Allein unter Singles

Sind Paare langweilig? Ich hatte in der Vergangenheit häufiger das Gefühl, dass zumindest Langzeit-Singles pauschal zu erwarten scheinen, dass Menschen in einer Beziehung schlagartig langweilig werden. Nicht, dass ich derartige Entwicklungen nicht auch schon beobachtet hätte. Aber ich als mittlerweile Langzeit-Nicht-Single möchte mich gegen diese Stereotypisierung doch gerne zur Wehr setzen!

Ich bin vor kurzem an einem Samstagabend mit Hendrik, einem Freund von mir, „auf Tour” gewesen. Hendrik hatte gerade mit frischem Liebeskummer zu kämpfen, sodass der Abend im Prinzip unter der stumpfen Überschrift Frustsaufen stand. Vorglühen, Kneipe und dann durch die Clubs. Ein richtiger Männerabend. Aufgrund des besagten Frustes kam ich vorsichtshalber nur mit kleinem Alkoholbestand zum Vorglühen. Hendrik sollte es mir später noch danken. Auch, wenn er sich nicht mehr daran erinnert, dass ich ihn morgens um 4 Uhr zum Taxi gebracht habe.

Zusammen mit einem dritten Kumpel konnte ich mich jedoch anfangs trotzdem nicht dagegen wehren, unter der Parole „Frauen sind scheiße” einen Shot nach dem anderen kippen zu müssen. Nur aufgrund meiner zurückhaltenden Vorarbeit war es mir möglich, die Rolle des Vernünftigen noch irgendwie halbwegs auf die Reihe zu kriegen. Hendrik hatte mittlerweile garantiert jeden Frust ertränkt und ließ die eine oder andere Frau auf wenig subtile Weise spüren, dass sie vielleicht doch nicht alle scheiße sind.

Während wir von der Theke aus offenbar sehr unterschiedlichen Motivationen heraus die tanzende Meute beobachteten, rief mir Hendrik freudestrahlend zu: „Christian, ich find’s echt geil, dass du mitgekommen bist!”

So sehr mich diese unterschwellige Liebeserklärung – welche er im Laufe des Abends (und des Alkohols!) vermehrt mit Wangenküsschen unterstrich – auch freute, so empfänglich war ich auch für den Subtext, den ich zu vernehmen glaubte. War es denn etwa überraschend, dass ich als Nicht-Single einfach mitkomme? Hendrik würde sicherlich nicht so weit gehen, mich einen Langweiler zu nennen. Trotzdem spiegelte diese Äußerung zumindest ansatzweise die anfangs erwähnte Grundhaltung wieder. Es war mir offenbar allein aufgrund meines Beziehungsstatus‘ schon hoch anzurechnen, dass ich es schaffte, mir ein Paar Schuhe und ein Hemd anzuziehen.

Zugegeben, auch meiner Freundin Nele blieb vor kurzem der Satz „Also seit du einen Freund hast, sieht man dich überhaupt nicht mehr in den Clubs” nicht erspart. Das mag stimmen, aber auch diese vorwurfsvolle Feststellung ist sinnbildlich für das besagte Denkmuster.

Während Hendrik sich im weiteren Verlauf des Abends alle Mühe gab, neben seinem Frust auch alle anderen Teile seines Hirns zu ertränken, kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die ihn offensichtlich ebenfalls kannte. Abgesehen von derselben Bekanntschaft schienen wir nichts gemeinsam zu haben. Dennoch war ihre Akribie, das Gespräch am Laufen zu halten, unverkennbar. Irgendwann fragte sie mich aus heiterem Himmel: „Du bist doch Single, oder?”

Die Art, wie sie diese Frage betonte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie sich sicher war, dass meine Antwort „Ja” lauten würde. Als ich zu ihrer Überraschung allerdings verneinte, erntete ich bloß ein erstauntes „Oh”. Die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich in der letzten halben Stunde nichts Gegenteiliges suggeriert hatte. Allerdings war ich offenbar von falschen Umständen ausgegangen. Es schien nämlich, dass nicht die Art und Weise, wie ich mit ihr sprach, meine Verfügbarkeit signalisiert hatte, sondern die Tatsache, dass ich überhaupt mit ihr sprach. Warum sollte sich ein Mann in glücklicher Beziehung auch an einem Samstagabend in einem Club mit einer anderen Frau unterhalten?

Unser Gespräch dauerte von da an keine fünf Minuten mehr. Mit einem freundlichen „Ich mach mich dann mal auf die Suche nach Single-Männern” verabschiedete sie sich in Richtung Tanzfläche. Auch wenn mir diese Äußerung in gewisser Weise das Gefühl gab, dass ich ihre Zeit verschwendet hatte, war mir zumindest ihre Ehrlichkeit sympathisch.

Abgesehen davon, dass ich an diesem Abend offenbar einer aussterbenden Spezies angehörte, machte diese Begegnung deutlich, weshalb die meisten Leute augenscheinlich hier waren. Dabei muss ich sagen, dass ich zu ungebundenen Zeiten in den Clubs eher seltener etwas bzw. jemanden gefunden habe, der etwas an meinem Beziehungsstatus hätte ändern können. Aber unabhängig davon, was genau sie nun suchten, war es ihnen anzusehen. Das Suchen. Und irgendwie war ich froh, das hinter mir zu haben.

Das klingt zugegebenermaßen ziemlich überheblich und ist wohl die häufigste Reaktion, die ein für langweilig befundener Nicht-Single einem Single dann entgegnet. Deshalb möchte ich mich dem auch nur bedingt anschließen. Ich käme nicht auf die Idee, mich für etwas Besseres zu halten, nur weil ich in festen Händen bin. Trotzdem ist es wohl verständlich, dass einer abfälligen Bemerkung meist auch eine abfällige Antwort folgt.

Sie bleibt allerdings oft auch eine leise Zustimmung, in seiner Beziehung tatsächlich gemütlicher geworden zu sein. Was ja nun auch um Gottes Willen nichts Negatives ist. Als Paar eröffnen sich einem schließlich an einem Samstagabend noch einige andere, ruhigere Optionen, während man als Single – vor allem als frisch Getrennter – am liebsten möglichst wenig ruhige Momente verleben möchte. Wenn ich mich da an meine letzte Solo-Phase erinnere, kann ich feststellen, dass ich über mehrere Monate ausnahmslos zweimal in der Woche auf Partys gewesen bin. Ein Pensum, das selbst als Single schwer aufrecht zu erhalten ist. Aber es ist eben das, was man zu diesem Zeitpunkt braucht. In einer Beziehung sind es dann andere Dinge.

Nichtsdestotrotz hatte ich mir irgendwann einmal geschworen – vollkommen egal, ob Single oder nicht – niemals langweilig zu werden. Ich hatte an Basti, einem ehemaligen Klassenkameraden, gesehen, wie man Gemütlichkeit auf die Spitze treibt. Kaum war dieser nämlich damals seiner großen Liebe begegnet, hatte er nur noch Zeit für sie. Ausnahmen dieser Regel waren nur Tage, an denen sie länger weg war. Gefühlt hatte ich damals in deren ersten Jahr kaum mehr als zehn Tage mit Basti verbracht. Sieben davon war seine Freundin auf einem anderen Kontinent. Ich hoffe, er wird es mir nachsehen, aber in gewisser Weise fungierte Basti damals als abschreckendes Beispiel für meine persönliche Entwicklung. Und tut es noch.

Zwar wird auch Hendrik deshalb nicht gleich erwarten können, dass mein Drang, nicht zum Stubenhocker zu verkommen, darin gipfelt, dass ich jede Woche eine ähnliche Menge Sambuca mit ihm vernichte, wie wir es an besagtem Samstag taten. Trotzdem wird es ganz sicher nicht zum Einzelfall, da ich gerade mit Nele nämlich auch jemanden finden konnte, der ganz ähnlich tickt.

Was uns in der Hinsicht verbindet, ist im Prinzip das, was uns nicht verbindet. Und damit glaube ich auch einen Knackpunkt im Hinblick darauf gefunden zu haben, welche Paare von Singles als langweilig empfunden werden, und welche nicht. Es ist in meinen Augen nämlich der Grat an Unabhängigkeit, der maßgeblich ist.

Ich kenne Paare – und der bereits erwähnte Basti und seine nach wie vor präsente erste Liebe gehören zweifelsohne dazu – die so abhängig voneinander sind, dass sie eigentlich auch einen gemeinsamen, symbiotischen Vornamen bekommen könnten (ein gemeinsamer Facebook-Account ist hier und da ja schon mal zu beobachten). Wenn man dann fragt: „Hast du nicht Lust, mich am Wochenende besuchen zu kommen”, dann wird das Du sofort als Ihr verstanden. Da bekommt man den Kerl gar nicht mehr allein zu Gesicht.

Ich gebe zu, das mag klingen, als gäbe ich denen Recht, gegen deren Vorbehalte ich mich hier zur Wehr setzen wollte. Dies aber ausdrücklich nur zum Teil. Denn Hendrik kann sicher sein – egal ob er, ich, keiner oder wir beide Single sind – dass ich ihn immer wieder gerne auf dem Weg zum Taxi stützen werde. Auch wenn ich ihm von Herzen wünsche, dass sich der Anlass so schnell nicht wiederholt.

Christian Woehl nimmt im Gegensatz zu den meisten Männern beinahe jede Unterhaltung zum Anlass, darüber zu grübeln. Ganz genau wie die meisten Männer kann er jedoch weniger gut darüber reden und so leben seine Freunde und Bekannte in der ständigen Angst, irgendwann einmal in seiner Kolumne aufzutauchen. In ferner Zukunft will er gerne den Roman veröffentlichen, der in seinem Kopf schon lange fertig ist. In der Zwischenzeit kann man ihn hier lesen und ihm hier folgen.

Headerfoto: Susannah van der Zaag via Creative Commons Lizenz!

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