Alleinsein oder Beziehung? Ich kann mich nicht entscheiden

Es verändert sich so viel im Leben, innerhalb kürzester Zeit. Vor einem guten Jahr hatte ich keinen anderen Wunsch, als einen Partner zu finden. Einen Partner, der mit mir durch Dick und Dünn geht, dem ich alles erzählen und mit dem ich ein glückliches und ehrliches Beisammensein führen kann. Das habe ich alles. Eigentlich. Eigentlich – dieses kleine, doofe Wörtchen. Man merkt sofort, dass eigentlich nicht alles gut und schön ist.

Bist du glücklich? – Eigentlich schon.
Liebst du mich? – Eigentlich ja.

Und es ist nicht unehrlich, wenn ich dir eigentlich sage. Ich lüge auch nicht, wenn ich sage, dass ich nicht weiß, was dieses eigentlich auslöst.

Nun habe ich mein Alleinsein vollends aufgegeben. Ich habe nicht mal mehr meine Wohnung. Ich muss alles teilen.

Es ist die Veränderung, die mich zum Nachdenken bringt. Denn auch wenn ich nie allein sein wollte. Ich konnte es. Ich hatte ein Leben und Vergnügen. Nun habe ich mein Alleinsein aber vollends aufgegeben. Ich habe nicht mal mehr meine Wohnung. Ich muss alles teilen. Und vor einem Jahr wollte ich auch alles mit dir teilen. Ich wollte ein unser.

Doch jetzt nach einem Jahr will ich meins wieder zurück. Es klingt so egoistisch – als wäre ich ein kleines, stures Einzelkind. Keine Sorge, ich habe zwei Brüder und Teilen war nie ein Problem, aber dieses Teilen schränkt meine gesamte Freiheit ein. Ich gebe Teile von mir selbst auf und dann frage ich mich, ob wir zu glücklich waren, dass das alles nur für einen Zeitraum anhalten konnte und ich deswegen wieder zu mir zurück will. Ich frage mich, ob es der Alltag ist, der mich langweilt.

Du hast mich glücklicher gemacht als alle anderen zuvor. Du bist meine erste wirklich große Liebe. Ich weiß, du bist es wert.

Früher war es so, dass ich nie mit einem Typen zufrieden war, weil ich immer dachte: „Da geht noch mehr. Der ist nicht gut und klug genug, um mit ihm den Rest meines Lebens zu verbringen.“ Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Das beschreibt jedoch nicht meine aktuelle Lage. Denn du hast mich glücklicher gemacht als alle anderen zuvor. Du bist meine erste wirklich große Liebe. Ich weiß, du bist es wert und der beste Mensch der Welt.

Du liebst mich von ganzem Herzen und akzeptierst mich, so wie ich bin. Du nimmst mich mit allen meinen Fehler. Ich kann auch nicht sagen, dass ich dich nicht liebe. Ich habe dich gern und habe auch Angst, dass du nicht mehr an meiner Seite sein könntest. Aber ich vermisse auch mich.

Oft habe ich gar keine Motivation mehr. Es gibt Tage, da weiß ich nicht, was ich machen will. Ich habe keine Lust zu nichts und doch bin ich damit unzufrieden, nichts zu tun. Ich lege mich dann oft schlafen. Denn ich bin müde. Müde wegen all den stressigen Gesprächen, die eine Beziehung zusammen halten.

Dann schau ich uns an und denke, wie zufrieden du doch bist. Und ich bin so gelangweilt und müde.

Dann schau ich uns an und denke, wie zufrieden du doch bist, wenn du zockst. Und ich bin so gelangweilt und müde. Doch du merkst auch meine Gemütszustände nicht. Ich weiß nicht, ob das was ändern würde und ob du sie beheben könntest. Doch ich weiß auch nicht, wie ich dieses Leben weiterführen will.

Meine Tante sagte vor Kurzem zu mir, wie stolz sie auf mich sei: „Du bist so jung und wusstest immer, was du wolltest. Du warst keine von den Nichten, die zu jedem Familientreffen einen anderen Freund mitgebracht hat. Auch im Beruf warst du stets zielstrebig und hast jetzt einen tollen Job und ein gutes Gehalt.“

Sie hat Recht. Das macht mich auch stolz. Aber es reicht mir nicht. Oft denke ich an John Stuart Mill: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“ Doch dann denke ich mir, wenn ich nach dieser Devise lebe, werde ich nicht glücklich und zufrieden. Denn diese beiden Adjektive hängen unmittelbar zusammen und sind untrennbar. Wie erreicht man sie? Ist das überhaupt möglich?

Habe ich mit Mitte zwanzig eine Midlife Crisis? Ich vermute eine psychische Störung und weiß nicht, wodurch sie ausgelöst wurde.

Habe ich mit Mitte zwanzig eine Midlife Crisis? Das vermute ich weniger. Ich vermute eine psychische Störung und weiß nicht, wodurch sie ausgelöst wurde. Ich hatte eine glückliche, unbeschwerte Kindheit. Die Pubertät war turbulent, was Jungsthemen anging, und doch habe ich nichts erlebt, was Schäden in meiner Psyche anrichten konnte.

Ich weiß einfach nicht, warum ich nicht bedingungslos über einen längeren Zeitraum lieben kann. Es ist sogar mein Wunsch, dass mir dieses Beziehungsleben gefällt. Es nervt mich und langweilt mich. Vielleicht war ich wirklich zu lange allein und jetzt holt es mich ein.

Ich werde mich nicht von dir trennen. Ich denke, diesen Schritt wirst du mir abnehmen, wenn ich weiterhin meine Unzufriedenheit an dir auslasse. Und doch überlege ich noch immer, wer ich sein will. Will ich wieder die Alte sein, die gerne alleine war? Oder doch der Beziehungsmensch, der sich selbst vermisst, aber nicht alleine sein wollte?

Anonym. Unsere Autorin möchte nicht erkannt werden. Dennoch hofft sie, dass der Text von anderen Frauen in Beziehungen gelesen wird, die dieselben Probleme haben.

Headerfoto: Timothy Paul Smith via Unsplash. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Written By
More from Gast

Wir zwei sind nicht Nichts, wir sind so viel mehr

Ein Raum voller Menschen. Ein Raum voller Menschen, aber ich sehe nur...
Read More

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.