Aprilmomente

Es ist April. Der erste warme Tag. Pistazieneis vor der Flora, aus einem VW-Bus verkaufen Lockenköpfe in buntgemusterten Hemden frisch gebrühten Kaffee. Das Licht, dieses goldfarbene Frühlingslicht, wenn man schon fast vergessen hat, wie sich Sonne auf der Haut anfühlt. Den Schal heruntergezogen, die Nase zum Himmel gestreckt, um so viel wie möglich von diesem zarten Sommerversprechen einzufangen. Das Licht malt orangene Muster an die Rückseite der Augenlider, der Projektor im Freilichtkopfkino zeigt heute Sonnengrüße mit Happy End.

Es fällt so leicht, die Schönheit von Alltäglichem zu verkennen. Darum lieben wir die ersten warmen Frühlingstage. Wenn alle, überrascht und überrumpelt von der Sonne und der Wärme, kurz innehalten. Kurz an all die wundervollen Späti-Abende im letzten August denken. An Festivals und sonnenwarmen Asphalt. An barfuß laufen und den Geruch von Sonnencreme, Unternehmungslust und ohne Jacke vorm Club rumstehen. Im Hinterkopf verstaute Polaroids der letzten Sommer, Momente wie aus Bosse-Songs. Im Stadtpark dösen und nie wieder aufstehen wollen. Die besten Menschen um sich haben. Wegbier, bei dem einem nicht die Finger abfrieren. Es fällt leicht das zu genießen, aber selten – aber nie – ist man so Hals über Kopf verliebt wie in den ersten warmen Frühlingstag. In einen Moment, der aus dem Unerwarteten heraustritt. Kontraste sind leichter zu erkennen, vielleicht auch leichter wertzuschätzen.

Darum bin ich immer noch überrascht, wenn du mir ins Ohr flüsterst, dass du dich freust, mich zu sehen. Überrascht, wie damals beim Kuss an den Bahnschienen. Und vielleicht sind wir im Sommer nicht mehr berauscht von Vitamin D und Grillduft auf dem Balkon. Vielleicht findest du es dann zu heiß und ich bin verschwitzt oder geblendet vom Licht. Vielleicht schmerzt unser Sonnenbrand oder es regnet nur, obwohl wir uns so viele Nachmittage am Elbstrand erträumt hatten. Aber das ist egal. Das ist okay. Denn jetzt grade, jetzt scheint die Sonne, wenn du lachst. Jetzt grade fühle sich alles wertgeschätzt und genossen und lichtdurchflutet an. Und du machst mir Rührei in deiner Winzküche und ich erzähle von Orten, die ich sehen möchte und erträume mir insgeheim Straßen, über die wir in dem klapprigen Volvo fahren könnten. Serpentinen hinauf, auf schlaglochdurchschlagenen Wegen, immer weiter in die Berge, um von oben aufs Meer zu schauen und die Sonne im Gesicht zu spüren. So wie jetzt. Es ist April, ein warmer Tag.

Kesse kommt aus Hamburg und versucht grade herauszufinden, wie lange man an einem Ort glücklich sein kann, bevor man etwas anderes um sich haben muss. 

 

 

 

Headerfoto: JUSTIN HENRY JERNIGAN via Creative Commons Lizenz 2.0!

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