Anekdote vom Sein

Erwachsen sein – unabhängig sein – cool sein – frei sein – man selbst sein – gesund sein – immer up to date sein – online sein – auf“m Sprung sein – flexibel sein – bloß nicht spießig sein – sein eigener Chef sein – gut befreundet sein – Single sein – arbeitslos sein – auf der Suche sein – im Hier und Jetzt sein – in top Form sein – in Berlin sein – glücklich sein…?

Mittlerweile bin ich 30 (MINUS), wohne in meinem schicken Zwei-Zimmer-Reich in Berlin-Mitte. Das Interieur habe ich mühsam an Flohmarktsonntagen erstanden, mir das Schmuckstück von Eames zum runden Geburtstag schenken lassen.
Passt tipptopp an meinen selbst gebauten Schreibtisch, bestehend aus weiß lackierter Pressspanplatte mit billo IKEA-Tischbeinen. Auch bin ich stolz auf meine Regalkonstruktion aus alten Weinkisten an der Küchenwand. Jetzt hängen die Kisten in jeder anderen Wohnung auch.

Meine Klamotten sortiere ich regelmäßig aus, sonst würden die zwei Kleiderstangen unter dem Gewicht schneller zusammenbrechen als Opi nach seinem Treppenaufstieg zu mir in den 6. Stock. Meist schieße ich mir unifarbene Basic-Teile im H&M, den Rest entdecke ich zufällig bei Asos, ebay oder Kleiderkreisel.

Diesen Text verfasse ich selbstverständlich auf meinem MacBook Pro (nicht im Oberholz, aber in einem anderen der angesagten Top-Ten Cafés der Stadt), besitze ein Künstlerprofil auf Facebook, Twitter und Soundcloud, probiere mich ständig nicht beständig aus. Das nächste Projekt „Blog schreiben“ schwirrt wirr in meinem Kopf umher. Könnte man ja mal versuchen.

Ich habe eine Ausbildung zur Marketingkauffrau, sowie einen Abschluss als Lehrerin an der Universität gemacht. Ich war weltweit unterwegs auf Reisen (ein bis drei Mal im Jahr), habe schon etliche Party-Nächte durchgetanzt (Euronen dabei versoffen) und sonnige Tage verschlafen.

Ich lebe in der tollsten und aufregendsten Stadt (in Deutschland) und pflege ein solides Netzwerk liebster Mitmenschen zum Abhängen und Essengehen. Ich kenne Partypeople, die immer den Label-Chef über Ecken kennen und Gästeliste checken können, und treffe auf der Straße zweckmäßig gehaltene Bekanntschaften, weil man ja nie weiß…(Vitamin B) und last but not least verbringe ich dann und wann auch Zeit mit der Facebook-Gemeinde (kontinuierlich von morgens bis abends).

Letztes Jahr begann ich mein Referendariat auf Lehramt. Nach drei Monaten warf ich das Handtuch, weil ich mich nicht mit dem System und der Rolle identifizieren konnte. Mit dem Strom schwimmen war ganz schön anstrengend. Zudem suchte ich mir einen Freund (die Sorte besonders schwerer Fall), der ursprünglich keine Beziehung wollte. Zusammenziehen und Kinderkriegen … kein Vokabular in seinem Wortschatz, geschweige denn, dass Heiraten in sein freiheitsliebendes und unabhängiges Lebenskonzept reinpasst. Nach einem halben Jahr Rummachen, ein weiteres Jahr Hin und Her, vor sieben Wochen dann schließlich Einsicht und die absolute Lossagung vom Playmobil-Konstrukt.

Das ist alles, was ich habe und nicht habe. Ich fühle mich weder besonders schlecht, noch naiv jugendlich. Was sagt mir das alles über mein SEIN? Warum schnüre ich mir gerade dieses Paket vom Leben? Ich besitze schöne Dinge, kenne viele Menschen, auf Instagram kann jeder an meinen exzessiven Erlebnissen teilhaben. Ich sammele Berufsabschlüsse und gehe Beziehungen ein, die in Zukunft nicht bestehen werden. Die Sache mit der Sicherheit scheint immer unsicherer zu werden. Sehne ich mich vermeintlich nach Freiheit und Unabhängigkeit, die das Erwachsensein bedingen und stelle mir dabei selbst ein Bein? Irgendwie fehlt eine wichtige Essenz, das berühmte i-Tüpfelchen oder das Puzzleteil, welches mir ein Gesamtbild meines originalen Selbst mit Ausrufe- statt Fragezeichen im Spiegel präsentiert. Irgendwie klingt das alles ganz schön abgedroschen und peinlich oberflächlich, aber es hat auch was. Ernst biedere Zeiten im schnieken Kostümchen und das Einschleichen einer selbstvergessenen Monotonie sind erst mal nicht im Programm vorgesehen.

Tja und jetzt…?

Ach, ich stehe morgen einfach wieder gegen 9 Uhr auf, mache mir meinen Bialetti-Espresso, setze mich auf meinen Designerstuhl, klappe das MacBook auf und schaue, was das Leben so hergibt. Vielleicht gehe ich zur Abwechslung mal wieder joggen.

Erwachsen sein – unabhängig sein – cool sein – frei sein – man selbst sein – gesund sein – immer up to date sein – online sein – aufm Sprung sein – flexibel sein – bloß nicht spießig sein – sein eigener Chef sein – gut befreundet sein – Single sein – arbeitslos sein – auf der Suche sein – im Hier und Jetzt sein – in top Form sein – in Berlin sein – glücklich sein … HAUPTSACHE SEIN!

 Sandy ist halb deutsch und halb Philippina. Dieser genetische Cocktail bekam ihr meistens ganz schön gut. Sie kommt vom Land, fühlt sich aber in Berlin zu Hause. Sie liebt laute Musik und den Partyrausch, legt sogar selbst auf. Sie ist ein Sommer- und Frühlingskind mit definitivem Hang zum Winter. Sie liebt ihre Freunde über alles und verbringt ganz viel Zeit mit ihnen, auch wenn es manchmal so scheint, als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders…nämlich beim nächsten Projekt, über das alle wieder sagen werden: Bei Sandy, hach, da ist immer was los!

Headerfoto:  Sankt Oberholz via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Sandy

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