Angst in Zeiten der Liebe

Man sagt, dass Verliebtheit das schönste Gefühl auf der Welt ist. Man sagt, dass Verliebte glücklich sind. Und man sagt, dass wir alle danach suchen, nach ihr, dieser Verliebtheit. Auch ich habe es lange getan. Habe wie eine Verrückte jede Gelegenheit am Schopfe gepackt, die nach ein bisschen Liebe aussah, bis mir im Laufe der Jahre immer klarer wurde: Für mich bedeutet Verliebtheit hauptsächlich Angst.

Wie oft sagen meine Freundinnen mir, ich solle es locker angehen, einfach abwarten und entspannt bleiben, schauen was kommt. Wenn er sich ein paar Tage nicht meldet, dann braucht er halt noch Zeit. Das sei ok, so meinen sie. Doch könnten sie mich nur annähernd verstehen, nur ein bisschen erahnen, was in mir vorgeht, dann würden sie genauso über diese Ratschläge lachen wie ich. Sonst so stark und erfolgreich in meinem Leben, bin ich was die Liebe angeht ein Krüppel. Zu oft habe ich es probiert, zu oft bin ich gescheitert. Denn dann, wenn andere Schmetterlinge im Bauch haben, sind es bei mir Bienen, die zunächst zwar nur wild umher fliegen, doch alsbald beginnen zu stechen, erst eine, dann zwei, bis plötzlich der ganze Schwarm zuschlägt. Könnt ihr euch das vorstellen? Hunderte von Bienen, die auf euer Inneres einstechen? Der Schmerz muss unerträglich sein, begleitet von Todesangst. Und genau das empfinde ich, wenn ich mich verliebe.

Rational kann ich es nicht erklären. Als erwachsener Mensch weiß ich, dass ein Mann, der mich plötzlich nicht mehr will, der mich verlassen könnte, oder es tatsächlich tut, nicht das Ende der Welt bedeutet. Erlebt habe ich diese Situation schon des Öfteren und überstanden habe ich sie meist ziemlich schnell. Ich weiß, dass ich ohne Freund bestens zurechtkomme, dass ich mehr als gut alleine sein kann. Doch trotzdem sitzt sie so tief, diese Angst davor, abermals verletzt zu werden. Und dieses Gefühl kann ich nicht abschalten, so sehr ich es auch versuche. Wenn ich einen Mann kennenlerne, der mein Interesse weckt, dann holt sie mich schnell ein, die wohlbekannte Angst. Erst ist sie noch gepaart mit Aufregung und einem Hauch Abenteuerlust.

Doch schon nach Wochen, manchmal bereits nach Tagen, schlägt die Angst in Panik um. Und mit Panik meine ich Panik. Bei der Vorstellung, dass es nun ernst werden könnte, wir uns regemäßig sehen, er mich mag und ich ihn, bekomme ich einen schweren Kloß im Hals, mir wird schwindelig, ich kann nicht mehr atmen und würde mich am liebsten übergeben. Ich laufe durch den Raum, wie ein Tiger im Käfig und zermartere mir das Hirn darüber, wie ich aus dieser bedrohlichen Situation wieder rauskomme.

Jetzt mag er mich, aber was wird morgen sein? Was ist, wenn er eine bessere Frau kennenlernt? Oder sich tagelang nicht meldet? Wie soll ich noch unbeschwert reisen, wenn er nicht mit mir kommt? Kann ich allein ihm wirklich genügen? Werden wir uns in ein paar Monaten miteinander langweilen? Was will er überhaupt von mir? Kann es sein, dass er nur Sex will und dann bald verschwindet? Wie viele Exfreundinnen hat er eigentlich und was ist, wenn er die noch liebt? Tausend Fragen und Sorgen bilden ein enges Knäuel in meinem Kopf, das keinen Raum für anderes lässt. Ich bin gedanklich nicht mehr frei, eine Gefangene meiner Gefühle.

Natürlich kenne ich sie auch, diese Tage auf Wolke Sieben, an denen alles rosarot scheint, ich IHN angucke und die Welt umarmen könnte. Doch auf rosarot folgt zumeist kohlrabenschwarz, in einem Verhältnis von etwa 1:4. Wenn er geht, sich die Tür hinter ihm schließt, nachdem er das Versprechen da gelassen hat, sich am Abend zu melden, dann fühlt es sich trotzdem an, als ginge er für immer. Der einzige Trost in diesem Moment sind Zigaretten. Zigaretten, die ich sonst nur so selten brauche. Doch wenn die Liebe im Anmarsch ist, sind sie meine besten Freunde. Ketterauchend sitze ich auf dem Balkon, bis zum Abend, denke darüber nach, was ich machen kann, damit er verschwindet. Während ich gleichzeitig doch so ehr will, dass er bleibt. Doch das wird er nicht, denn ich werde ihn so oft meine Zweifel spüren lassen, bis auch er sie verinnerlicht hat.

Die starke Frau kann ganz schön schwach sein und damit hatte er nicht gerechnet.

Headerfoto: Lulu Lovering via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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6 Comments

  • Liebe Katharina,

    konnte mich in jedem Satz wiederfinden; vom Türe hinter sich zuziehen bis zu den Zigaretten!
    Ich denke manchmal dass es nicht daran liegt dass man keine „starke“ Frau ist, denn selbstbewusst bin ich auch. Sondern eher an fehlendem SelbstWERTgefühl. Am Anfang jeder Beziehung habe ich mir selbst auch immer gut gefallen, bis ich dachte, dass Bild von mir bröckelt immer mehr, weil ich mir eben so viele Gedanken gemacht habe und diese auch manchmal äußerte – dachte das hat es jetzt noch schlimmer gemacht und so war ich plötzlich in einem Teufelskreis drin.

    Das Buch das hier empfohlen wird werd ich mir aber auch mal ansehen:-)
    Gruß,
    Ellen

  • Ein wirklich toller Text, der mir auch so sehr aus der Seele spricht! Mich würde auch mal interessieren ob es hier Frauen gint, die dieses „Problem“ irgendwie überwinden konnten? 🤔… Denn sind mir mal ehrlich: ein einfaches: „bleib locker und schalte den Kopf aus“ bringt doch rein gar nichts. Also zumindest bei mir ☺️

  • Unglaublich treffend ausgedrückt, was auch ich bei der Verliebtheit denke und fühle. Respekt für deine Ehrlichkeit und ich hoffe, dass wir und alle anderen die so fühlen, diese Gefühle bei der richtigen Person irgendwann ablegen können.

  • Kann jedem, der so empfindet, das Buch „wenn Frauen zu sehr lieben – die heimliche Sucht, gebraucht zu werden“ wärmstens empfehlen!!
    Trotz jahrelanger Therapie, waren die meisten Ärzte bei dem Thema recht ratlos und dieses Buch verhalf mit zu derart vielen „aha-Effekten“, dass ich es euch wirklich ans Herz legen kann 🙂

    Be strong 🙂

    • Liebe Anna, das Buch habe ich sogar witzigerweise schon gelesen, vor 8 Jahren. Fand ich auch super interessant und viele Aha-Effekte hatte ich auch. Geändert hat sich in meinem Empfinden leider nicht geändert. Hat es bei dir auch „praktisch“ etwas verändert? Ich bin übrigens die Autorin des Artikels. Lg, Katharina

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