Am anderen Ende

Es ist drei Monate her, dass ich dich zum ersten Mal gesehen hab. Buchmesse – eine Veranstaltung voller durchgeknallter Obernerds. Und es war wundervoll. Ich hatte die Suche gerade aufgegeben. Und dann saßt du da, verkleidet als der zehnte Doktor, und hast mich angeblinzelt. Und ich, ich habe mitgemacht.

Es war dumm von mir, zu glauben, dass du aus meiner Heimatstadt wärst, es war Buchmesse, da sind 95% der Bevölkerung auf einmal nicht „von hier“. Aber als ich mitkriegte, dass du es auch nicht bist, war es schon zu spät. Genauso, als wir festgestellt haben, dass wir irgendwie beide nicht so alt sind, wie wir aussehen. Alles zu spät. Liebe auf den ersten Blick.

Ist es nicht schön, wenn alle Zufälle der Welt einem so in die Hände spielen? Liebe auf den ersten Blick, Kribbeln im Bauch, Dinge, die normalerweise nie so gekommen wären, wenn nicht irgendeine höhere Macht offensichtlich gewollt hätte, dass sie verdammt nochmal so kommen? Und ich dachte, dass es deshalb doch nur einfach werden kann.

Es war so schön, mit dir alles zu überstürzen, lauter Dummheiten für dich zu begehen, die Schule zu schwänzen und zu dir zu fahren, ganz spontan. Nach nur 3 Tagen schon das erste „Ich liebe dich“ auszusprechen. Sofort bereit zu sein, zu dir zu ziehen, in ein anderes Bundesland am anderen Ende von Deutschland, in das man eigentlich nie wollte und das man eigentlich auch gar nicht mag.

Es war so schön, mit dir die ersten Streits zu durchleben und festzustellen, dass es irgendwie anders ist, weil man nicht sofort das Bedürfnis hat, wegzurennen und alles abzubrechen, wenn es mal holprig wird. Es war so schön, in guten und in schlechten Tagen immer zu wissen, dass da am anderen Ende von Deutschland jemand hockt, der einen liebt und für einen da ist. Es war schön, egal ob wir zusammen nach Hamburg gefahren sind oder einfach mit deinen Katzen auf der Couch gehockt und uns beim Super Mario Kart zocken gegenseitig angemotzt haben.

Bis die Realität uns einholte. Die Realität, dass eine Fernbeziehung nicht funktioniert und die Realität, dass ich nicht bereit bin, für dich in ein Bundesland zu ziehen, das ich nicht leiden kann. Dass du nicht bereit bist, dort deinen Job und deine Familie aufzugeben, denn egal wer von uns beiden nachgegeben hätte, er wäre unglücklich geworden, und der andere vor schlechtem Gewissen gleich mit.

Es ist so einfach zu sagen, dass wahre Liebe alles übersteht. Es wäre so schön, wenn es wahr wäre. Aber manchmal, manchmal ist wahre Liebe einfach nicht genug. Wir haben ohne Zweifel besser zusammengepasst als irgendwer sonst auf dieser Welt. Und ohne jeden Zweifel haben wir uns geliebt wie sonst niemanden bisher in unser beider Leben. Und trotzdem gibt es für manche Probleme keine Lösung.

Es gibt nichts schwereres, als jemanden loszulassen, mit dem es eigentlich kein Problem gibt. Ich hasse es. Ich hasse es, wie wir dagesessen haben, beide menschliche Wasserfälle, beide kaum noch fähig zu atmen, beide zitternd und bebend und nicht in der Lage, einander zu erlösen, ohne uns dabei selbst in einen Berg aus rasiermesserscharfen Glasscherben zu werfen. Ich hasse es, dass ich dir beim Telefonieren eine SMS geschickt habe mit der Bitte, du mögest es doch endlich tun, weil ich nicht mehr könne. Ich hasse es, wie du mir immer wieder unter Tränen gesagt hast, wie sehr du mich liebst, das ehrlichste „Ich liebe dich“, das ich je gehört habe, und ich es einfach nicht erwidern konnte, obwohl ich es doch fühle, weil es nur noch mehr wehgetan hätte. Ich hasse all den Galgenhumor, der mir in diesen zwei Stunden des Herumtänzelns durch den Kopf schoss, diese Kurzschlussreaktion meines Kopfes, um mich vor dem Gröbsten zu bewahren. Ich hasse, dass ich nach den letzten erlösenden Worten unter meiner Decke lag, einen stummen Schrei auf den Lippen. Ich hasse, dass wir uns so wehtun. Ich hasse, dass die schönste Liebesgeschichte meines Lebens nicht mit „Und sie lebten glücklich bis ans Ende aller Tage“ endet.

Diese höhere Macht, die uns zueinander geführt hat, hat einen verdammt beschissenen Humor. Liebe kann vieles, doch manchmal ist Liebe nicht genug, denn die Umstände sind definitiv nicht auf unserer Seite.

Good Night, Raggedy Man.

Lisa Demonhead ist Wahlberlinerin, obwohl sie noch lange nicht dort wohnt, und in ihrem Kopf schon lange verheiratet mit Haus und zwei Kindern. In ihrem Kopf. Im realen Leben will das nicht so ganz hinhauen. Irgendwie ist der Wurm drin, irgendwie ist sie vielleicht emotional totalgestört, aber irgendwie ist sie zu optimistisch zum aufgeben. Und irgendwie hat sie nicht mal einen eigenen Blog (dafür aber eine Facebook Page und eine Comic-Seite) und mag hier irgendwie trotzdem ihren Senf dazugeben. Aber mit Blogeinträgen ist es ja wie mit Wasser: Es gibt verflucht viel davon, aber genug ist es trotzdem nicht.

Headerfoto: E. via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Lisa

6 Comments

  • naja, der text war so lala. hab mir auch deine „mangas?“ und videos mal angeschaut. wenn man nichts so richtig kann, probiert man alles durch, oder?

  • warum gibt man denn freunde und familie auf, bloß weil man in ein anderes bundesland zieht?
    warum hasst man denn ein anderes bundesland?
    warum muss man dort eigentlich unglücklich werden und der andere ein schlechtes gewissen bekommen?
    es gibt doch für alles eine lösung und man muss wollen, stark und bescheiden sein.
    verlieben und lieben ist so kostbar.

  • Ich konnte es einfach nicht lesen, ohne tief zu schluchzen, ein Tränchen zu verdrücken und einen Kommentar zu hinterlassen. Hat man das einmal gespürt, glaubt man kaum noch daran, dass einem so etwas Wundervolles noch einmal passieren könnte. Zumal man diesen Menschen nie ganz aus seinem Herzen bekommt. Ich drücke uns die Daumen, dass wir zweimal im Leben ein solches Glück erfahren dürfen und ansonsten sollten wir glücklich sein, dass wir überhaupt zu solchen Gefühlen fähig waren.

    • Ich fühle so sehr mit. Das versteht man nur, wenn man selbst so fühlen durfte. Aber kein Happy End. Nur ein Ende. Und ein Mensch, den man tatsächlich immer im Herzen trägt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .