner Laune. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren – auf was auch immer – und versuche mein Handy mit der Kraft meiner Gedanken erneut dazu zu bringen, wieder dieses »Ping« erklingen zu lassen. Das gelingt mir eher selten – und selbst dann nur in Ausnahmefällen.

Heitere Gelassenheit kenne ich dann nicht mehr. Leider nein, leider gar nicht. Wenn ich bald – noch weit entfernt vom eigentlich kritischen Alter – an einem Herzinfarkt sterben sollte: Dieser »Ping«-Ton wird schuldig daran sein. Gerade dadurch, dass er eben nicht erklingt.

Natürlich könnte man auch einfach anrufen, aber das geht ja nicht. Das ist den meisten schon zu intim, zu persönlich.

Natürlich könnte man auch einfach anrufen, aber das geht ja nicht. Das ist den meisten schon zu intim, zu persönlich. Und ich bin die Letzte, die andere Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Kommunikation belästigen würde. Nein, ich lasse mich lieber den halben, den ganzen – manchmal auch mehrere Tage – von meinem beharrlich schweigenden Smartphone terrorisieren.

Ganz so, wie es von Frauen verlangt wird, dem Klischee entsprechend: Ich sitze passiv herum. Ich bin die Wartende. Kein Problem, ich hab ja Zeit. Nur fange ich damit dann selten etwas an.

Die einzige Möglichkeit, mir ein kleines Bisschen Ruhe für mein Herz und meinen ständig sich drehenden Kopf in solchen anfänglichen und zögerlichen Phasen der Annäherung an das Wunschobjekt zu verschaffen, ist der Flugmodus. Der Flugmodus ist wie eine Auszeit. Man ist im Flugmodus nicht erreichbar, weder für Anrufe noch für Nachrichten.

Wenn der Flugmodus an ist, kann ich mich ein bisschen entspannen. Natürlich halte ich auch das in den seltensten Fällen länger als ein paar Minuten durch, aber diese sind dann wie eine kleine therapeutische Maßnahme gegen mein (Sehn)Sucht -Verhalten.

Das Ganze funktioniert ein bisschen nach dem Prinzip von »Schroedingers Katze«: Wenn ich in dieser Zeit keine Nachrichten erhalte, liegt es nicht daran, dass er nicht geschrieben hat, sondern daran, dass ich eben in diesen klitzekleinen und doch ewig langen Momenten, Sekunden, Minuten – die sich trotzdem jedes Mal anfühlen wie Stunden – einfach nicht erreichbar bin. Für niemanden.

Und dann gibt mein Kopf zumindest an der »Er mag mich, er mag mich nicht«-Front ein bisschen Ruhe.

Und dann gibt mein Kopf zumindest an der »Er mag mich, er mag mich nicht«-Front ein bisschen Ruhe. Das Problem dabei ist aber, dass ich grundsätzlich gerne erreichbar und noch dazu keine große Taktikerin bin. Ich signalisiere gerne Bereitschaft durch Verfügbarkeit.

Meine Freundin Alina zieht die Nummer mit dem Flugmodus teilweise stundenlang durch – ohne Probleme. Wenn der Kerl sich ewig nicht meldet, bitte, dann steht sie eben einfach nicht zur Verfügung, wenn er es dann doch tut. Ich bewundere diese Gelassenheit sehr. Hinzu kommt, dass sie sich dann auch einfach andere Dinge vornimmt. Das schaffe ich nicht.

Bei mir ist das Beschäftigt-Sein in solchen Fällen auch mehr ein Minuten-Zählen, wie lange ich noch so tun muss, als wäre ich beschäftigt. Auch deswegen klappt das halt nie besonders lange.

Ich bin noch nicht lange Single – nicht besonders lange zumindest – aber jedes Mal, wenn ich mich dann doch wieder auf das »Wer sich zuerst meldet, hat verloren«-Spiel eingelassen habe, werde ich zum 16-jährigen Mädchen – mit Ende 20. Am Anfang hatte ich wirklich das Gefühl, dass alles, was ein Mann braucht, damit ich mich für ihn interessiere, möglicherweise einfach nur ein Puls ist.

Mittlerweile bin ich zwar wählerischer geworden, aber leider kein bisschen weniger abhängig. Wenn es um den Konsum geht, hau ich jedes Mal richtig rein.

Mittlerweile sind meine Ansprüche zwar ein wenig höher und ich wählerischer geworden, aber leider kein bisschen weniger abhängig. Die Suchtmittel werden differenzierter ausgesucht, aber wenn es dann um den Konsum geht, hau ich jedes Mal so richtig rein. Und immer, wenn ich das Spiel dann – na logo! – wieder verliere, weil ich mich natürlich IMMER und sofort melde, ärgere ich mich aufs Neue und denke »Fuck, ich will nicht, dass auch er ein Fall für den Flugmodus ist«.

Ich weiß nicht, ob es überhaupt Männer gibt, die den Flugmodus bei mir unnötig machen. Aber ich wette, wenn es sie gibt, dann habe ich das Spiel exakt dann für mich perfektioniert, wenn ich es eigentlich nicht mehr brauche. Wie beim Volleyball-Spielen im Schulsport.

Kiki D.: Wie eine jede Frau in den späten 20er Jahren versucht Kiki D. ihren eigenen Weg durch den Dating-Dschungel der Großstadt zu finden. Manchmal mit ganz viel Glitzer und Champagner, aber manchmal auch mit Straßenstaub und Dosenbier. Meistens ohne Plan, aber es klappt doch immer, irgendwie. Und wenn man Single ist, erlebt man oft sehr unfreiwillig sehr komische Sachen. Hier berichtet sie davon.

HeaderfotoElizeu Dias via Unsplash.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

2 Comments

  • Oh meine Liebe wie sehr ich mich in deinem Text wiedererkenne! JAHRELANG habe ich diese Spiele gespielt und im Endeffekt bringt es null weil die Typen das Spiel ja auch kennen und gerne auf die Spitze treiben. Macht nur unglücklich auf Dauer und funktioniert nur wenn dir der Typ komplett egal ist und was bringt es dann eigentlich? Ich hatte das Glück im Herbst 2010 eine wunderbare Frau kennenzulernen die von Anfang an nie Spielchen gespielt hat immer erreichbar war und immer geantwortet hat und das war einer der Gründe warum ich mich in sie verliebt habe und es heute mehr denn je bin. Sei einfach du und ruf doch einfach an – der richtige Typ wird’s gut finden u alle anderen sollen weiter Spielchen spielen und sich toll fühlen weil sie nicht zurückschreiben 😉

  • Liebe Kiki, meine Freundinnen und ich haben uns kürzlich auch immer wieder die Frage gestellt, was Männer eig wollen? Alle reden sie davon, dass Frauen kompliziert seien blablablala. Hat Frau aber hingegen den Mut ohne Tamtam straight geradeaus sich auf den Kerl einzulassen, passiert folgendes: Nichts. Absolut gar nichts. Selbst um einen Korb zu erteilen sind sie sich zu schade.
    Und dann stelle ich mir die Frage, wer ist denn hier wohl der kompliziertere Part?

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